Wolfgang Henschel feiert morgen seinen 90. Geburtstag. Aus seinem langen Leben hat er viel zu erzählen.
„Mein Großvater hatte eigene Pferdedroschken“, beginnt Wolfgang Henschel von seinem langen Leben zu erzählen, das am 28. Mai 1936 begann. Und je länger der ab dem morgigen Donnerstag 90-Jährige erzählt, desto öfter hört man ein „ick“ statt eines „ich“. Was darauf hindeutet, dass er ein „Berliner“ ist.
Tatsächlich wurde er in Berlin-Neukölln geboren, im Westen der Metropole, wo er auch den größten Teil seines Lebens verbrachte. Von eben diesem hat er schon Schülern erzählt. Denn zumindest die vom Zweiten Weltkrieg geprägte Kindheit des heutigen Seniors klingt für junge, hierzulande in Sicherheit aufgewachsene Generationen abenteuerlich, wenn nicht gar filmreif. Oder wie er es formuliert: „Die Schüler waren ganz begeistert, weil ich denen von der alten Zeit erzählt habe, die sie gar nicht kannten, von der Flucht und alles.“
Zunächst zurück zum Großvater. Der hatte 13 Kinder. Der entsprechend große Clan wohnte in einem dreistöckigen Mehrparteienhaus zur Miete. „Wir Henschels hatten es zu drei Viertel praktisch besetzt“, schmunzelt Wolfgang Henschel: „Die Wohnungen waren riesig, und wer von den Kindern heiratete, wohnte hier auch mit seiner Familie in den kleinen Zimmern, und die Küche war eine Gemeinschaftsküche für alle.“
Hinter dem Mietshaus befand sich ein Haus mit Pferdeställen, in den Zimmern darüber wohnten die Kutscher und Knechte, die nicht verheiratet waren. Später betrieb Wolfgang Henschels Vater hier eine Autowerkstatt, denn gegen Ende der 1920er Jahre wichen die Pferdekutschen Taxis.
Evakuierung aus Berlin
Dann aber kam der Krieg, „diese Bombenangriffe waren ja in Berlin ganz, ganz furchtbar.“ Die Familie wurde evakuiert und zog zu einer Tante nach Thüringen. Der Vater fiel 1942 auf dem Mittelmeer: Im Rahmen des von Hitlers Generalfeldmarschall Rommel befehligten Afrika-Feldzugs befand er sich auf einem Schiff, das unter anderem Sanitätsfahrzeuge transportierte, für deren Wartung der Automechaniker zuständig war. Das Schiff wurde torpediert, der Vater konnte nicht schwimmen. „Er hat immer gesagt: Wenn ich auf See bin, dann quäle ich mich nicht stundenlang auf dem Wasser, dann gehe ich gleich unter.“
Während der Zeit in Thüringen schaute die Mutter immer wieder nach der Wohnung in Berlin, den Sohn nahm sie dazu mit. „Und dann kam der Russe immer näher an Berlin ran“, erzählt Wolfgang Henschel. Die Mutter beschloss, zur älteren Schwester nach Mecklenburg zu fliehen. Als auch dort schließlich die Geschütze zu hören waren, „hat meine Tante, die noch ein Baby hatte, gesagt: Wir hauen ab.“
In Richtung England ging es, „das haben sie immer gesagt“. Was damit gemeint war, erklärt der Jubilar so: „Wir wollen alle in englische Gefangenschaft, in die russische gehen wir nicht.“ Sie erwischten einen Sanitätszug, „der hatte hinten offene Loren, auf den waren die Flüchtlinge mit ihren Handwagen.“ Der heutige Senior erinnert sich an die vielen Verwundeten. Zur Abwehr von Flugzeugangriffen befand sich auf einer der Loren eine Vierlingsflak – eine Flugabwehrkanone mit vier Rohren – sowie die dazugehörige Mannschaft, die Kanoniere. „Wir hatten auch einen kleinen Angriff von einer Rata, das waren kleine, einmotorige Flugzeuge.“
Unterkunft in Flakbaracke
Unterwegs hatte der Sanitätszug längere Aufenthalte, denn für die Dampflokomotive musste im Wald Brennholz besorgt und der voluminöse Tank Eimer für Eimer mit Wasser aus einem Bach oder See gefüllt werden. Diese Zeit nutzten die Flüchtlinge, um sich an Brunnen mit Trinkwasser und bei Bauern mit Lebensmitteln zu versorgen.
