Ungezwungenes Kreativsein auf dem Brunnenhof

Seit über einem Jahr lebt die Künstlerin Irina Vitt mit ihrer Familie in Prinzbach. Sie ist Dozentin und Illustratorin, veranstaltet aber auch Workshops und ab Anfang März alle vierzehn Tage offene Atelierabende.

Jede Menge Platz, doch urig-heimelig und obendrein inspirierend: Beim Betreten des Ateliers von Irina Vitt scheint man sich als Besucher innerlich wie äußerlich automatisch aufzurichten, tief einzuatmen, sich irgendwie angekommen zu fühlen. Fast wie im Urlaub.

„Wie in einem Paradies geht es mir hier“, schwärmt auch die Künstlerin selbst angesichts des mindestens 100 Quadratmeter großen Raums. Der befindet sich im idyllischen Prinzbachtal, auf dem über 200 Jahre alten Brunnenhof – direkt unter der Dachbodenscheune des liebevoll hergerichteten Kinzigtaler Eindachhofs. Freigelegtes Stützgebälk unterteilt das Atelier und lässt den Blick dennoch ungehindert schweifen.

Den Zauber des Raumes macht nicht zuletzt auch die großzügige Einrichtung mit einem ganz besonderen Mobiliar aus – mit alten hölzernen Tischen, Stühlen, Kommoden, Stelen und Schränken. „Mein Mann ist Handwerker und glücklicherweise liebend gerne auf der Jagd nach alten Möbeln. Wenn nötig, bereitet er sie auf“, erzählt Irina Vitt. Auch auf dem Dachboden des Brunnenhofes war das Ehepaar fündig geworden.

Die Vierundvierzigjährige, die aus Oberkirch stammt und in Offenburg die Waldorfschule besuchte, hat Kunst, Kunstpädagogik und Kunsttherapie studiert – in der Nähe von Bremen. Der Norden sei sozusagen ein Blick über den Tellerrand für sie gewesen, resümiert sie. „Und dann bin ich Stück für Stück wieder hier gelandet und habe mittlerweile vier Kinder im Alter von fünf bis 18 Jahren.“

„Bereit für alle Ideen“

Im Oktober 2024 ist sie mit ihrer Familie aus Lautenbach im Renchtal ins Leibgeding auf dem von ihren Schwiegereltern geführten Brunnenhof gezogen. Der befindet sich seit 1870 in Familienbesitz, und Irina Vitt schaut, wie sie sich einbringen kann. „Bei mir sind das jetzt nicht die Tiere und die Landwirtschaft in dem Sinne, sondern ich bin eher auf der künstlerischen Seite.“ Und: Den großen alten Bauerngarten mag die Neu-Prinzbacherin „wahnsinnig gerne“ – Schwiegermama Rita Vitt, rührig-kreative Vorsitzende der Landfrauen Prinzbach-Schönberg, bewirtschaftet ihn.

Für die Kinder sei das Hofleben paradiesisch, freut sich Irina Vitt, und es gehe sehr harmonisch auf dem Hof zu, „was ich sehr schätze.“ Dass sie sehr tüchtige und engagierte Schwiegereltern habe, betont sie und schmunzelt liebevoll: „Die sind jederzeit bereit für alle Ideen, die man so hat, und unterstützen mich bei meinem Projekt.“
So kommt es, dass sie den bereits vor einigen Jahren weitgehend hergerichteten Raum unter dem Dach als Atelier nutzen kann. „Für mich ist das ein Riesenschatz, für den ich wahnsinnig dankbar bin.“ Ein Schatz, den sie auch anderen zugänglich machen will.

Jeden zweiten Mittwoch

Das soll ab Anfang März zum einen in Form offener Atelierabende erfolgen, mittwochabends im vierzehntägigen Rhythmus. Irina Vitt erklärt dazu: „Das ist für alle aus der Umgebung Kommenden gedacht, die sich im Alltag gerne kreativ betätigen möchten oder auch ein bisschen runterkommen und entspannen möchten über das Kreativsein.“ Diese Kombination sei ihr wichtig: Einerseits könne man etwas mit seinen Händen tun und dabei mit schönen Materialien arbeiten, im wahrsten Sinne des Wortes also „handeln“. Andererseits könne man „ein bisschen was anderes in den Alltag lassen.“ Und zwar ab 4. März, jeden zweiten Mittwoch von 18.30 bis 21 Uhr.

