Regionalversammlung der Milchbauern:

Qualität und Regionalität bieten Zukunft

Rund 150 Milchbauern des BDM-Kreisverbandes Offenburg-Rastatt kamen am Freitag zur Regionalversammlung in die Sport- und Festhalle. Auf der Agenda stand die immer noch andauernde Milchkrise. Mit Martin Häußling, Mitglied des Europaparlaments und agrarpolitischer Sprecher der Fraktion der Grünen, sowie Stefan Mann, stellvertretender Vorsitzender des BDM, konnten zwei hochkarätige Referenten  gewonnen werden.

Nachdem im April 2015 EU-weit die Abschaffung der Milchquote beschlossen wurde, kam der Milchpreis immer mehr unter Druck und fiel zeitweise bis unter 20 Cent pro Liter. In der Folge beschloss die EU-Kommission zwei Hilfspakete zur Unterstützung der Bauern. 2015 flossen 420 Mio. Euro an die europäischen Milcherzeuger, davon erhielten deutsche Milchviehhalter 68 Mio. Euro. Mit dem zweiten Hilfs­paket im Juli 2016 werden nochmals 500 Mio. Euro Hilfsgelder ausbezahlt, wovon 58 Mio. Euro nach Deutschland fließen. Als Gegenleistung wird diesmal von den Milchbauern eine »Milchmengendisziplin« abverlangt. Ziel der EU-Kommission ist es, weniger Milch zu besseren Preisen zu erhalten.

»Endlich hat sich in der Politik die Erkenntnis durchgesetzt, dass die Milchmenge den Preis beeinflusst« befürwortete BDM-Kreisteamleiter Stefan Lehmann diese Entscheidung in seiner Begrüßungsrede. »Dies ist auch ein Verdienst des BDM« stellte er kämpferisch dar. »Seit 10 Jahren demonstrieren wir und führen mit viel Engagement unsere Protestaktionen durch, jetzt ist endlich ein Wechsel in der Ausrichtung der EU-Agrarpolitik erkennbar. Nur schade, dass es so lange ging und dadurch viele Bauern aufgegeben haben« machte er auf die immer noch prekäre Lage vieler Milcherzeuger aufmerksam.

Hoffnungen auf den Weltmarkt haben sich zerschlagen

Diese Auffassung bestätigte auch Martin Häußling, Mitglied des Europaparlaments und dort agrarpolitischer Sprecher der Fraktion der Grünen. Er ist selbst Milchbauer aus Hessen und kennt daher die Nöte und Sorgen der versammelten Zuhörer. »Die Hoffnungen der EU-Kommission auf goldene Zeiten haben sich zerschlagen – alle sogenannten Experten lagen falsch« erläuterte er. Mit Förderprogrammen hat man EU-weit die Bauern dazu angeregt ihre Betriebe zu vergrößern und mehr Milch zu produzieren – Ziel war es, den Weltmarkt zu bedienen – allen voran den russischen und chinesischen Markt. Spätestens nach den Russland-Sanktionen haben sich diese Hoffnungen allerdings in Luft aufgelöst. Viele Bauern, vor allem im Osten Deutschlands, mussten dann aufgrund von Überschuldung und bei den stetig fallenden Milchpreisen aufgeben.
»Wir können nicht den Welternährer spielen« verdeutlichte Martin Häußling. Den Weltmarkt beherrschen Amerikaner und Neuseeländer. Deren Großfarmen mit bis zu 15.000 Milchkühen produzieren zu Bedingungen, welche in der Europäischen Union nicht machbar sind.

Die Milchkrise hat deutlich gezeigt, dass kleine, regional verwurzelte Familienbetriebe in Deutschland besser aufgestellt sind als die Großbetriebe. »Wir müssen weg von der Subvention nach Betriebsgröße und hin zur regionalen Ausrichtung« forderte er. Dieser Schritt wird allerdings nicht einfach werden. »Es ist ein zähes Geschäft und Bohren ganz dicker Bretter« erläuterte Martin Häußling seine täglichen Erfahrungen als EU-Politiker.

Die Lebensmittel-Lobby ist die größte in Brüssel und nur an billigen Rohstoffen interessiert. Erfolgreich hat zum Beispiel die Industrie den Versuch boykottiert, eine regionale Kennzeichnung einzuführen. »Ohne die regionale Kennzeichnung haben wir jedoch einen anonymen Markt, dies hilft nur der Industrie zur billigen Massenproduktion« forderte er die Solidarität aller Bauern ein, sich dafür nicht herzugeben. Ein Satz, der vielen Anwesenden aus der Seele sprach, wie der lautstarke Beifall zeigte.

