Am 7. Mai 1945 unterzeichneten Vertreter des Deutschen Reichs in Reims für die westlichen Alliierten die Bedingungslose Kapitulation, am 9. Mai 1945 wurde dies in Berlin-Karlshorst für die Rote Armee wiederholt. Damit endete offiziell der Zweite Weltkrieg in Europa. Je nach geografischer Lage hatten zu diesem Zeitpunkt die späteren Besatzungsmächte schon seit Tagen und Wochen die Herrschaft der Nationalsozialisten beendet.
Foto: Repros: Lehmann-Archiv
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Foto: Repros: Lehmann-ArchivOft als „Stunde Null“ eingeordnet, hat jeder diese Tage und die Folgezeit nach den 12 Jahren, drei Monaten und acht Tagen des „Tausendjährigen Reiches“ persönlich anders erfahren und erlebt. Vor allem die Kriegsjahre vom 1. September 1939 bis zur Kapitulation bestimmten zuletzt den Alltag der Oberharmersbacher – mit Propaganda und Denunziationen, Entbehrungen und Rationierungen, mit traurigen und niederschmetternden Meldungen über 111 Gefallene und 66 Vermisste. Wenn auch unmittelbare Kriegshandlungen die Talgemeinde kaum betrafen – nur „Notabwürfe“ einzelner Bomben vom Feindflug zurückkehrender Flugzeuge und zwei Flugzeugabstürze ohne größere Schäden – so war doch jede Oberharmersbacher Familie durch die menschlichen Verluste oft mehrfach betroffen, weil zum wirtschaftlichen Elend auch das Leid über den Verlust des Ehemannes, des Vaters der meist minderjährigen Kinder, des Sohnes oder des Bruders zu verkraften war.
Überstürzter Rückzug
Im Frühjahr 1945 glich Oberharmersbach zeitweise einem Heerlager. Ständig verweilten deutsche Soldaten auf ihrem Rückzug kurz im Ort und flohen weiter über den Löcherberg. Der im Riersbacher Hughof eingerichtete Divisionsgefechtsstand und der im Sägewerk Pfundstein (Hub) stationierte Instandsetzungszug befanden sich ebenfalls in Aufbruchsstimmung. Das heillose Durcheinander führte zu einem missglückten Fluchtversuch, der am 20. April mit der standrechtlichen Erschießung geahndet wurde, eine weitere Tötung gab es wegen angeblicher Spionage.
Nicht wenige befürchteten ob dieses unmenschlichen Vorgehens, dass die nun hier anwesenden kleineren SS-Einheiten und Angehörige der Gruppe „Werwolf“ (1944 gegründete nationalsozialistische Organisation zur „Aufrechterhaltung der Kampfmoral“ in den bereits verlorenen Gebieten) gemeinsam mit dem aufgebotenen Volkssturm Widerstand leisten könnten. Noch immer prasselten unsinnige Durchhalteparolen auch auf die Zivilbevölkerung ein. Der Volkssturm (alle waffenfähigen Männer von 16 bis 60 Jahren, d.h. außerhalb der Wehrpflicht) hatte gegen die heranrückenden französischen Truppen – am 15. April 1945 wurde Offenburg, zwei Tage später Oberkirch besetzt – bereits Panzersperren errichtet sowie Deckungslöcher und Stollen dafür ausgehoben.
Es war für Oberharmersbach wohl ein glücklicher Umstand, dass schon vor der Besetzung Offenburgs Franz Burda mit seiner Familie im Sürag-Haus am Eingang des Holdersbachtales evakuiert war. Am Donnerstag, 19. April 1945, ging Burda zu Fuß nach Offenburg. Aus Sicherheitsgründen und wegen verschiedener Straßensperrungen wählte er den Weg über den Löcherberg und über die Höhen.
Beim Gasthaus „Linde“ stieß er auf einen Trupp deutscher Soldaten, die unter dem Kommando eines Majors wohl den befürchteten letzten Widerstand leisten sollten. Auf seinem weiteren Weg Richtung Löcherberg begegnete er einem marokkanischen Reiterregiment. Dessen Colonel erkundigte sich bei ihm nach dem besten Weg nach Zell und Biberach. Burda, der Französisch gelernt hatte, empfahl ihm, den Weg über die Heidenkirche und den Täschenkopf einzuschlagen, weil er einen Zusammenstoß mit den deutschen Truppen im Tal verhindern wollte.
