Claus Franke war der Ideengeber. Gemeinsam mit der stellvertretenden Betriebsrätin wird er sich vor Ort ein Bild vom Einsatz der Spendengelder machen.
„Da kommt die Spende gut an“, zeigt sich Claus Franke zutiefst überzeugt von der Präsentation der „Pflasterstube Ortenau e.V.“ durch Michael Eickmann. Der pensionierte, promovierte Mediziner fungiert seit etwa einem Jahr als Vorsitzender des Fördervereins, der seinen Sitz in Offenburg hat.
„Wir kümmern uns um die Gesundheit von Obdach- und Wohnungslosen und finanzieren uns nur durch Spenden“, heißt es im jüngsten Jahresbericht, von dem der Vorsitzende anlässlich der offiziellen Spendenübergabe einige frisch gedruckte Exemplare mitgebracht hat.
Die Übergabe findet im lichtdurchfluteten Aufenthaltsraum im obersten Stockwerk der Prototyp-Werke GmbH statt. Die ist seit dem Jahr 2009 eine Kompetenzmarke der Walter-Gruppe, stellt Fräswerkzeuge und Gewindebohrer her und hat aktuell rund 300 Mitarbeiter.
Viele von ihnen beteiligen sich an „ProtoCent“. Im Zuge dieser Aktion spenden sie die aufgerundeten Rest-Cent-Beträge ihrer Bruttolohnabrechnung. Den so zustande gekommenen Betrag – typischerweise 600 bis 750 Euro – verdoppelt die Geschäftsführung im Anschluss.
„Die Belegschaft sammelt Ideen dafür, wo das Geld hingehen soll“, erklärt die stellvertretende Betriebsrätin und Versandfachfrau Susanne Franke, „ein Gremium aus Geschäftsführung, Betriebsrat und Mitarbeitern trifft dann die Entscheidung.“ Dieses Jahr fiel die Wahl auf besagte „Pflasterstube“ – und der eingangs erwähnte Claus Franke strahlt. Der in der Qualitätssicherung angestellte ist gleichzeitig im Betriebsrat im Arbeits- und Gesundheitsschutz tätig und mit Susanne Franke verheiratet. Und er ist es, der dem ProtoCent-Gremium die Pflasterstube vorgeschlagen hat.
„Mein Mann ist mir in die Quere geschossen“, schmunzelt seine Gattin, denn sie selbst hatte „ELLEfriede“ als Spendenziel vorgeschlagen, ein Schutzangebot speziell für wohnungslose Frauen in Offenburg. Doch natürlich steht Susanne Franke voll und ganz hinter der „Pflasterstube“ als diesjährigem ProtoCent-Spendenziel – so, wie sich die Eheleute überdies privat vielfach sozial engagieren, auch schon mit Obdachlosen in Offenburg das Gespräch gesucht haben in dem Bestreben, ihnen zu helfen.
1.500 Euro sind in diesem Jahr durch das Rundungsmodell „ProtoCent“ zusammengekommen. „Wir hatten auch schon viel höhere Summen“, erinnert sich die stellvertretende Betriebsrätin, der Freude des „Pflasterstube“-Vorsitzenden Michael Eickmann tut das jedoch keinen Abbruch.
Sobald Ekkehard Duppel – Prototyp-Geschäftsführer seit 2024 – zu der Gruppe stößt, erläutert der Pflasterstube-Mann das Konzept des Vereins. Der entstand vor über 25 Jahren aus der Initiative eines ehemaligen Obdachlosen, einem früheren Krankenpfleger. „Der war untergebracht im St. Ursula-Heim für wohnungslose Männer und Frauen in Offenburg, das wird von der AGJ Freiburg betreut.“ Die AGJ ist ein Fachverband für Prävention und Rehabilitation in der Erzdiözese Freiburg.
