Beharrliches Streben um das Menschenrecht auf höchstmöglichen Gesundheitszustand

Dr. Christiane Fischer spricht im Interview über ihre Zeit im Deutschen Ethikrat

Dr. Christiane Fischer ist Ärztin, stammt aus Nordrach und kämpft seit vielen Jahren unter anderem für bezahlbare Medikamente und bedarfsgerechte Arzneimittelforschung. 2012 wurde sie in den Deutschen Ethik­rat berufen, dem sie zwei Wahlperioden lang angehörte. Am Freitag war sie das letzte Mal beim Plenum dabei. Die »Schwarz­wälder Post« hat mit ihr über ihr Engagement dort gesprochen.

Frau Fischer, Sie sind seit 2012 Mitglied im Deutschen Ethikrat. Hat Sie die Berufung damals überrascht?

Überrascht war ich, das stimmt. So einen Anruf bekommt man nicht jeden Tag. Ich habe mich gleichzeitig sehr gefreut. Gefreut hatte ich mich auch, als ich 2016 wiederberufen wurde.

 

Wie kamen Sie zu diesem Amt?

Im Ethikrat arbeiten 26 Menschen mit. Die Sitze werden nach gewissen Quoten vergeben. Es gibt zum Beispiel eine Frauenquote, einen Sitz hat die katholische Kirche, einen die evangelische Kirche, einen der Zentralrat der Juden, einen der Zentralrat der Muslime. Auch die Behindertenverbände werden berücksichtigt. In dieser Struktur hatte irgendjemand meinen Namen im Kopf. Dabei hat es sicherlich nicht geschadet, dass ich Medizin und Theologie studiert habe.

 

Mussten Sie überlegen, ob Sie Ja sagen?

Kurz überlegt hatte ich, das stimmt. Dann kam mein Mann. Er sagte: »Das kannst Du nur einmal ablehnen. Mach es!« Ich habe dann zugesagt und es nicht bereut. Die Zusammenarbeit ist wunderbar. Man lernt so viele verschiedene Positionen kennen – und wundert sich manchmal, wer welche Positionen vertritt. Ich habe im Ethikrat große Offenheit erfahren und keine parteipolitische Gebundenheit.

 

Wie muss man sich die Arbeit vorstellen?

Der Ethikrat trifft sich einmal monatlich persönlich zum Plenum in Berlin. Zwischen den Terminen gibt es eine ständige Kommunikation, um die Themen voranzutreiben.

 

Wie hat Sie Ihr Doppelstudium Medizin und Theologie geprägt?

Es hat in mir Offenheit für ethische Fragen hervorgerufen, ein tiefes Bewusstsein für ethische Fragestellungen. Im Ethikrat habe ich im Diskurs mit anderen Mitgliedern erfahren, dass sich ethische Fragestellungen nicht unbedingt an der Religion festmachen, sondern Humanismus der gemeinsame Nenner ist. Ich habe erfahren, dass ein zutiefst humanistisches Weltbild keine Religion braucht.

 

Welche Themen waren Ihnen im Ethikrat besonders wichtig?

In meinen Augen genießt die Selbstbestimmung von Mensch und Patient eine höhere Priorität als Pflichten, die versucht werden, den Menschen aufzuerlegen. Ich denke, man muss immer fragen, wenn es um Daten, Behandlungen und den Umgang geht. Die Patientinnen und Patienten selbst sollen die Entscheidung dafür oder dagegen treffen. Das fängt bei der Organspende-Debatte an, geht über die Impfpflicht bis hin zur Zwangsmedikation in der Psychatrie.

 

Schwierige Themen …

Oft steckt man in einem Dilemma. Gute Argumente gibt es häufig für die eine, wie die andere Seite. Zum Beispiel beim Datenschutz bei der Erforschung seltener Krankheiten. Auf der einen Seite ist eine breite Datenbasis wichtig. Das bedeutet, dass gerade bei seltenen Krankheiten viele Patienten mitmachen sollten. Auf der anderen Seite hat jeder das Recht darauf, dass die persönlichen Daten persönlich bleiben. Beiden Seiten kann man es nicht Recht machen. Meine Position ist stets die, die die Selbstbestimmung des Patienten in den Mittelpunkt rückt und einen Arzt, der bestmöglich aufklärt.

 

Wo hätten Sie gerne die öffentliche Diskussion noch mehr angeregt?

Ich hätte sehr gerne mehr über die hohen Arzneimittelpreise gesprochen. Es ist absurd, dass der Zugang zu lebensnotwendigen Medikamenten zum Teil verlost wird. Es ist absurd, dass Patienten schlechter behandelt werden als möglich, weil die Arzneimittelpreise zu hoch sind. Die Gier der Pharmaunternehmen kennt keine Grenzen. Sie nimmt, was sie nehmen kann. Einfache Wirkstoffe, wie Schmerzmittel oder Impfstoffe, lohnen sich ökonomisch oft nicht mehr und werden dann einfach nicht mehr produziert. Es müsste ein Gesetz geben, das die Pharmaunternehmen dazu zwingt, auch solche Medikamente herzustellen. Ein anderes Beispiel sind die vorhin schon angesprochenen seltenen Krankheiten. Zu ihnen wird viel geforscht. Doch es gibt tödliche Krankheiten, die viel mehr Menschen betreffen und zu denen so gut wie nicht mehr geforscht wird. Tuberkulose etwa, eine Krankheit, die die Armen haben.

