Die Vernissage im historischen Rundofen stieß auf hohes Interesse – die Sonderausstellung „Frauen in der Zeller Keramikfabrik“ bietet einen völlig neuen Blickwinkel.
Foto: Inka Kleinke-Bialy
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Foto: Inka Kleinke-Bialy„Diese Ausstellung widmet sich einem Thema, das lange im Schatten stand – den Frauen, die mit ihrem Können, ihrem Fleiß und ihrer Kreativität wesentlich zur Geschichte und zum Erfolg der Zeller Keramik beigetragen haben“, fasste Bürgermeister Günter Pfundstein in seinem Grußwort zur Vernissage am vergangenen Donnerstagabend zusammen und fuhr am Rednerpult im Foyer des historischen Rundofens fort: „Diese Frauen waren Arbeitnehmerinnen, Künstlerinnen, Entwerferinnen, aber auch starke Persönlichkeiten hinter der Geschäftsführung – und sie alle haben Spuren hinterlassen, die es wert sind, gesehen und erzählt zu werden.“
Mit historischen Fotografien, spannenden Geschichten und ausgewählter Keramik aus der städtischen Sammlung macht die Ausstellung die ehemalige Arbeitswelt dieser Frauen sichtbar. Gegründet worden war die Zeller Keramikfabrik im Jahr 1794 – in einer Zeit, in der Frauenrechte noch kaum existent waren, wie der Rathauschef betonte: „Frauen arbeiteten oft unter schwierigsten Bedingungen. Ihre Leistungen wurden selten anerkannt, Mitbestimmung oder gar Gleichberechtigung waren in weiter Ferne.“
Denkanstöße für die Gegenwart
So erhielten Frauen in Deutschland beispielsweise erst 1918 das aktive und passive Wahlrecht – ein entscheidender Schritt, der den Weg in eine neue Gesellschaftsordnung erst ermöglichte, aber noch lange nicht die Gleichstellung bedeutete. Gerade deshalb sei es wichtig, so Günther Pfundstein, sich heutzutage an diese Pionierinnen zu erinnern: „Ihre Lebensrealitäten und Beiträge geben uns nicht nur Einblicke in die Vergangenheit, sondern auch Denkanstöße für die Gegenwart.“
Seinen Dank richtete das Ortsoberhaupt an den Rundofen-Förderverein und insbesondere an Albert Braun samt Helferteam – sie alle haben mit großem Engagement die Ausstellung von der Idee bis zur Umsetzung ermöglicht. Unter anderem auch den ehrenamtlichen Einsatz Fritz Riehles stellte Bürgermeister Pfundstein heraus.
Er unterstrich, dass die Ausstellung mehr als eine Rückschau sei – nämlich eine Würdigung und ein Zeichen des Respekts gegenüber den Frauen, die die Geschichte der Zeller Keramik mitgeschrieben haben. „Ein Blickwinkel, aus dem das einst stolze Unternehmen bisher noch nicht betrachtet worden ist“, resümierte er.
Im Anschluss nahm Iris Baumgärtner die Einführung aus Fachfrauensicht vor. Vom Badischen Landesmuseum kommend, war sie 1989 für die erste Ausstellung über die Zeller Keramik tätig gewesen. Von 1991 dann bis 2023 leitete sie das Stadtmuseum in Rastatt.
Verwehrter Bildungszugang
Wann sich die Tore der Zeller Keramikfabrik für Frauen geöffnet haben, sei völlig ungewiss, begann sie ihren Vortrag und beleuchtete Dinge wie diese: Das Unternehmen zählte zu den ganz frühen Fabrikgründungen in Baden, das arbeitsteilige und seriell produzierte und damit viele Arbeitsplätze auch für ungelernte Kräfte schuf. Daher ist es möglich – auch wenn Quellen fehlen – dass zu dieser Zeit schon Frauen in der Zeller Fabrik Arbeit fanden.
Aber die gesellschaftliche Stellung von Frauen war von Einschränkungen und klaren Rollenbildern geprägt, die sich auf den häuslichen Bereich beschränkten. Frauen hatten keine politische Teilhabe und waren von fast jeder Erwerbstätigkeit ausgeschlossen. Das besondere Erbrecht in Baden, das sogenannte Hofgüterrecht, das Frauen bis ins 20 Jahrhundert hinein vom Erbe ausschloss, erschwerte zusätzlich die Lage vieler Frauen. Ihnen blieb nichts anders übrig als zu heiraten, um der Armut und Abhängigkeit von Verwandten zu entgehen.