„Der Mann stellte bei seinen Mitbewohnern fest, dass die alle gesundheitlich nicht gut versorgt sind“, erzählt Michael Eickmann. Gemeinsam mit seinem Hausarzt hatte der Mann damals die Idee, sich um diese Menschen zu kümmern. „Obdachlose haben oft das Problem, dass sie entweder nicht versichert sind, oder sie sind zwar versichert, haben aber keinen Zugang zum Regelsystem, weil sie gar nicht wissen, wie es geht“, berichtet der Pflasterstube-Vorsitzende und fährt fort: „Und diese Menschen können keine Termine einhalten. Und wenn sie in eine Praxis kommen, werden sie oft weggeschickt, weil sie – sagen wir mal – sichtbar asozial sind.“
Immer mehr ehrenamtliche Mediziner stießen damals zu der Initiative, bis vor 20 Jahren der Förderverein gegründet wurde. Mit dem Ziel, Ortenau-weit Obdachlose medizinisch zu versorgen. Heute sind es (alternierend) etwa 15 Ärzte, die in Achern, Lahr, Kehl und vor allen Dingen in Offenburg Sprechstunden abhalten, „da sich Obdachlosigkeit in der Regel auf die größeren Städte konzentriert“, wie Michael Eickmann erläutert. „Wir betreuen die Leute, die in den Wohnheimen wohnen. Und wir betreuen die Menschen, die auf der Straße wohnen. Die kommen dann zu uns in die Wärmestube.“ In Offenburg befindet sich eine solche derzeit noch am alten Schlachthof, die dort befindliche Sprechstunde wird jedoch Mitte bis Ende des Jahres umziehen müssen, dann gilt es ein neues Arztzimmer einzurichten.
Die Hilfsleistungen bestehen aus allgemeinärztlicher, psychiatrischer und zahnärztlicher Sprechstunde. Zudem gibt es einen Kollegen im Vorstand, der sich um die Krankenversicherung kümmert. „Die Leute wissen oft nicht, bin ich überhaupt krankenversichert?“, erklärt Michael Eickmann dazu. Viele seien versichert, doch die Papiere fehlten. Bei den Unversicherten handele es sich teils um ehemalige Schwarzarbeiter aus dem Ausland, oftmals aus Osteuropa, auch um Durchreisende.
Auch um die Facharztvermittlung kümmert sich die Pflasterstube beispielsweise, begleitet überdies zu Arztterminen zwecks bürokratischer oder organisatorischer Unterstützung. „Manche Betroffenen lehnen Hilfe ab oder reagieren aggressiv“, weiß Michael Eickmann aus mobilen Einsätzen mit dem Pflastermobil. Wer jedoch wirklich dringend medizinische Hilfe benötige, der nehme diese in der Regel an. Nicht zuletzt komme es auf die Art der Ansprache an, die grundsätzlich auf zwischenmenschlicher und auch physischer Augenhöhe erfolgen solle.
Die Pflasterstube lebt ausschließlich von Spenden. Dass der Verein keine Förderung erhält, sieht Michael Eickmann positiv angesichts der dadurch gewährleisteten, völligen Unabhängigkeit. Vier Angestellte gehören dem Verein an: Eine Krankenschwester arbeitet in der „Wärmestube“. Zwei weitere Angestellte betreuen die Bewohner des St. Ursulaheims. Eine vierte Angestellte unterstützt die Zahnärzte.
Darüber hinaus zahlt die „Pflasterstube“ Medikamente, Zuzahlungen, Brillen, Zahnprothesen. In Einzelfällen erfolgt die Übernahme von Pflegeleistungen oder auch Hospizaufenthalten, damit ein Schwerstkranker Obdachloser „einigermaßen versorgt sterben kann.“
In Notfällen würden Obdachlose zwar per Rettungsdienst ins Krankenhaus gebracht und dort versorgt werden. Nach der Entlassung aber seien sie wieder auf sich gestellt, „dann kümmern wir uns um die Nachversorgung.“ Umso mehr freut sich der Pflasterstuben-Vorstand darüber, dass der Verein dank Spenden einen lange gehegten Traum verwirklichen kann: Die Einrichtung einer Pflegewohnung für genesungsbedürftige Obdachlose nach Krankenhausaufenthalten, mit einer temporären Aufenthaltsdauer von geplant eins bis fünf Monaten, „zur Zwischenversorgung, also nicht zur Dauerpflege.“
Als niederschwellige Hilfe verteilt der Verein Kontaktkärtchen in leuchtendem Orange, mit Adresse und Telefonnummer, damit Betroffene den Weg zur medizinischen Unterstützung finden. Zudem versucht die Pflasterstube, Kliniken und Notaufnahmen stärker einzubinden.
Im Zuge der Spendenübergabe haben Claus und Susanne Franke mit Michael Eickmann einen Termin für einen Besuch der „Pflasterstube“ ausgemacht, um sich vor Ort vom Einsatz der Spendengelder ein Bild zu machen.