Ein Teil der Marokkaner schlug diesen Weg ein und stieß in der Nähe des Mühlsteins auf der Flacken am Morgen des 20. Aprils 1945 auf Widerstand. Drei Volkssturmmänner und drei deutsche Soldaten verloren in diesem letzten sinnlosen Gefecht auf heimischen Boden ihr Leben. Auf französischer Seite fiel ein Soldat.
Die aus dem Harmersbachtal fliehenden deutschen Truppen sprengten in den frühen Morgenstunden des 22. April 1945 – es war ein Sonntag – beim Anwesen Bitsch die Brücke über den Harmersbach und die Löcherbergstraße im Lindenbach-Hohloch. Das Vordringen der Franzosen war aber nicht mehr aufzuhalten.
Besetzter Ort
Für die schockierte Oberharmersbacher Bevölkerung muss es eine gespenstische Szene gewesen sein. Der Sonntagsgottesdienst war gerade zu Ende. Vom Löcherberg her besetzten an jenem April-Sonntag mehrere hundert berittene Marokkaner das Dorf. Es fiel kein Schuss, keine Übergriffe waren zu vermelden. Ein Großteil der Reiter zog nach zweistündigem Aufenthalt weiter in Richtung Zell.
Die französische Besatzung als neue politische Herrschaft setzte unmittelbar deutliche Akzente. Im Gasthaus „Bären“ wurde die Kommandozentrale eingerichtet. Für den Schriftverkehr galt die französische Sprache. Von hier aus erfuhr die Bevölkerung die restriktiven Anordnungen, denen sie nunmehr bedingungslos ausgeliefert war.
Interimsweise wurde Bürgermeisterstellvertreter August Lehmann an die Spitze einer notdürftig funktionierenden Verwaltung gesetzt. Auf mündlichen Befehl der französischen Militärbehörde wurde er jedoch am 11. Mai 1945 bereits wieder entlassen. Für die neue politische Herrschaft gestaltete sich die Suche nach einer unbelasteten und gleichzeitig kommunalpolitisch erfahrenen Person für die Verwaltung als schwierig, wenn diese auch nur ausschließlich als „verlängerter Arm“ der jetzt bestimmenden Besatzungsmacht deren Entscheidungen umgehend auszuführen hatte.
Noch einmal berief man den von den Nationalsozialisten im März 1933 „beurlaubten“ und kurze Zeit später abgesetzten Bürgermeister Fridolin Lehmann. Er war zum Zeitpunkt seiner neuerlichen Amtstätigkeit 78 Jahre alt und trat nach sechs Monaten zum Jahresende 1945 zurück. Die Kreiskommandantur hatte bereits im November kommissarisch Ludwig Braun berufen, der 1946 die Amtsgeschäfte seines Vorgängers übernommen hatte.
Die im Ortsteil Riersbach über den Harmersbach gesprengte Brücke wurde durch eine hölzerne Notbrücke ersetzt, die zerstörte Löcherbergstraße mit bescheidenen Mitteln repariert (sie rutscht übrigens im Februar 1960 auf einer Länge von ca. 20 Meter halbseitig ab). Arbeitskommandos räumten die verbliebenen Panzersperren, unter anderem beim Gasthaus „Stube“, und andere Hindernisse beiseite. Es galt eine strikte Ausgangssperre von 8 Uhr abends bis 6 Uhr morgens. Niemand durfte den Ort verlassen. Telefonieren war ausnahmslos untersagt.
Alles, was vermeintlich oder tatsächlich als gefährlich oder wertvoll begutachtet wurde, beschlagnahmte die Besatzungsmacht. Radiogeräte, Fotoapparate und vor allem sämtliche Waffen mussten abgeliefert werden. Munition und Uniformen sollten in den Häusern zur Erfassung verbleiben. (Metzgermeister Wilhelm Lehmann, Großvater väterlicherseits des Autors dieser Zeilen, besaß noch eine Pistole aus dem Ersten Weltkrieg. Er warf sie damals kurzerhand in das damals noch übliche „Plumpsklo“. Als Ende der 1950er Jahre eine neue Hausklärgrube gesetzt wurde, bargen die Bauarbeiter das verrostete Überbleibsel).