Bei Lübeck kam die Familie mit dem Zug „direkt in englische Gefangenschaft.“ Gegen Kriegsende 1945 war das. Beziehungsweise: In Gefangenschaft kamen die Soldaten, Zivilisten hingegen in ein Internierungs- respektive Auffanglager. Das bestand aus in die Erde gebauten Baracken für die Flugabwehr, „da guckten nur die Dächer aus den Gräben raus.“
Die Unterstände waren vollständig leergeräumt. Ein Bauer brachte schließlich Strohballen und einige Bretter – als Schlafgelegenheit. Wolfgang Henschels Mutter hatte bereits den Ersten Weltkrieg mitgemacht, „die wusste noch, wie das so ungefähr ist.“ Daher hatte sie bei Antritt der Flucht darauf bestanden, Bettwäsche in den Handwagen zu packen. Das kam der Familie nun zugute.
Allerdings: „Kein Mensch hat uns verpflegt“. Als Zivilisten aber durften sie sich frei bewegen, sich daher beim Bauern Lebensmittel kaufen. Das Geld dazu war für die Flucht in Scheinen in die Mantel eingenäht worden, und unter der Matratze des Kinderwagen waren ebenfalls Geld sowie die Papiere versteckt worden.
Russischer Passierschein, amerikanischer Sektor
Wolfgang Henschel: „Weil die Wehrmacht sich da aufgelöst hatte, hatte jeder Bauer, der früher ein Schwein und fünf Kaninchen hatte, jetzt plötzlich drei, vier Pferde auf der Wiese.“ Die wurden bei Bedarf geschlachtet und verarbeitet. Von diesem Pferdefleisch und der Wurst „haben wir Flüchtlinge im Grunde genommen gelebt.“
Und dann „kam der Russe doch noch“. Das hing damit zusammen, dass Berlin in vier Sektoren aufgeteilt worden war. „Dafür mussten die Engländer und Amerikaner jeweils ein Stück von ihren eroberten Gebieten zurückgeben, da wurde Thüringen also plötzlich russisch.“
Die Familie Henschel hat es so erlebt: „Plötzlich waren die ganzen Engländer weg und morgens marschierten die Russen ein.“ Was allerdings sein Gutes hatte: „Der kleine russische Kommandant kam und hat gesagt: „So, wie ihr haust, das geht nicht“, und hat uns bei den Bauern untergebracht.“
Zudem wollte der Kommandant von jedem wissen, wo er herkam. „Berlin gut“, sagte er zur Familie Henschel. „In seiner Welt war die inzwischen aufgeteilte Stadt offenbar noch russisch.“ Mit dem Ergebnis, dass den Henschels Passierscheine ausgestellt wurden. „Und dann hat meine Mutter sich mit mir und einem Koffer voll Pferdewurst nach Berlin aufgemacht. Drei Tage haben wir gebraucht, immer von einem Zug zum anderen.“
Weil niemand wusste, was sie dort erwarten würde, blieb die Tante mit ihrem Säugling und Wolfgangs Schwester im Auffanglager zurück. Als Mutter und Sohn in Berlin-Neukölln ankamen, stand dort ein Schild mit der Aufschrift: „Sie betreten den amerikanischen Sektor.“ Glücklicherweise bedeutete der russische Passierschein keine großen Probleme.
Malz geklaut
Die Wohnung war unversehrt geblieben. Ein russischer Offizier hatte hier mit seiner Freundin gelebt. Und in den Ställen, in denen früher die Droschkenpferde des Großvaters standen, hatten die russischen Soldaten ihre Pferde untergebracht. Sobald der Offizier nach der Aufteilung Berlins mit seinen Mannen in den russischen Sektor gewechselt war, „hatte Tante Hilla alles besetzt, falls die Henschels kommen“, erzählt Wolfgang.
Daher war die Wohnung frei, als Mutter und Sohn ankamen, auch alle Möbel waren noch vorhanden. Die Mutter machte sich daraufhin erneut auf den Weg – diesmal, um seine Schwester, die Tante und deren Säugling aus dem Auffanglager bei Lübeck nach Berlin zu bringen. Bis zu ihrer Rückkehr lebte der heute 90-Jährige bei Tante Hilla.
Der Beschaffung von Lebensmitteln galt nach wie vor die größte Sorge. Tante Hillas Mann – ein von den Amerikanern sogleich eingespannter Flugzeugmonteur, begab sich mit seinem Neffen nach Feierabend einen Beschaffungsgang, mit einigen Beuteln bewaffnet. Ziel war eine nahe gelegene Brauerei. Der Mann hob den Jungen hinauf zu einer Raumöffnung im Hochparterre. Dort lagerte Erntemalz, kein Wunder also, dass die Öffnung vergittert war.