 

Schon wieder ein Dilemma. Wie könnte eine Lösung aussehen?

In Indien funktioniert das System besser. Dort gibt es keine Patente für Präparate, die keinen therapeutischen Fortschritt bringen. Diese Mindeststandards im Patentrecht wünsche ich mir auch anderswo. In Sachen Antibiotika-Entwicklung müsste der Staat eingreifen und von den Unternehmen die Entwicklung nötiger Wirkstoffe verbindlich einfordern. Die Bauindustrie kann auch nicht einfach wild drauf losbauen, die Bauindustrie braucht Genehmigungen. Genauso muss es auch bei den Pharma-Unternehmen sein.

 

Würden die Unternehmen dann nicht einfach abwandern?

Europa ist ein großer und wichtiger Markt, den die Unternehmen nicht verlieren wollen. Optimal wäre es natürlich, wenn man solch neue Programme zur Medikamentenentwicklung weltweit hinkriegen würde. Die WTO könnte die Mindeststandards verschärfen. Zur Gesundheit gibt es meiner Meinung nach kein Gegenargument. Man sieht ja, wie schnell heute eine Infektion weltweit verbreitet wird.

 

Die forschungsintensive Branche »Biotec« jammert jetzt schon, dass die Bedingungen hierzulande alles andere als optimal sind.

Ich halte es für sinnvoll, dass in Deutschland relativ strenge Gesetze gelten. Zum Beispiel bei der Forschung mit Embryonen oder im Datenschutz. Die Regelungen schützen doch andere. Manche Forscher betreiben die Forschung vor allem der Forschung willen. Doch müssen nicht eigentlich die Menschen, über die geforscht wird, Priorität haben? In das nächste Dilemma schlittert man schon wieder, wenn es darum geht zu entscheiden, ob man Forschungsergebnisse, die Leben retten können, weiternutzen soll und darf, wenn für die Forschungsergebnisse die Rechte Einzelner verletzt wurden.

 

Ganz aktuell ist das Urteil des Bundesgerichtshofs zur Sterbehilfe. Ihre Einschätzung?

Meiner Meinung nach sind Ärztinnen und Ärzte nicht dafür da, um Menschen sterben zu lassen, sondern dafür, um Menschen beim Sterben bestmöglich zu begleiten. Ich halte Sterbehilfe nicht für eine ärztliche Aufgabe. In meinen Augen widerspricht sie dem ärztlichen Ethos. In diesem Zusammenhang ist ein Blick auf die Palliativmedizin vonnöten. Sie müsste viel mehr ausgebaut werden. Darüber besteht weitgehend ein Konsens.

 

Am vergangenen Freitag war die letzte Sitzung des Ethikrats mit Ihrer Beteiligung. Was stellen Sie mit Ihrer neu gewonnenen Freizeit an?

(Lacht.) Die Freizeit füllt sich immer sehr schnell und ist im Handumdrehen anderweitig verplant. Die acht Jahre im Ethikrat waren eine sehr gute Erfahrung. Ich habe mich mit Themen befasst, mit denen ich mich vorher nicht befasst hatte. Ich durfte interessante Menschen aus Wissenschaft und Politik kennenlernen. Gleichzeitig sind acht Jahre jetzt auch genug. Es ist Zeit für einen Wechsel.

 

Info

Der Deutsche Ethikrat bearbeitet gemäß seinem gesetzlichen Auftrag ethische, gesellschaftliche, naturwissenschaftliche, medizinische und rechtliche Fragen sowie die voraussichtlichen Folgen für Individuum und Gesellschaft, die sich im Zusammenhang mit der Forschung und den Entwicklungen insbesondere auf dem Gebiet der Lebenswissenschaften und ihrer Anwendung auf den Menschen ergeben. Er ist in seiner Tätigkeit unabhängig und nur an den durch das Ethikratgesetz begründeten Auftrag gebunden. Die 26 Mitglieder des Deutschen Ethikrates üben ihr Amt persönlich und unabhängig aus. Sie sollen naturwissenschaftliche, medizinische, theologische, philosophische, ethische, soziale, ökonomische und rechtliche Belange in besonderer Weise repräsentieren sowie unterschiedliche ethische Ansätze und ein plurales Meinungsspektrum vertreten. Gemäß Ethikratgesetz ist der Ethikrat gehalten, einmal jährlich gegenüber dem Deutschen Bundestag und der Bundesregierung über den Stand der gesellschaftlichen Debatte zu berichten und Rechenschaft über seine Tätigkeit abzulegen. Der Jahresbericht ist ebenso wie alle anderen Publikationen des Deutschen Ethikrates auf seiner Internetseite abrufbar.

Quelle: ethikrat.org/der-ethikrat

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