Was Diplomaten wirklich tun

Der Ortenautreff hat sich im Mai mit diplomatischer Praxis und aktuellen Entwicklungen beschäftigt.

 

Der Kreisverband Ortenau von Bündnis 90/Die Grünen veranstaltet monatlich den „Ortenautreff“ – ein Forum, das über die aktuelle Tagespolitik hinaus Themen vertieft. Zur Mai-Ausgabe hatte der Ortsverband Kinzigtal in den Mostmaierhof nach Hausach eingeladen.

Gastredner war der ehemalige Diplomat Wolfgang Mössinger. Er gewährte Einblicke in die Arbeit des Auswärtigen Amts und der deutschen Auslandsvertretungen. Zudem erläuterte er die aus seiner Sicht weitreichenden Veränderungen in der deutschen Außenpolitik unter Außenminister Johann Wadephul.

Mehr als nur hohe Diplomatie

Zu Beginn stellte Mössinger den Aufbau des Auswärtigen Amts sowie die Zusammenarbeit zwischen der Zentrale in Berlin und den mehr als 200 deutschen Auslandsvertretungen vor.

Entgegen der weit verbreiteten Vorstellung bestehe die Arbeit des Auswärtigen Amts nicht nur aus „hoher Diplomatie“. Vielmehr stütze sich die diplomatische Arbeit auf zahlreiche Beschäftigte in Verwaltung, Technik, Sicherheit und politischer Vorbereitung. Eine besondere Rolle nähmen die Konsularabteilungen ein, die für viele Menschen die erste und oft einzige direkte Verbindung zu Deutschland seien.

Anhand von Beispielen erläuterte Mössinger die Herausforderungen bei der Bearbeitung von Visaanträgen. Kritisch bewertete er die Abschaffung des sogenannten Remonstrationsverfahrens im Juni 2025. Dieses ermöglichte es Antragstellern bislang, eine erneute Prüfung einer Ablehnung vor Ort zu beantragen. Heute sei nur noch der Klageweg möglich. Ob damit wirklich Arbeit eingespart werde, wie von Minister Wadephul behauptet, bezweifelte Mössinger, da Klagen deutlich mehr Ressourcen binden als örtliche Überprüfungen.

Ein Beruf mit besonderen Herausforderungen

Mössinger schilderte auch den Alltag von Diplomatinnen und Diplomaten. Die regelmäßigen Versetzungen alle drei bis vier Jahre bedeuteten für die Beschäftigten und ihre Familien erhebliche Herausforderungen. Neben dem Wechsel des Wohnorts müsse oft auch ein neues kulturelles und sprachliches Umfeld erschlossen werden. Hinzu komme, dass der Wissenstransfer bei Personalwechseln enorm wichtig sei.Ein großes Problem sei auch der Mangel an sogenannten „Reservestellen“, die dazu dienen sollen, dass sich Bedienstete vor dem Wechsel intensiv auf den neuen Posten vorbereiten können.

Wichtig bei der Arbeit im diplomatischen Dienst sei die Fähigkeit, sich auf das jeweilige Gastland einzulassen. Sprache, Geschichte und kulturelle Besonderheiten seien zentrale Voraussetzungen für erfolgreiche diplomatische Arbeit. Vertrauen entstehe nur durch gegenseitiges Verständnis und persönliche Beziehungen.

Diplomatie braucht Vertrauen

Nach Ansicht Mössingers bildet das Vertrauen auf der Arbeitsebene die Grundlage für erfolgreiche Beziehungen zwischen Regierungen. Nur dadurch könne man mehr erfahren, als das, was öffentlich zugänglich ist. Dies gelinge jedoch nur dann, wenn man auch den Wunsch habe, vertrauliche und vertraute Beziehungen aufzubauen. Diplomatie stoße jedoch dort an Grenzen, wo politische Akteure nicht mehr bereit seien, auf Verhandlungen zu setzen. Als Beispiel nannte er den russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine. Russland könne nicht allein mit diplomatischen Mitteln zu einem Kompromiss bewegt werden. Deshalb sei die militärische Unterstützung der Ukraine notwendig, um Verhandlungen auf Augenhöhe zu ermöglichen.

Auslandseinsatz und Familienleben

Trotz der besonderen Anforderungen bleibe die Diplomatie ein faszinierender Beruf, der nach wie vor viele junge Menschen anziehe, sagte Mössinger. Gleichzeitig sei die Vereinbarkeit von Beruf und Familie oft schwierig. Das gelte besonders für Partnerinnen und Partner, die bei Auslandsversetzungen häufig ihre eigene berufliche Laufbahn unterbrechen oder aufgeben müssten. Im Amtsjargon werden sie als „MAP“ bezeichnet – Mit-Ausreisende Partner*innen. Die Möglichkeiten des mobilen Arbeitens könnten diese Belastung heute zwar teilweise abfedern, vollständig lösen ließen sie sich jedoch nicht.

Kritik an Kürzungen in der Außenpolitik

Im zweiten Teil seines Vortrags ging Mössinger auf die Entwicklung der deutschen Außenpolitik ein. Anhand historischer Organisationspläne zeigte er, wie sich die Aufgaben des Auswärtigen Amts in den vergangenen Jahrzehnten erweitert hätten. Neben den klassischen diplomatischen Beziehungen seien Menschenrechtsarbeit, Stabilisierung fragiler Regionen und humanitäre Hilfe zu wichtigen Aufgabenfeldern geworden.
Mit Sorge blickte er auf geplante Kürzungen in diesen Bereichen. Besonders die Mittel für zivilgesellschaftliche Zusammenarbeit und humanitäre Hilfe würden deutlich reduziert. Kritisch bewertete er zudem die geplante Auflösung der Abteilung für Stabilisierung, Menschenrechte und Humanitäre Hilfe im Auswärtigen Amt.

Deutschlands Rolle in der Welt

Ähnlich kritisch bewertete Mössinger die geplanten Kürzungen in der Entwicklungszusammenarbeit. Die vom Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) verwalteten Mittel sollen ebenfalls sinken. Diese Entwicklung werde in der Öffentlichkeit bislang kaum wahrgenommen, sagte Mössinger. Er kritisierte insbesondere einen aus seiner Sicht zu engen Sicherheitsbegriff, der den Entscheidungen zugrunde liege. Durch den Rückzug aus vielen Bereichen entstünden Lücken, die andere Staaten füllen könnten. Als Beispiel nannte er China, das seinen Einfluss in zahlreichen Regionen der Welt weiter ausbaue. Dies stärke die deutsche Sicherheit nicht, sondern könne neue Abhängigkeiten schaffen.

Wie viel internationale Verantwortung bleibt?

In der anschließenden Diskussion tauschten sich Referent und Teilnehmer intensiv aus. Mössinger zog das Fazit, dass Diplomatie auf Vertrauen, Verlässlichkeit und Empathie beruhe. Diese Grundlagen stünden derzeit zunehmend unter Druck. Ob die aktuellen politischen Entscheidungen langfristig zu mehr Sicherheit führen, bezweifelte er. Zum Abschluss dankten die Vorsitzenden des Ortsverbands Kinzigtal, Stefanie Ziehms und Carsten Boser, dem Referenten für den Vortrag.

Nächster Ortenautreff

Der nächste Ortenautreff findet am 12. Juni in der Illenau in Achern statt. Dort steht das Thema Menschenrechte in der Migrationspolitik im Mittelpunkt.

Schreiben Sie einen Kommentar