Zeitweise glich das Rathaus einem Zeughaus und einer Waffenkammer. Hier lagerten über 200 Gewehre und Pistolen, darunter auch die Vorderlader der Bürgerwehr, Unmengen an militärischer Kleidung sowie Decken, Kissen und Matratzen mit Bezügen, die überwiegend an das Russenlager in Unterharmersbach abgegeben wurden, kistenweise Munition, etliche Panzerfäuste und Gasmasken – sowie ein Vierlingsgeschütz. 110 Kameras verschiedener Fabrikate und 265 Radioapparate wechselten in den ersten Tagen der Besatzung ihren Besitzer. Kaum einer wagte sich den Ablieferungen zu widersetzen, denn der Befehl ließ keinen Interpretationsspielraum zu: „Der Bürgermeister und 10 Mann haften mit ihrem Leben für die Durchführung dieser Anordnungen.“
Die Reglementierung war allumfassend. Für die Benutzung von Fahrrädern war eine Berechtigungskarte erforderlich – 721 solcher Karten wurden bis zur Aufhebung dieser Vorgabe im Jahre 1948 ausgestellt. Angeordnet wurde eine Passpflicht und zum Verlassen des Ortes war ein Passierschein (laissez-passer) erforderlich. Selbst die Feldarbeit war untersagt und erst am 27. April 1945 wieder erlaubt, Verboten war auch die Jagd (diese war ohne die konfiszierten Gewehre, wenn überhaupt, nur unter erschwerten Bedingungen möglich; allerdings war Wilderei war an der Tagesordnung, um den Speiseplan zu bereichern). Die bisherigen Jagd-Pachtverträge wurden für gegenstandslos erklärt. Der Fischfang war zwar noch erlaubt, nur hatten die französischen Besatzungssoldaten die Bäche bis 1948 komplett leer gefischt.
Gründlich ging man daran, die Symbole des bisherigen Unrechtsregimes auszumerzen. Malermeister Anton Frey übermalte auf den Helmen der Freiwilligen Feuerwehr die bisherigen Hoheitszeichen. Schlossermeister August Haag musste aus den Stempeln die Hakenkreuze herausmeißeln. Banknoten mit Hakenkreuzen wurden eingezogen, es galten nur Scheine mit dem Aufdruck „Alliierte Militärregierung Deutschland“. Alles, was an Nazi-Deutschland erinnerte, auch Schulbücher, wurde eingezogen und vernichtet.
Die nur allmählich gelockerte Ausgangssperre führte zu einem tragischen Todesfall. Augustin Kempf machte sich am Morgen des 6. Dezember 1945 um 2 Uhr auf den Weg, um die Lokomotive anzuheizen. Er benötigte nur wenige Schritte bis zu seinem Arbeitsplatz. An diesem Morgen fiel er einem französischen Posten auf. Augustin Kempf war schwerhörig. Er hörte nicht die dreimalige Aufforderung, stehen zu bleiben, auch nicht den Warnschuss, den der Posten abgegeben haben will. Der zweite Schuss traf Augustin Kempf tödlich. Es war die einzige durch die Besatzungsmacht verübte Tötung.
Auch sonst verlief nicht immer alles nach „Gesetz und Ordnung“ der Besatzungsmacht. Kleidung und Nahrungsmittel, auch Kirschwasser, waren bevorzugte Beute, übrigens auch vier Autos, sechs Motorräder und etliche Mengen Schnittholz. Erst nach und nach verfolgte die Besatzungsmacht solche willkürliche „Aneignungen“ (nunmehr besser gesagt: Diebstähle).
Vereinzelt kam es durch die noch hier lebenden Fremdarbeiter, deren Transport in die Heimat gruppenweise Ende April 1945 einsetzte, zu Plünderungen, Einbrüchen und Körperverletzungen. Der eine oder andere mag den Spieß umgedreht und alte Rechnungen aus den vergangenen Jahren der Misshandlung und Unterdrückung beglichen haben.
