Kaum ein Thema wird so emotional diskutiert wie der Klimaschutz. Während die einen vor Katastrophenszenarien warnen, zweifeln andere am Sinn einzelner Maßnahmen. Bestsellerautor David Nelles erklärt zum Weltumwelttag am 5. Juni, welche Debatten uns weiterbringen und welche eher vom eigentlichen Problem ablenken.
Flugreisen, Wärmepumpen, Elektroautos: Über Klimaschutz wird viel gestritten. Doch führen die lautesten Debatten tatsächlich zu den wichtigsten Antworten? Der Autor und Klimaexperte David Nelles sieht manches anders als Befürworter und Kritiker gleichermaßen. Im Gespräch mit der „Schwarzwälder Post“ erklärt er, warum Kompromisse oft unterschätzt werden, welche Fortschritte bereits erreicht sind und weshalb der Blick auf Lösungen wichtiger sein kann als die Suche nach der perfekten Maßnahme.
Susanne Vollrath: Herr Nelles, man hört immer wieder, dass jeder Einzelne beim Klimaschutz etwas bewirken kann. Gleichzeitig wird betont, dass niemand das Klima allein retten wird.
Was denn nun?
David Nelles: Beides stimmt. Wenn von 50 Millionen Autos nur eins elektrisch fährt, macht das kaum einen Unterschied. Wenn aber Millionen Menschen auf E-Autos umsteigen, wird daraus eine relevante Veränderung. Kein Einzelner kann das Klima retten. Dafür leben zu viele Menschen auf der Welt. Aber die Summe vieler individueller Entscheidungen macht einen Unterschied.
Über welches Klimathema reden wir in Deutschland viel zu viel?
Ich halte die Debatte über individuelles Fliegen für überbetont. Zwar spart Nicht-Fliegen auf individueller Ebene die meisten Treibhausgase. Aber es gibt – anders als beim Heizen oder Autofahren – noch keine klimafreundliche Alternative. Und so schön es im Schwarzwald ist: Man wird nicht alle dafür begeistern können, hier Urlaub zu machen.
Welches Argument der Klimaskeptiker finden Sie nachvollziehbar?
Intuitiv kann ich nachvollziehen, wenn jemand sagt, dass es früher auf der Erde auch schon mal wärmer war. Das stimmt. Zur Zeit der Dinosaurier lagen die Temperaturen deutlich höher als heute. Auch die Menschheit könnte grundsätzlich mit einem wärmeren Klima leben. Nicht die Erwärmung an sich ist das Problem, sondern die Geschwindigkeit. Aktuell ist unser ganzes Leben und unsere ganze Infrastruktur an das Klima von vor ein paar Jahrzehnten angepasst. Je schneller es wärmer wird, desto eiliger müssen Dämme erhöht, Gebäude besser gegen Überschwemmungen geschützt, Klimaanlagen nachgerüstet, Rückhaltebecken gebaut und neue Baumarten gepflanzt werden. Das alles kostet viel Geld.
Welche Klimaschutz-Idee, die Sie früher überzeugend fanden, sehen Sie heute kritischer?
Als ich zum ersten Mal davon gehört hatte, CO2 aus der Atmosphäre herauszusaugen und damit den Klimawandel zu stoppen, war ich total begeistert. Damit könnten wir den Klimawandel wie eine Heizung einfach wieder zurückdrehen. Mittlerweile zeigt sich aber, dass die Entwicklungsschritte dieser Technologien um ein Vielfaches langsamer sind als gehofft.
Warum fällt es Menschen oft leichter, ein Problem auszuhalten als ihr Verhalten zu ändern?
Unser „Steinzeit-Gehirn“ liebt den Status quo. Veränderungen wirken auf es wie ein Risiko. Selbst wenn der aktuelle Zustand nicht ideal ist, erscheint er vertraut und damit sicher. Niemand verliert gerne etwas, im Zweifel nicht einmal ein Problem.
Dazu kommt, dass Gewohnheiten quasi ein Energiespar- und Beschleunigungsprogramm für das Gehirn sind. Sie laufen automatisch und funktionieren wie neuronale Autobahnen. Will man etwas ändern, muss man runter von der Autobahn und sich Stück für Stück einen neuen Pfad erschließen. Dass Menschen immer wieder in alte Muster zurückfallen, ist normal. Die gute Nachricht ist, dass mit genügend „Gängen“ abseits der Autobahn neue Gewohnheiten entstehen können.
Welche Fortschritte beim Klimaschutz werden gerne mal übersehen?
Der Kohleausstieg funktioniert. Schweden, Belgien und Portugal haben ihn bereits geschafft. Auch Großbritannien hat sich von der Kohle verabschiedet. Oft schauen wir nur auf die Probleme und übersehen, was bereits erreicht wurde.
Wenn Kohle wegfällt: Was ersetzt sie?
Der Anteil erneuerbarer Energien wächst weltweit. Auch in den eben genannten europäischen Ländern werden Wind- und Solarenergie massiv ausgebaut. Je nach Land sorgen zusätzlich zum Beispiel Gaskraftwerke dafür, dass jederzeit genügend Strom verfügbar ist.
Kritiker würden sagen: Kohle raus, Gas rein – das ist doch keine Energiewende. Haben sie einen Punkt?
Wir müssen lernen, auch Kompromisse zu akzeptieren. Eine Wärmepumpe, die mit Strom aus einem teilweise fossil geprägten Netz betrieben wird, ist nicht perfekt. Aber sie ist trotzdem klimafreundlicher als eine Gasheizung. Auf die perfekte Lösung zu warten, bringt uns nicht voran.
Wenn Sie einen Irrtum über Klimaschutz aus den Köpfen streichen könnten – welcher wäre das?
Viele Menschen glauben, nur Deutschland kümmere sich um den Klimaschutz. Das stimmt nicht. Inzwischen hat praktisch jedes Land verstanden, dass gehandelt werden muss. In China etwa fahren mittlerweile mehr als 50 Prozent der neuen PKW elektrisch, und die Emissionen gehen zurück. Die Entwicklung hin zu klimafreundlichen Technologien ist deutlich schneller als noch vor zehn Jahren. Aber das Tempo reicht leider immer noch nicht für das Zwei-Grad-Ziel.
Das ist eine gemischte Bilanz. Aber zurück nach Hause: Wo machen Deutsche sich schlechter, als sie tatsächlich sind?
Definitiv bei der Energiewende. In den vergangenen fünf Jahren wurden die Ausbauziele bei der Photovoltaik erreicht. Auch bei Windkraft und Stromnetzen geht es deutlich voran. Die Zahlen haben sich verdreifacht. Allein 4.700 Kilometer neues Stromnetz wurde letztes Jahr genehmigt. Das ist eine Verdopplung im Vergleich zum Vorjahr.
Das Interview führte Susanne Vollrath