„Diesen Raum zu schaffen, finde ich schön“, erklärt sie dazu, „wo Menschen zusammenkommen und zusammen etwas tun können oder auch jeder für sich allein und wo man sich vielleicht auch gegenseitig so ein bisschen inspiriert“ – ohne jedoch unbedingt mit einem Ziel vor Augen. „Einfach im Moment sein, präsent sein, ein bisschen runterkommen“, das sei ihre Traumvorstellung für die Teilnehmer, sagt sie, „ich bin gespannt, ob das funktioniert.“

Ein Arbeitsraum soll das Atelier dann sein, „in dem jeder seine Prozesse verfolgt.“ Und in dem jeder mit dem (zur Verfügung gestellten) Material arbeitet, das ihn gerade anlacht – Aquarellmalen beispielsweise oder Keramikbemalen, „wir haben hier auf dem Hof einen Brennofen.“ Anfänger und Fortgeschrittene sind gleichermaßen willkommen, auch Arbeiten mit Ton oder Filzen ist möglich.

Möglichst flexibel

Zwar stehen die vierzehntägig festen Termine, dennoch handelt es sich um ein relativ offenes Konzept. „Zu meiner Zielgruppe gehören auch Mamas“, erklärt Irina Vitt dazu, die selbst nur zu gut weiß, dass im Dasein als Mutter nicht immer alles planbar ist.

Daher will sie möglichst viel Flexibilität walten lassen. Sie will am Mittwochabend „einfach diejenigen aufnehmen, die kommen und die das aber trotzdem längerfristig machen wollen, als Hobby oder als Ausgleich zum Alltag.“ Die maximale Teilnehmerzahl ist pro Abend auf zehn beschränkt, denn Irina Vitt begleitet ihre Schützlinge bei Bedarf individuell. Was bedeutet, „dass ich an diesen Abenden nicht an eigenen Sachen arbeite – es sei denn, ich will irgendetwas zeigen.“

Workshops

Neben besagten offenen Atelierabenden bietet Irina Vitt spezielle Workshops an (auch für Gruppen, die sich bei ihr melden), beispielsweise speziell zum Thema Aquarellmalen oder zum Binden von Blumenkränzen. Letzteres ist eine weitere Leidenschaft der Künstlerin, die schwärmt: „Ich liebe Gartenarbeit!“ So kommt es, dass sie im Bauerngarten des Brunnenhofs ein Beet speziell für Blumen angelegt hat, die sich gut trocknen lassen, wie etwa Strohblumen.

Die getrockneten Bündel – auch Gräser – schmücken die Vasen auf den Tischen des Ateliers oder hängen von der Decke, dazu die gleichfalls hängenden Blumenkränze, teils mit kleinen Aquarellen kombiniert – all das wirkt leicht und doch erdend. Die Gartenarbeit dient der Künstlerin als Ausgleich: zum einen zu ihrer Arbeit als Dozentin an einer Fachschule für Sozialberufe, zum anderen zu ihrer Tätigkeit als Illustratorin von Bilderbüchern.

So hat sie gemeinsam mit der Autorin im letzten Jahr das Buch „Hähnchen und Hennchen“ (Verlag: CV Dillenburg) im Zeller Storchenturm präsentiert. Inzwischen liegt das nächste Abenteuer des vom Zeller Keramikmotiv „Hahn und Henne“ inspirierten Küken-Duos vor. Irina Vitt nimmt das Buch in die Hand: „Es ist noch ganz druckfrisch und noch gar nicht auf dem Markt.“

Das Durchlässige, Durchscheinende

Insgesamt vier Bücher hat sie inzwischen illustriert, das fünfte befindet sich in Arbeit, die Anfrage für ein weiteres liegt bereits vor. Die ersten Skizzen und Zeichnungen entstehen mit Bleistift auf dem Papier. Die Illustrationen jedoch erstellt sie aus Zeitgründen am Tablet, wobei ihr wichtig ist, dass es handgezeichnet aussieht. So wie sie persönlich das Haptische bevorzugt: „Ich arbeite sehr gerne analog.“

Farbe und ihre Wirkung faszinieren Irina Vitt. „Ich mag sehr gerne die Durchlässigkeit der Farbe, dieses Transparente, Durchscheinende in der Kunst.“ Oder anders gesagt: „Ich mag es, wenn ein Bild atmet, nicht so zugekleistert ist mit Farbe“, egal ob abstrakt oder konkret. Aus diesem Grunde fertigt sie gerne Aquarelle, doch auch auf ihren großformatigen Acrylgemälden kommt dieses Prinzip zum Ausdruck. Die Acrylfarben rührt sie selbst an, mit Pigmenten – da ist es also wieder, das Haptische.

Und genau diese entspannende „Lust zum Anfassen und Machen“ darf man an den offenen Atelierabenden und in ihren Workshops auf dem Brunnenhof ausleben. Weitere Infos: www.irina-vitt.de.

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