Bis der Geduldsfaden reißt:

Helga Hug bastelt Miniatur-Kunstwerke

Sie baumeln an Ohrläppchen, einzeln oder paarweise, zieren Hüte und Jacken. Hexenzünfte tragen diese kleinen Kunstwerke und sie sind einfach für viele Lebensbereiche gefällige Dekoration. In allen gewünschten Varianten farbig verziert, wirken die Winzlinge, Schuhe im Zentimeterbereich aus Bast und Garn, als Blickfang.

Helga Hug widmet sich seit zehn Jahren dieser Bastelei. Damals hatte sie sich ein solches kleines Kunstwerk näher angesehen und war gleich Feuer und Flamme. »Das probier’ ich auch mal« erinnert sie sich an die Anfänge und hat sich nach und nach die Grundlagen selbst angeeignet. Doch dass dazu außer den Rohmaterialien auch Fingerfertigkeit gehört und Geduld, vor allem unendlich viel Geduld, davon weiß sie zwischenzeitlich ein Liedchen zu singen. Aber jedes Stück ist eben ein Unikat.

Gutes Licht ist wichtig, die Augen werden strapaziert. Auf dem Tisch liegen Bastfäden, Nadel, Schere, Näh- und Stickgarn, Kunstleder. Bevor das kleine Kunstwerk wachsen kann, ist Vorarbeit zu leisten. Drei naturbelassene Bastfäden werden zu einem Zopf geflochten, etwa 20 Zentimeter lang, je nach Größe des Schuhes. »So eine Stunde habe ich schon damit zu tun« meint sie, aber dann sei fast ein Drittel der Arbeit verrichtet.

Einen Leisten wie der Schuster braucht Helga Hug nicht. »Links und rechts gibt’s auch nicht« lacht sie und rollt den Bastzopf auf, bringt ihn in eine längliche Form als Boden. Die ersten Stiche mit Nähgarn werden gesetzt. Ein Wulst sorgt für das Wachstum nach oben. Der Schaft ist zu erkennen, allmählich wird ein Schuh draus. Stich um Stich folgt. »Einen Fingerhut kann ich nicht brauchen, der nimmt mir zu viel Gefühl« erwähnt die Bastlerin beim Führen der Nadel – und sie spürt es auch. Hornhaut gebe es nicht, aber der Zeigefinder kann mitunter wund werden, »dann hab ich halt mol widder ä Schrund«. Mit unendlicher Geduld, die schon beim Zusehen, trotz allem Interesse und der Anerkennung für die Fingerfertigkeit, strapaziert werden kann, biegt Helga den Zopf in die andere Richtung, die Öffnung des Schuh deutet sich an. Mit Routine setzt sie weitere Heftstiche, der Rohling liegt schließlich auf dem Tisch. Gerade neun Millimeter ist er groß. »Kleiner geht’s nicht mehr« schätzt sie ihre Grenzen richtig ein – und die Möglichkeiten des Materials. Nach oben sind keine Grenzen gesetzt, aber für Helga Hug endet ihr Bastelprogramm bei rund 5 Zentimeter. Fast könnte man meinen: je kleiner, desto besser.

Für den Saum als Verzierung am Schlupf benötigt sie Stickgarn, häufig in schwarz, türkis, rot oder eben einer anderen beliebigen Farbe. Diese Farbtupfer machen den kleinen, aber feinen Unterschied aus. »Fast fertig« freut sich Helga. Ein kleines schwarzes Stück Kunstleder ist schon zurechtgeschnitten, das Aufnähen der Sohle ist der letzte Arbeitsschritt. Allein hierfür sind 42 Stiche notwendig.  »Wie viele Stiche letztlich für einen Schuh erforderlich sind, ich hab sie noch nie gezählt« seufzt sei. Aber die Zahl bewegt sich tatsächlich im unteren dreistelligen Bereich.

Ein letzter Griff folgt für die Halterung. Ein durchgehender Faden, versehen mit einer Klammer, hält das Paar zusammen. Fast drei Stunden sind vergangen. Die Konzentration in Helgas Gesicht legt sich und weicht einem zufriedenen Lächeln. Die Geduld hat sich wieder einmal gelohnt. Jetzt kommt der andere Schuh…