Neue Ausrichtung in der Argarpolitik gefordert

»Insgesamt muss die EU-Kommission auf eine andere Agrar- und Handelspolitik setzen« umriss Martin Häußling sein politisches Streben. Es kann seiner Meinung nach nicht sein, dass Europa den afrikanischen Markt mit Milch überschwemmt und europäische Fangflotten auch noch die Fische vor der afrikanischen Küste wegfischen. »Dann brauchen wir uns nicht wundern, wenn sie plötzlich bei uns vor der Türe stehen« spielte er auch auf die aktuelle politische Lage an. In diesem Sinne appellierte er an die Versammlung, den einfachen Lösungen populistischer Parteien, die zur Zeit europaweit Zulauf erhalten, nicht auf den Leim zu gehen.
Für die Zukunft hält er ein Schrumpfen des EU-Agrar-Haushalts für wahrscheinlich. Mit dem Austritt der Briten aus der EU verlässt ein Netto-Zahler die Gemeinschaft. Auch deshalb braucht es ein System, in dem die Bauern von den Milchpreisen leben können. »Die Steuerzahler werden nicht auf ewig eine Dauersubvention finanzieren können« resümierte Martin Häußling.

Monitoring-System soll den Markt kontrollieren

Stefan Mann, stellvertretender Vorsitzender des BDM und Milchbauer aus Hessen erläuterte die Arbeit des Bundesverband Deutscher Milchbauern (BDM) in den zurückliegenden Jahren. »Wir haben mit unseren Protest-Aktionen, die uns bis nach Brüssel geführt haben, viele Milchbauern aber auch Politiker aufgeweckt« Auch wenn sich der Milchpreis in den letzten Monaten auf rund 30 Cent pro Liter stabilisiert hat, ist die Lage immer noch angespannt.

»Für das jetzige System gibt es keine Zukunft« forderte er eine europaweite Monitoring-Stelle, welche mit Kompetenzen ausgestattet ist, um schon im Vorfeld einer Krise die Milchmenge zu regulieren.  Aufgabe des BDM ist es, dafür eine ständige Informationspolitik zu betreiben, und mit gezielten Aktionen die Aufmerksamkeit von Politik und Öffentlichkeit zu erhalten.

Im letzten Jahr hat die EU so viel Milch produziert wie noch nie zuvor. Anschließend verfiel der Milchpreis – aber nicht nur dieser. Der Preis für 1 kg Käse sank von rund 6 Euro auf bisweilen nur noch 3,50 Euro. »Auf dem Weltmarkt setzt sich somit nicht mehr die Qualität, sondern nur noch die Masse durch – und dies führt zu sinkenden Preisen« forderte Stefan Mann mehr Nachhaltigkeit.

Mit dem Inkrafttreten des 2. EU-Hilfspakets sieht aber auch Stefan Mann ein leichtes Umdenken bei den verantwortlichen Politikern. Ob dieses Umdenken jedoch nachhaltig ist, oder lediglich den anstehenden Wahlen geschuldet ist, muss sich erst noch erweisen, zeigte er sich leicht skeptisch. Dass auch die Bauern selbst ein wichtiger Bestandteil zur Lösung sein können formulierte er kämpferisch: »Für dieses Geld können und werden wir nicht weiter produzieren – Diese Drohung muss stehen«.

Jungbauern-Gruppe berichtet

Anja Kornmayer und Svenja Allgaier präsentierten die Aktivitäten der Jungbauern-Gruppe im vergangenen Jahr. Viele haben schon bei Demo-Aktionen und Kundgebungen teilgenommen. Highlight war jedoch die Teilnahme beim »Schwarzwälder Vierkampf« am 9. Mai in Bad Peterstal. Hier galt es, sich in den vier Disziplinen mähen, sägen, rechen und räppeln zu beweisen.

Beim Mähen kam es dabei nicht nur auf die Schnelligkeit im Umgang mit der Sense an. Die Jury legte auch Wert auf die Sauberkeit des Schnittes und der Mahd. Um beim Räppeln die höchste Punktzahl zu erhalten, mussten pro Team zwei Baumstämme von ihrer Rinde  befreit werden. Ordentliche Oberarmmuskeln und Fingerspitzen­ge­fühl waren dann beim Sägen mit einer alten Waldarbeitersäge gefragt. Beim Melken an einem Melkdummy wurden schließlich bei der vierten Disziplin die letzten Kraftreserven mobilisiert. Es galt, möglichst viel Wasser innerhalb einer vorbestimmten Zeit in einen Eimer zu melken.

Um Geld in die Kasse zu erwirtschaften haben die jungen Hofnachfolger auch in diesem Jahr wieder die Bewirtung der Regionalversammlung übernommen. Zudem haben die Jungbauern mit der Motorsäge kreative Weihnachtsdeko produziert und zum Verkauf ausgestellt. Die Mädels der Gruppe zeichneten für die Tischdekoration verantwortlich.

Merken

Merken

Schwarzwälder Post – Ihre Druckerei im Mittleren Schwarzwald