Sie stammen aus Kasachstan, in Deutschland hat sich für sie alles gut gefügt.
„Wir sind zufrieden“, sagt Leo Lerche und seine Frau Ludmila nickt, mühsam gegen Tränen ankämpfend. Doch nicht aus Trauer, sondern weil sie so dankbar ist dafür, dass es allen gut geht: Den beiden Kindern, den beiden Enkeln und auch Ihnen selbst.
Sowohl Ludmila als auch Leo Lerche wurden im Jahr 1954 in Kasachstan geboren, am 4. Dezember respektive am 24. Juni. Beide sind deutschstämmig. „Meine Eltern wurden 1908 in der Ukraine geboren, sie waren Deutsche“, erzählt Leo, „Krieg ist immer schlimm, sie wurden in die Sowjetunion verschleppt, nach Kasachstan.“ Dort lernte das heutige Jubelpaar sich kennen, „bei einer Geburtstagsfeier meiner Halbschwester, die wurde 18“, berichtet Leo weiter, und Ludmila ergänzt: „Die habe ich ein bisschen gekannt und bin mit einer Freundin eingeladen worden.“„Na ja, und ich war halt als Bruder dabei, wir haben gemeinsam gefeiert und dann auch getanzt“, schmunzelt Leo.
Ab November 1972 verbrachte er zwei Jahre beim Militär, nach weiteren eineinhalb Jahren fand die Hochzeit statt – heute vor 50 Jahren. Beide hatten eine Ausbildung, er arbeitete als Schweißer, Ludmila war als Buchhalterin tätig. Irgendwann wurde es schwierig, Arbeit zu finden. Auch waren Deutschstämmige in Kasachstan nicht überall gern gesehen. „Es war nicht bei allen so, aber manche …“ beginnt Leo und sucht nach den richtigen Worten, mit bedächtigem Hin- und Herschwenken des Kopfes, „… mache haben gesagt: Die sind deutsch, was wollen die hier, die sollen verschwinden, einige haben die Deutschen auch Nazis genannt.“
Nach langem Überlegen entschieden sich die Eheleute – längst Eltern einer Tochter und eines Sohnes – zur Auswanderung nach Deutschland. 1994 war das. Damit folgten sie dem Beispiel von Leos Eltern, die bereits in Offenburg wohnten. Das machte den Eheleuten, die sich in Zell niederließen, das Leben im fremden Land leichter. Wobei Leo mit sachtem Feixen ergänzt: „Nach der Sowjetunion ist alles einfach“, und doch betonen beide, dass sie damals keinen Grund hatten sich zu beklagen.
Immer gearbeitet
In Deutschland angekommen besuchten sie ein halbes Jahr lang einen Sprachkurs, „und dann haben wir gleich angefangen zu schaffen“ – er in einer Industrie-Produktion, sie in der Biberacher Wäscherei. „Mit meiner Chefin bin ich heute noch befreundet“, lächelt Ludmila. Stolz erzählt sie, dass sie nie wegen Krankheit gefehlt habe, erst im letzten halben Jahr vor der Rente bekam sie Knieprobleme. Zutiefst dankbar auch ist sie dafür, hierzulande niemals arbeitslos gewesen zu sein.
Ihr Gatte wiederum arbeitete nach seinem offiziellen Rentenbeginn noch stundenweise weiter, sieben Jahre lang, „alles ordentlich angemeldet.“ Dass sie auch als Rentner zufrieden seien, wiederholen sie. Vor dem Hintergrund vor allem, dass die Umsiedlung für ihre beiden damals 17 und 14 Jahre alten Kinder anfangs sehr schwer gewesen sei, der Sprache und all des in der alten Heimat Zurückgelassenen wegen. Die heute 49 Jahre alte Tochter ist Erzieherin und wohnt mit ihrer Familie in Altenheim (Neuried). Der 46-jährige Sohn der Lerches hat sein Zuhause in Biberach, arbeitet dort bei einem Industrie-Unternehmen in der Konstruktion.
Viel Verwandtschaft in Deutschland
Wieder kommen Ludmila die Tränen. „Sie freut sich, dass unsere Kinder einen guten Beruf haben und nicht schlecht verdienen, und dass die Zwillinge unserer Tochter studieren“, erklärt Leo. Sein Vater starb vor drei Jahren, die 94-jährige Mutter lebt in einem Pflegeheim.
Insgesamt fünf Geschwister hat Leo, vier von ihnen sind ebenfalls nach Deutschland ausgewandert, eine Schwester lebt in Moskau. Von den drei Brüdern ist er der jüngste, der älteste zählt 75 Lenze. Ludmila wiederum hatte ihren Vater bereits als 15-Jährige verloren. Die Mutter folgte der Tochter nach Zell, sie verstarb im Alter von 93 Jahren. Ludmilas Bruder lebt mit seiner Familie in Bonn, die Schwester blieb in Kasachstan, „ihr Mann wollte nicht weg.“
Dem Ehepaar Lerche geht es gesundheitlich vergleichsweise gut, was nicht von ungefähr komme, meint Leo: „Wir rauchen nicht und wir trinken keinen Alkohol.“ Er fährt Fahrrad, gemeinsam gehen sie gerne spazieren. Einmal im Jahr fahren sie in den Urlaub – in Spanien waren sie schon und im letzten Jahr in Ägypten. „Wir sind zufrieden“, sagen sie wieder, auch mit den weiteren Mietparteien im Haus gebe es keinerlei Probleme, „wir sind wirklich sehr zufrieden.“
Den Hochzeitstag am heutigen Freitag, dem 24. April, werden Leo und Ludmila mit ihren Kindern feiern, „sie haben uns am Samstag zum Essen eingeladen“ – und wieder freuen sie sich: über das so gute Verhältnis untereinander, die fast täglichen Telefonate.
Bürgermeister Günter Pfundstein wird die Jubilare am kommenden Montagnachmittag besuchen und im Namen der Gemeinde zur Goldenen Hochzeit gratulieren. Auch die Schwarzwälder Post sagt „Herzlichen Glückwunsch“ und wünscht Leo und Ludmila Lerche Gesundheit und alles Gute.