Doch der gut neun Jahre alte Junge passte hindurch. In aller Eile füllte er die Beutel mit Malz, warf sie hinaus und kletterte durch das Gitter zurück. „Zuhause wurde aus dem Malz mit der Kaffeemühle Mehl gemahlen und Suppe daraus gekocht.“
Recht gut durch diese Zeit kam die Familie dank ihres 800 Quadratmeter großen Schrebergartens. Dort wurden Hühner und Kaninchen gehalten, Gemüse und Obst angebaut, viele Obstbäume gab es. Spinat und Möhren seien als erstes in die Erde gekommen, erinnert sich Wolfang Henschel, „meine Mutter kam vom Lande, die wusste Bescheid, und ich hab immer umgebuddelt“. Das Ergebnis seines mühevollen Umgrabens fand jedoch keine unbedingte Zustimmung: Als ob ein Maulwurf gewühlt habe, sehe die Erde aus.
20 Kilometer zu Fuß – mit zehn Jahren
Auch beim Tauschhandel war sein Körpereinsatz gefragt. Etwas über zehn Jahre alt sei er gewesen, als man ihm den Griff eines mit Kirschen beladenen Handwagens in die Hand gedrückt habe. „Zehn Kilometer musste ich damit nach Berlin reinlaufen.“ Bei einem mit der Mutter bekannten Bäcker tauschte er Brot ein. In Bezug auf den Metzger lautete die mütterliche Anweisung: „Lass dir aber nicht wieder Fleisch in die Hand drücken.“ Rindertalg sollte er sich stattdessen geben lassen.
Was heutzutage seltsam klingen mag, hatte einen tiefen Sinn. Von einem Stück Fleisch hatte man nicht lange etwas. Der Rindertalg hingegen reichte für ein bis zwei Wochen. Er wurde in Würfeln angebraten. Aus dem ausgelassenen Fett bereitete man eine Mehlschwitze, mit Gemüse aus dem Schrebergarten entstand daraus ein nahrhafter Eintopf. „Wir haben viel Eintopf gegessen.“
Mit den Tauschwaren im Handwagen hieß es für den Zehnjährigen dann, die zehn Kilometer wieder zurück nach Hause zu laufen. „Man brauchte keine Angst haben, dass da was geklaut wird“, erinnert sich der heutige Jubilar. „Da waren so viele Polizisten auf der Straße, da herrschte Ordnung – wenn irgendwas war, gab es sofort was mit dem Knüppel von oben runter, egal, wen es getroffen hat, da gab es keine Rücksicht, das waren ja alles altgediente Militaristen.“ Meist auch seien einige amerikanische Militärpolizisten auf der Straße gewesen.
Der Schrebergarten der Henschels lag im Osten, beziehungsweise an der Ostgrenze. „Später haben sie aus unseren Gärten einen Todesstreifen gemacht, da wurde alles niedergewalzt.“
Durch Motorradunfall gezeichnet
Die Schule durfte Wolfgang Henschel bis zur neunten Klasse besuchen, mit Zeugnissen aus Thüringen, Lübeck und Berlin. „Auch wenn man evakuiert war, kam man sofort in die Schule“, erklärt er und fügt ironisch an: „Der Hitler wollte wohl nicht, dass man doof bleibt.“ Nach dem Hauptschulabschluss hieß es: „Jetzt machst du eine Lehre.“
Er absolvierte eine Ausbildung zum Metzger. Ein schwerer Motorradunfall mit immer neuen Klinikaufenthalten zwang ihn 1962 in die Berufsunfähigkeitsrente. Über einen Bekannten kam er zurück ins Berufsleben: Beim BVG (früher: Berliner Verkehrsgetriebe) konnte er seinen Bus-Führerschein machen. Weitere Umschulungen folgten: Wegen gesundheitlicher Probleme wurde er in den U-Bahn-Bereich versetzt, blieb schließlich als Weichensteller in verschiedenen Stellwerken bis zum 58. Lebensjahr im Dienst, ging dann per Übergangsregelung in den Ruhestand.
Seine 1937 ebenfalls in Berlin geborene Frau Helga lernte er beim Tanzen in einer der Berliner Kneipen kennen. Sie heirateten 1959, im gleichen Jahr kam Tochter Gabi zur Welt, zehn Jahre später folgte Daniela. Inzwischen sind zwei Enkelsöhne hinzugekommen. Der ältesten Tochter folgte das Ehepaar 1995 in die Ortenau, nach Welschensteinach. Seit acht Jahren nun leben die Henschels in Zell im betreuten Wohnen Im Bruch, wo es den beiden nach der Besichtigung einiger Einrichtungen am besten gefiel.
Da Wolfgang Henschel inzwischen auf Rollstuhl und Rollator angewiesen ist, sind die früher so gern unternommenen Reisen nicht mehr möglich. Umso lieber löst er Kreuzworträtsel. „Das ist wie eine Sucht“, schmunzelt Tochter Gabi, gelernte Krankenschwester, „man muss ihm den Teller aufs Kreuzworträtsel stellen, damit er merkt, dass es Essen gibt.“





