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Nordrach | 15.03.2024

Eine fesselnde, wenn auch bedrückenden Geschichtsstunde

Foto:
Das Kloster im Ahrtal, der fiktive Wohnsitz der Romanfigur von Michael Paul. Foto: Herbert Vollmer
von Herbert Vollmer

Der Lahrer Schriftsteller Michael Paul stellte seinen neuen Roman „Die Trostbriefschreiberin“ vor.

Foto: Herbert Vollmer
Michael Paul las aus seinem aktuellen Roman „Die Trostbriefschreiberin“.
Foto: Herbert Vollmer
Der Leseraum in der Hansjakob-Halle war bis auf den letzten Platz besetzt.

Das Bildungswerk und der Historische Verein Nordrach hatten am Samstagabend den Lahrer Schriftsteller Michael Paul zu Gast, der im Leseraum der Hansjakob-Halle seinen neuen Roman „Die Trostbriefschreiberin“ vorstellte. Rund fünfzig Besucher waren gekommen und erlebten eine hochinteressante, informative Buchvorstellung.

Über 10.600 behinderte Menschen ermordet

Der Roman behandelt das bedrückende Thema Euthanasieaktion T4, bei der die SS im Jahre 1940 in Grafeneck auf der Schwäbischen Alb über 10.600 behinderte Menschen ermordet hat.

Michael Paul las zunächst den Prolog, in dem geschildert wird, wie behinderte Heimbewohner, „Blöde, Schwachsinnige, Krüppel und Sieche“ zu einer „Ausflugsfahrt“ in einen grauen Bus gesetzt werden. Ihnen war gesagt worden, „wir fahren zum Heiland, nach Ewigland“. Was damit gemeint war, war die Heil- und Pflegeanstalt Grafeneck, ursprünglich ein Schloss, das die Nazis 1940 als Vernichtungslager genutzt haben. Nur zwei Stunden nach ihrer Ankunft wurden die Heiminsassen in einer Gaskammer umgebracht und ihre Körper anschließend verbrannt.
Die eigentliche Handlung des Romans spielt sich im Jahre 2022 ab. Sie schildert das Leben einer 99 Jahre alten Nonne, die ehemalige Priorin des Klosters, die sich weigert, aus einem aufgegebenen Kloster im Ahrtal auszuziehen. Die Freiburger Reporterin Mel reist zu dem Kloster und will die Gründe dafür von der scheinbar störrischen Nonne erfahren.

Als junge Schreibkraft für die SS gearbeitet

In mehreren Gesprächen erzählt die Nonne der Reporterin ihren Lebenslauf, lässt aber zunächst das Jahr 1940 aus. Schließlich teilt sie bei weiterer Befragung doch noch mit, dass sie damals, noch ein junges Mädchen, für die SS in Grafeneck auf der Schwäbischen Alb gearbeitet habe. Als Schreibkraft habe sie den Angehörigen der Opfer eine natürliche Todesursache mitteilen müssen. Wegen Seuchengefahr sei der Leichnam sofort verbrannt worden, aber auf Wunsch der Angehörigen könne die Asche in einer Urne übersandt werden.

Ende 1940 wurde das Vernichtungslager Grafeneck aufgegeben. Das junge Mädchen fasste daraufhin den Entschluss, ihr restliches Leben als Nonne zu verbringen und das Kloster bis an ihr Lebensende nicht mehr zu verlassen.

Die Schuld und ihre vielfältigen Aspekte

Michael Paul las mehrere Ausschnitte aus seinem Roman vor, ohne aber zu viel über den Ausgang der Handlung zu verraten. Die Zuhörer erhielten dafür eine Vielzahl an geschichtlichen Informationen über die Machenschaften der SS und über die Anstalt Grafeneck, die im Oktober 1939 beschlagnahmt wurde, und wo von Januar bis Dezember 1940 die systematische und industrielle Ermordung von Menschen begann. Ein zentrales Thema ist dabei auch die Schuld und ihre vielfältigen Aspekte. Dazu hat Kurt Schrimm, leitender Oberstaatsanwalt a. D. in Ludwigsburg, ein Nachwort geschrieben.

Michael Paul verstand es vortrefflich, die Handlung seines spannenden Romans immer wieder mit den örtlichen und geschichtlichen Begebenheiten zu verbinden und so wurde sein Vortrag auch zu einer fesselnden, wenn auch bedrückenden Geschichtsstunde.

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Schlagworte:
Bildungswerk Nordrach, Historischer Verein Nordrach

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