Von der »Oberen Hub« zum »Hubhof«

Klaus Müller begab sich auf die Spuren seiner Vorfahren – Fahrt mit dem Traktor von Ühlingen-Birkendorf im Südschwarzwald nach Oberharmersbach

Der Flurnamen »Hub« taucht in vielen Gemeinden auf. Diese Bezeichnungen in Oberharmersbach und Ühlingen-Birkendorf verbinden unter anderem auch seit 80 Jahren eine schicksalhafte Familien­geschichte.

Langsam tuckert Klaus Müller mit seinem John Deere Lanz 300, Baujahr 1963 und 28 PS, den steilen Weg zum Oberharmersbacher Hubhof hinauf. Er ist mit seiner Frau Silvia, die auf einer provisorischen Rückbank des Traktors Platz genommen hat, auf den Spuren seiner Vorfahren unterwegs, quer durch den halben Schwarzwald von Ühlingen-Birkendorf im Südschwarzwald, zwischen Bonndorf und Waldshut gelegen, nach Oberharmersbach. »Ich wollte einfach nochmals die Strecke fahren, die schon mein Vater am 7. April 1966 mit eben diesem Traktor zurück gelegt hat«, freut sich Klaus Müller über sein Abenteuer.

Vorsichtshalber hat er den Traktor zuvor restauriert. Dass Start und Ziel seiner Fahrt auch noch einen gleich klingenden Namen haben – »In der oberen Hub« in Ühlingen und »Auf der Hub« in Oberharmersbach, ist reiner Zufall. Weniger vom Zufall geprägt war die Auswanderung von August Müller, gebürtig von »’s Dieners«, und seiner Frau Cäcilia Lang, die vom Hubhof stammt. Das aus Oberharmersbach stammende Ehepaar siedelte 1938 nach Ühlingen um, wo es ein kleines Gut mit 20 Hektar erworben hatte. Vier Kinder – Egon, Hilde, August und Hedwig – wuchsen in der neuen Heimat auf.

Das Familienglück währte nur kurz. August Müller wurde einberufen, er kehrte aus der Kriegsgefangenschaft nicht mehr zurück. Am 31. Dezember 1945 starb die Mutter an einer Lungenentzündung.

Der damalige Bürgermeister von Ühlingen, Erwin Probst, kümmerte sich rührend um die Vollwaisen und ihren Hof. Er regelte uneigennützig die Verpachtung und trug Sorge dafür, dass die Kinder bei ihren Verwandten in Oberharmersbach gut untergebracht waren. Die beiden Brüder, Egon und August, haben in ihren jungen Jahren den Hubhof bewirtschaftet. Die Jahre zogen ins Land und die Frage stand an, wer an dem in Ühlingen verpachteten Hof Interesse hätte. Sohn August war dafür Feuer und Flamme.

Am 7. April 1966 fuhr er mit dem besagten Traktor und einigem Gepäck von Oberharmersbach nach Ühlingen. »Sein künftiger Schwiegervater wollte ihm erst dann seine Tochter zur Frau geben, wenn alles mit der Hofübergabe geregelt war«, erinnert sich Klaus Müller an die Erzählungen seines Vaters.

So durfte er während der kurzzeitigen Rückkehr nach Oberharmersbach seine Frau Monika Gutmann aus Oberentersbach zum Traualtar führen und dann zog das junge Paar endgültig nach Ühlingen um. Drei Kinder wuchsen hier auf und der älteste Sohn Klaus übernahm 2010 den Hof von seinem Vater.

»Diese Fahrt ist für mich eine hohe emotionale Erfahrung und die Reise von der Hub zur Hub ist auch eine Fahrt in die eigene Familiengeschichte«, erzählt Klaus Müller auf dem Hubhof. Mit Pausen benötigte er für die rund 120 Kilometer rund acht Stunden. In diesen Stunden der langsamen Fahrt schwirrte Klaus Müller einiges durch den Kopf, wie sein Großvater 1938 den Umzug organisierte, wie sein Vater als 25-jähriger Mann im Jahre 1963 zwar zu seinem Elternhaus zurückkehrte, aber doch vieles hinterließ, wie die Kinder als Waisen damals die schweren Nachkriegsjahre meisterten und wieviel Hilfe ihnen zuteil wurde.

Ehefrau Silvia begleitet ihren Mann Klaus, allerdings kam sie mit dem Auto nach. Einige Tage Urlaub stehen hier im Harmersbachtal an. »Wir sind in Zell im Gasthaus ›Kleebad‹ untergebracht, da hat auch mein Traktor Vollpension«, lacht er. Bevor der wieder nach Ühlingen tuckern darf, steht noch der eine oder andere Verwandtschaftsbesuch in der Heimat der Vorfahren auf dem Programm.

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