Manche Polen – sie durften Waffen tragen – fielen durch Diebstähle und Belästigungen der Bevölkerung besonders auf.
Not im Alltag
Mehr zu schaffen machte der Bevölkerung die allseits spürbare Verknappung der Lebensmittel, hervorgerufen durch die unruhigen Zeiten und Ablieferungsverpflichtungen an die Besatzungsmacht. Im Mai 1945 wurden in Lebensmittelbetrieben alle Frucht-, Mehl- und Zuckerbestände konfisziert, Ende 1945 auch Obst und Schnaps.
Die Mengen waren zum Teil beträchtlich. Noch 1948 hatte Oberharmersbach abzuliefern: 296 dt (Dezitonne = Doppelzentner = 100 kg) Brotgetreide und Gerste, 5.400 dt Kartoffeln, 194 dt Hafer, 650 dt Heu und 250 dt Kirschen, ferner jede Woche mehrere Stück Schlachtvieh. Die ebenfalls ablieferungspflichtigen Kontingente an Geflügel, Eier, Milch und Butter sind nur lückenhaft und somit äußerst ungenau erfasst. In den Jahren zuvor lagen alle Zahlen wegen der willkürlichen Zwangsrequirierungen allgemein wesentlich höher. Die Schließung sämtlicher Mühlen war nur eine weitere Maßnahme für eine umfassende Kontrolle. Erst im Oktober 1946 drehten sich die Mahlräder wieder.
Um die Unterversorgung wenigstens etwas zu mildern, verpachtete die Gemeinde an Einheimische und Flüchtlinge 37 kleine Areale auf dem Sportplatz für den Gemüseanbau. In Reutfeldern pflanzten etliche Bürger Kartoffeln. Als Kaffee-Ersatz dienten geröstete Gerste oder Eicheln, aus Zuckerrüben gewann man Sirup.
Obwohl wie nach dem Ersten Weltkrieg Hamstern verboten war, wich man auch in Oberharmersbach auf den Schwarzmarkt aus. Butter, Schnaps (oft schwarz gebrannt) und Speck, vor den Franzosen versteckt, waren willkommene Tauschobjekte für Güter des täglichen Bedarfs. Die „Handelsbeziehungen“ reichten bis Schramberg, wo beispielsweise Uhren und Lebensmittel hin und her „wanderten“. Der nicht ganz ungefährliche rund 33 Kilometer lange Fußmarsch dauerte jeweils für Hin- und Rückweg rund acht Stunden.
Erhebliche Verluste entstanden der Gemeinde durch den Holzeinschlag der Besatzungsmacht („F“- und „E“-Hiebe = Franzosen- oder Exploitationshiebe). Im Gemeindewald schlugen die Franzosen mit Hilfe deutscher Kriegsgefangener in den Jahren 1946 und 1947 rund 6543 Festmeter Holz ein. In den beiden folgenden Jahren holzte die Firma Interbois mit 54 Holzhauern, von denen 14 im Gasthaus „Freihof“ und 40 im Gasthaus „Sonne“ untergebracht waren, zusätzliche Flächen ab.
Ursprünglich sollten im Gemeindewald 23.000 Festmeter Holz eingeschlagen werden, was einem Kahlhieb von 40 bis 45 Hektar entsprochen hätte. Tatsächlich blieb es bei insgesamt 10.906 Festmetern. Aus dem Privatwald forderte die Besatzungsmacht 4500 Ster Brennholz und 150 dt Gerbrinde.
Während der Gemeinde durch Wiederaufforstung und Instandhaltung der Wege Kosten entstanden, litt die Bevölkerung unter erheblicher Unterversorgung bei Brennholz. Ausbleibende Zufuhren führten zu einem gleichzeitigen Mangel an Kohle – und dies im Winter 1946/47, einem der strengsten des 20. Jahrhunderts.
Obwohl die Gemeinde die Brennholzmenge vergrößerte, entfiel auf eine Person etwa nur ein Ster Holz. Eine geringe Menge Kohle beschaffte die Kommune über die Papierfabrik Koehler in Oberkirch, die 1 Tonne Briketts gegen 5 Ster Faserholz tauschte.
