Besen: früher fürs Haus, heute für Hexen

Ludwig Schwarz brachte sich uraltes Handwerk selbst bei

Vor allem bei Veranstaltungen im Fürstenberger Hof führt Ludwig Schwarz ab und an das Handwerk des Besenbindens mit Weidenruten vor. Wir besuchten den »Herrebur« auf seinem Hof im Herrenholz.

Bald ist es wieder so weit: Im frühen Frühling schneidet der Altbauer die Weidenruten, die er fürs Binden seiner Besen benötigt. Denn dann stehen die Bäume im Saft, »dann geht das Schälen wunderbar.«
An einer alten Rute demonstriert er, wie der Rindenschäler gehandhabt wird – wobei der nicht um der Optik willen eingesetzt wird. »In die Rinde kommt eher Ungeziefer rein«, erklärt Ludwig Schwarz den Grund, aus dem heraus man auch für den Hausbau stets geschältes Holz verwendet.

Im Jahr 1784 wurde der Hof im Unterharmersbacher Hinterland nach einem Brand wieder aufgebaut. Das gesamte Anwesen selbst existiert seit über 500 Jahren, allerdings hat es in dieser Zeit die Besitzer gewechselt. »Mein Urgroßvater kam aus dem Unterharmersbacher Gewann Kirnbach und hat den Hof 1893 gekauft«, erzählt der Landwirt.
Das Besenbinden gelernt hat er jedoch nicht von seinen Altvorderen, »ich habe keinen Großvater gekannt«, sagt der sechsfache Vater, der mit seinen 78 Jahren längst selbst Großvater ist. Die Bürgerwehr vielmehr war es, die ihn zu diesem Handwerk »verdonnerte«.

Denn anfangs der 1990er Jahre wurde auch das Freilichtmuseum »Fürstenberger Hof« in Unterharmersbach Opfer eines Feuers. Den Wiederaufbau beging man mit einem Fest, um Geld für die Finanzierung zu erwirtschaften, wozu jeder Verein angehalten war etwas beizutragen. Ludwig Schwarz gehört der örtlichen Bürgerwehr an. »Unser Hauptmann hat damals gesagt: ,Du musst Besenbinden.’ Und ich hab’ gesagt: Das kann ich nicht, mach’ ich nicht.«
Doch sein Protest half nichts. Also schaute er sich einen alten, handgebundenen Besen von einem Hof in Entersbach an, »da hab ich geguckt, wie das gemacht wird, zeigen hat mir das keiner können – und so ist es losgegangen, so hab’ ich das Ding um den Hals gehängt gekriegt«, erinnert sich der handwerklich Gewiefte lachend.

Üben, üben, üben hieß es des Abends für ihn daraufhin. Bei der Besenbinde-Vorführung auf dem Fürstenberger Hof habe ein Zuschauer dann zu ihm gesagt, er selbst würde das nicht hinbekommen, erzählt der Herrebur. »Da habe ich zu ihm gesagt: Das gibt’s nicht, das bringst du auch fertig – man kann alles lernen, wenn man will.« Vor 26 Jahren war das.

Kraft und Geschick

Jetzt soeben holt er bereits geschälte Weidenruten aus dem Brunnentrog hier oben auf dem idyllisch gelegenen Hof, auf dem allenfalls ab und an das Signal des Bähnles aus dem Tal zu hören ist. Dass die Ruten zwei Tage und eine Nacht lang gewässert werden müssen, erklärt Ludwig Schwarz, »wenn sie trocken sind, kann man damit nichts anfangen.« Deswegen hat er auch bei Vorführungen stets einen wassergefüllten Trog dabei, »damit mir das Zeug während dem Schaffen nicht trocken wird.«

Die nassen Weidenruten wischt er mit einem Handtuch kurz ab, »damit ich nicht nass werd´, denn die werden jetzt gedreht.« Zur Demonstration schlingt er sich eine Rute um den Arm und verdreht sie so lange, bis sie in sich geborsten und somit biegsam geworden ist. Nach viel Kraftarbeit sieht das aus. »Ja«, bestätigt der Herrebur lapidar, »aber wenn man einen Hof hat, dann ist man das gewohnt.«

Sein Leben lang hat er im Herrenholz Landwirtschaft betrieben, hat 1979/1980 den letzten Acker des in bewaldetem Hügelland liegenden 38-Hektar-Hofes umgewandelt in Grünfläche. Fortan wurde von Kühen beweidet, was bislang mühsam von Hand beackert worden war. »Ich war der letzte im Haupterwerb hier oben, bis 2003«, erzählt Ludwig Schwarz. Danach baute »der Junior« einen Ferienbetrieb auf. Die Landwirtschaft läuft seither im Nebenerwerb, in der der Altbauer aushilft: »Ich bin Rentner, aber was sagt das schon«, lacht er wieder.

Die gedrehte Weidenrute dient dem Zusammenbinden des Reisigbündels, das er sich aus einem Gewirr von Birkenzweigen zurechtgeschnitten hat und durch das er eine Ahle stößt. Durch die entstandene Lücke »fädelt« er die Rute, legt sie um das Bündel und zieht die Schlaufe mit viel Krafteinsatz fest. Dann führt er die Rute einige weitere Male durch die Schlaufe und schneidet sie ab. »Das hält«, bekräftigt er, zumal sich das Material beim Trocknen zusammenziehen wird: Das erste von insgesamt drei »Bändern« ist fertig.

Zum Schluss verfeuert

Dass das Birkenreisig zwei Jahre alt ist, erzählt der Waldbesitzer, »das wird normalerweise im November/Dezember geschlagen.« Verarbeiten kann man es dann ab Mai, »wenn es ein bisschen angetrocknet ist.« So handhabe man es zumindest, wenn man viele Besen herstelle. »Aber das mache ich ja nicht – es will ja kein Mensch mehr solche Besen.«
Zum Schluss wird das Bündel am unteren Ende sauber auf eine Länge von 90 bis 100 Zentimetern abgesägt. Fehlt nur noch der Besenstiel aus Esche, Kastanie oder Haselnuss. Dazu lässt Schwarz einen Stamm im Sägewerk in Latten schneiden, in seine runde Form bringt er den Stiel dann mit einer Handfräse.

Mit solchen Besen – von denen man übers Jahr mehrere benötigte – wurde dereinst alles gefegt, der Dielenboden in der Stube genauso wie draußen die Stufen, erzählt Schwarz. War das Reisig schließlich bis auf gut über die Hälfte abgenutzt, tat der nun stumpfe Feger in Stall und Scheune seine Dienste, »bis er reif für den Ofen war.«

Heutzutage sind des Herrenburs Besen lediglich bei Narren gefragt, hauptsächlich bei denen der umliegenden Zünfte. Dann allerdings verwendet Ludwig Schwarz Draht, »weil’s schneller geht, mit Weidenruten binde ich nur auf Schauvorführungen.«