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Nordrach | 31.03.2025

Flucht und Freundschaft im Schatten der Tabakindustrie

Foto:
Michael Paul informierte im Leseraum der Hansjakob-Halle über sein neues Buchprojekt von Flucht und Freundschaft. Foto: Herbert Vollmer
von Herbert Vollmer

Das Bildungswerk und der Historische Verein Nordrach hatten am Freitagabend den Lahrer Schriftsteller Michael Paul zu Gast. Er stellte im Leseraum der Hansjakob-Halle seinen künftigen Roman „Zwei Leben, zwei Wege, zwei Freunde“ vor.

Foto: Herbert Vollmer
Am Ende des Vortrags erhielt der Autor Michael Paul kräftigen Beifall von seinem Publikum.

 

Es handelt sich bei den Protagonisten um Ernst Feist, den Direktor der Badischen Tabakmanufaktur Roth-Händle in Lahr, und Philipp Reemtsma. 25 Besucher waren gekommen und erlebten eine hochinteressante und informative Geschichtsstunde.

Die Tabakindustrie prägte das vergangene Jahrhundert in Lahr. Michael Paul hat sich vorgenommen, das Leben von zwei wichtigen Akteuren dieser Industrie zu beschreiben. Ernst Feist wurde 1893 in Straßburg geboren, wo sein Vater eine Beteiligung an der „Elsässischen Tabakmanufaktur“ hatte. Nach dem Ende des Ersten Weltkriegs wurde das Elsass wieder französisch und Ernst Feist gründete danach in Lahr die „Badische Tabakmanufaktur“.

Flucht nach New York

„Ernst Feist war bei seinen Mitarbeitern sehr beliebt“, beschrieb ihn Michael Paul. Er war jüdischer Abstammung, nicht streng gläubig, doch regelmäßiger Synagogenbesucher. Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten verkaufte Feist seine Firma 1937 an den Herbolzheimer Zigarettenunternehmer Paul Neusch und floh noch im gleichen Jahr mit Hilfe seines Chauffeurs Emil vor der Gestapo nach Straßburg. Nach dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs war auch Straßburg für Feist nicht mehr sicher. Eine abenteuerliche Flucht begann und es gelang der Familie, auf getrennten Wegen nach Marseille zu kommen, von wo aus sie über Trinidad New York erreichten. Dort baute sich Feist mit einem Geschäftspartner eine neue Existenz als Tabakhändler auf. Nach dem Krieg konnte sich Feist mit dem neuen Eigentümer von Roth-Händle auf eine Rückübertragung einer Beteiligung einigen. 1957 verkaufte Feist seine Anteile an Philipp Reemtsma und lebte noch bis zu seinem Tod 1965 in White Plains in den USA.

„Nichts ging ohne Reemtsma“

„Die Lebensgeschichte von Philipp Reemtsma ist genauso spannend“, erzählte Michael Paul. Dessen Vater Bernhard übernahm 1910 eine kleine Zigarettenfabrik in Erfurt und legte damit den Grundstein für ein Tabakimperium. 1923 übernahm Philipp Reemtsma den Betrieb und verlegte ihn nach Hamburg. Durch enge Kontakte in die höchsten Kreise von Politik und Wirtschaft gelang ihm in der Weimarer Republik und in der Zeit des Nationalsozialismus ein rasanter Aufstieg seines Unternehmens. „Nichts ging bei Zigaretten ohne Reemtsma“, betonte Michael Paul. Nach dem Krieg wurde Philipp Reemtsma zunächst wegen einer Bestechungsaffäre zu zwei Jahren Haft verurteilt, im Entnazifizierungsausschuss aber entlastet, maßgeblich durch seinen Freund Ernst Feist. Er übernahm wieder die Leitung des Unternehmens und konnte den Marktanteil bis zu seinem Tod 1959 auf 50 Prozent steigern.

Gleiche Branche, anderes Produkt

Wie kam es zu der Freundschaft zwischen zwei Konkurrenten? „Es gab einen einfachen Grund“, so Paul. „Während Reemtsma ausschließlich gelben, orientalischen Tabak verarbeitete, konzentrierte sich die Tabakproduktion der Roth-Händle auf schwarzen Tabak aus deutschem Anbau.“ Es gibt einen umfangreichen Schriftverkehr, der die Freundschaft der beiden Herren dokumentiert. Für sein Buch hat Michael Paul mehr als fünf Jahre recherchiert. Er ist zuversichtlich, es im nächsten Jahr herausgeben zu können.

Michael Paul verstand es wieder vortrefflich, die Handlung seines künftigen Romans immer wieder mit den örtlichen und geschichtlichen Begebenheiten zu verbinden und so wurde sein Vortrag auch zu einer fesselnden Geschichtsstunde.

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