Evakuierte und Flüchtlinge
Nicht weniger Sorgen bereitete die Wohnungsnot. Bereits im Jahre 1942 kamen erste Evakuierte aus den durch Luftangriffe bedrohten und ausgebombten Städten nach Oberharmersbach. Hunderte lebten hier in den letzten Kriegsmonaten. Die Zahl der Wohnungssuchenden vergrößerte sich ständig. Man brauchte jeden Quadratmeter Unterkunft für die allmählich heimkehrenden Kriegsgefangenen und die ständig steigende Zahl der Flüchtlinge aus den ehemaligen Ostgebieten, die in den Nachkriegsjahren aus den überwiegend in Norddeutschland liegenden Auffanglagern den Gemeinden zugewiesen wurden. Im Februar 1946 kamen 230 Ostflüchtlinge nach Oberharmersbach, im März 1947 war die Zahl auf 380 angewiesen.
Es gab nicht wenige Vorbehalte gegen die wachsende Zahl vom „Fremden“. Die Bereitschaft, Vertriebene und Flüchtlinge aufzunehmen, hielt sich in Grenzen. Selbst der Appell von Pfarrer Ludwig Tröndle von der Kanzel herunter, diesen Menschen zu helfen, fand nicht die erhoffte Resonanz (1950 fand auch im Obergeschoss des Pfarrhauses eine Flüchtlingsfamilie für 12 Jahre eine Wohnung).
Es ging nicht ohne Beschlagnahmung von Zimmern. Selbst Leibgedinghäuser boten zumindest für einige Zeit Flüchtlingen Platz. Erst in den 1950er Jahren besserte sich allmählich die Wohnungssituation. Einige Flüchtlingsfamilien haben sich auf Dauer in Oberharmersbach niedergelassen.
Hin und wieder wurden die Erinnerungen an den Krieg wieder ganz nah, als Soldaten nach Jahren aus der Gefangenschaft heimkehrten – und möglicherweise die sichere Nachricht überbrachten, dass der eine oder andere bisher als vermisst gemeldete Kamerad doch längst gefallen war. Rund 300 Kriegsgefangene mussten noch Monate und Jahre nach Kriegsende in Lagern ausharren. Sie waren nach ihrer Rückkehr gesundheitlich gezeichnet, durch Krankheit geschwächt oder durch Verwundungen verstümmelt, traumatisiert durch die furchtbaren Erlebnisse in Krieg und Gefangenschaft, beraubt um ihre besten Lebensjahre – und hatten oft auch eine geringere Lebenserwartung.
Der letzte Heimkehrer war Raimund Lehmann vom Amselgrund. Im Juni 1944 war der damals 25 Jahre junge Soldat in russische Gefangenschaft geraten. Zwei Jahre später erhielten seine Eltern von ihm ein erstes Lebenszeichen. Erst nach dem Aufsehen erregenden Besuch des damaligen Bundeskanzlers Konrad Adenauer in Moskau kamen die letzten Gefangenen aus sowjetischen Lagern frei, unter ihnen Raimund Lehmann, als letzter Kriegsgefangener des damaligen Landkreises Wolfach. Am 15. Dezember 1955 hießen Glockengeläut und Musik den nunmehr 36jährigen Heimkehrer in seiner Heimat willkommen, der endlich nach 12 Jahren seine Eltern wieder in die Arme schließen durfte. 500 Mark von der Gemeinde und eine Heimkehrerentschädigung des Kreises von 5.000 Mark waren nur ein symbolischer Betrag für die jahrelangen Entbehrungen in russischen Lagern. Raimund Lehmann starb im Oktober 1990 im Alter von 71 Jahren.
Begehrte „Persilscheine“
Wenig ruhmreich verlief das Kapitel „Entnazifizierung“, wie andernorts allgemein, auch auf örtlicher Ebene. 228 Oberharmersbacher waren als Mitglieder in verschiedenen nationalsozialistischen Organisationen registriert.
Es ist heute sehr einfach zu sagen, man hätte sich von Anfang an von der nationalsozialistischen Ideologie distanziert und sich dem Zugriff der NSDAP entzogen. Es gab vereinzelt tatsächlich solche Fälle, auch Bedienstete der Gemeinde. So war Ratsdiener Augustin Rauber nie in der Partei. Elisabeth Hertig gab als Sekretärin auf dem Rathaus erst 16 Monate nach Dienstantritt dem ständigen Drängen des damaligen Bürgermeisters Josef Serrer nach und trat 1942 in die Partei ein. Zentrums-Gemeinderat Karl August Lehmann (Großvater mütterlicherseits des Autors dieser Zeilen) trat als Gemeinderat des Zentrums zurück, als im Juli 1933 das Gremium „gleichgeschaltet“ wurde, um nicht der NSDAP beitreten zu müssen. Landwirt August Hug trat wegen Meinungsverschiedenheiten aus der NS-Bauernschaft aus. Und selbst Josef Serrer, seit 1929 eines der ersten NSDAP-Mitglieder im Ort und 1933 als Bürgermeister eingesetzt, war doch nicht ganz so „linientreu“, wie es manche örtlichen Parteigenossen gerne gesehen hätten. In vielerlei Hinsicht wurde er später als „ausgleichend und vermittelnd“ geschildert und bewies Haltung, weil er zu seinen eigenen Überzeugungen stand. Das wurde ihm zum Verhängnis. Er wurde 1944 denunziert, eingezogen und galt schon kurze Zeit später als vermisst. Seine Entnazifizierungsakte wurde 1950 geschlossen.
Wer welche Schuld hatte, lässt sich nicht mehr beurteilen, zumal die Entnazifizierungsakten erstaunlich dünn sind und von manchen örtlichen Parteigrößen kein einziges Blatt im Gemeindearchiv zu finden ist. Die spärlich vorhandenen Unterlagen lassen aber dennoch den Schluss zu, dass einige wenige Aktivisten für die Umsetzung der Parteibeschlüsse vor Ort gesorgt haben. Fraglich ist nur, wer in welchem Maße wann entscheidend „im Sinne der Führung“ gehandelt hat.
Falls überhaupt Strafen verhängt wurden, fielen sie sehr gering aus. Es blieb bei kurzfristigen Suspendierungen oder minimalen Geldstrafen, weil oft örtliche Honoratioren, mitunter auch Pfarrer Ludwig Tröndle, den Beschuldigten ein entsprechendes Leumundszeugnis ausstellten.
Der Untersuchungsausschuss für politische Säuberung in Wolfach wurde bereits am 11.12.1948 aufgelöst. Für mögliche Fälle, die zur weiteren Beurteilung nach Offenburg abgegeben werden sollten, meldete die Gemeinde „Fehlanzeige.“ Somit hatte nahezu jeder – vielleicht zu Recht oder mit viel Glück und „Wendigkeit“ – eine „weiße Weste“.
Einige ehemalige Parteimitglieder leisteten einen Sühnebeitrag. 30 von ihnen nahmen am 17. September 1946 an der Begräbnisfeier der KZ-Insassen in Haslach teil, 17 Oberharmersbacher halfen sechs Tage später das Massengrab für die Ermordeten auszuheben.
Das dunkelste und traurigste Kapitel deutscher Geschichte wurde auch in Oberharmersbach lange totgeschwiegen. Und dennoch: Adolf Hitler hat nicht alles allein getan. Diese Schreckensherrschaft wäre nicht möglich gewesen ohne den Blockwart und den Propagandaleiter, nicht ohne den egoistischen Spitzel, den übereifrigen Polizisten oder willfährigen Beamten – ausgestattet mit vorauseilendem Gehorsam und in Erwartung persönlicher Vorteile…
Martin Niemöller (*1892, + 1984), evangelischer Theologe und bedeutender Vertreter der bekennenden Kirche, ab 1938 im Konzentrationslager Sachsenhausen inhaftiert, brachte das Problem vieler Menschen auf den Punkt:
„Als die Nazis die Kommunisten holten, habe ich geschwiegen, denn ich war ja kein Kommunist.
Als sie die Sozialdemokraten einsperrten, habe ich geschwiegen, denn ich war ja kein Sozialdemokrat.
Als sie die Katholiken holten, habe ich geschwiegen, denn ich war ja kein Katholik.
Als sie mich holten, gab es keinen mehr, der protestieren konnte.“



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