Die Zeller Fabrik mit ihren anfangs bereits 100 Arbeitsplätzen habe vielleicht jenen Frauen, die nicht heiraten konnten oder früh verwitweten, einen Ausweg geboten, so Iris Baumgärtner. „Vielleicht bekamen sie Hilfsarbeiten in dem viele Arbeitsschritte umfassenden Produktionsprozess zugeteilt.“ Da Ihnen bis zum 19. Jahrhundert der Zutritt zu Kunstgewerbeschulen und Akademien verwehrt wurde, waren die Bildergeschirre aus der frühen Zeller Produktion durchweg von männlichen Kupfer- respektive Stahlstechern geschaffen worden. Auch das Bemalen des Porzellans war den Männern als edle Aufgabe vorbehalten, Frauen durften allenfalls die Goldränder polieren.
„Billig und geduldig“
„Frauen waren billige und auch geduldige Arbeitskräfte – vielleicht ein Anreiz sie einzustellen“, mutmaßte die Rednerin. „Aus Untersuchungen anderer Fabriken wissen wir, dass Frauen damals die Hälfte oder auch nur ein Drittel des Arbeitslohnes ihrer männlichen Kollegen erhielten, mit der Begründung, dass die Männer eine Familie zu versorgen hatten.“
Das begann sich erst Mitte des 19. Jahrhunderts allmählich zu ändern, zum Beispiel mit der Gründung des badischen Frauenvereins, der zu den Wegbereitern weiblicher Bildungs- und Berufsmöglichkeiten zählte. Die Frauen engagierten sich jetzt auch politisch, traten in Gewerkschaften ein und forderten für sich mehr Rechte.
Zur selben Zeit, Ende des 19. Jahrhunderts, begann eine neue Stilepoche, die das Handwerk aufwerten und der industriellen Massenware mit hochwertigen Produkten entgegnen möchte. In dieser Zeit des Jugendstils setzte auch die Zeller Keramikfabrik auf künstlerisch hochwertige Ware und engagierte die bekannte Kunsthandwerkerin und Autodidaktin Elisabeth Schmidt-Pecht als freie Mitarbeiterin. Ihr 1897 erschaffenes Dekor „Favorite“ war einer der größten Erfolge der Firma und wurde bis zu deren Ende im Jahr 2023 produziert.
Auf das Ende des Ersten Weltkriegs folgenden die mageren 1920er Jahre mit hoher Arbeitslosigkeit. „Wie sich diese auf die Beschäftigung der Frauen auswirkte, wissen wir nicht“, so Iris Baumgärtner in ihrem Vortrag. Die Ausstellung zeigt Schwarzweiß-Fotos, die in dieser Zeit entstanden sein könnten.
Inzwischen: Zeitzeuginnen
Mit dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs wurden die wehrtüchtigen Männer zum Kriegsdienst eingezogen, die Keramikfabrik war nun verstärkt auf den Arbeitseinsatz von Frauen angewiesen. Die Ausstellung zeigt Winterhilfswerkzeichen, die von Frauen und Kindern auch in Heimarbeit bemalt wurden.
„Nach dem Zweiten Weltkrieg wird die Frauengeschichte der Keramikfabrik konkreter und ist mit deutlich mehr Frauennamen belegt, weil wir jetzt auch Zeitzeuginnen befragen können“, erläuterte Iris Baumgärtner. Auch stieg die Zahl der Arbeiterinnen stetig, so dass allmählich mehr Frauen als Männer in der Keramikfabrik arbeiteten.
Anhand von vier denkbar unterschiedlichen – und in der Ausstellung thematisierten – Frauenbiografien verdeutlichte die Vortragende, wie sehr Herkunft, Ausbildung und Zeitumstände über die Lebensentwürfe entschieden.
So war die 1919 in Gutach geborene Anneliese Beckh die erste akademisch ausgebildete Kunsthandwerkerin und „Entwerferin“ in der Zeller Keramik. Doch in dem sehr konservativ geprägten Gesellschaftsbild der 50er Jahre hatten die Männer wieder das Sagen, und es dürfte nicht viele Frauen gegeben haben, die eine so unabhängige Stellung wie Anneliese Beckh innehatten.
Ungerechtigkeiten
Eine ihrer Schülerinnen, Doris Beha, begann 1972 mit 15 Jahren die Lehre in der Keramikfabrik. Bald durfte die begabte Keramikerin und Malerin als einzige Frau das Dekor „Favorite“ malen. Tatsächlich waren die als anspruchsvoll geltenden Dekore den Männern vorbehalten, die dafür auch besser bezahlt wurden. Doris Beha musste das aufwändige Dekor im Akkord malen, die Männer hingegen arbeiteten im Stundenlohn.
Arbeiter waren also deutlich besser gestellt, da man ihnen die besser bezahlten und auch interessanteren Aufgaben zuteilte. Als Doris Beha als Abteilungsleiterin der Malerei den Ungerechtigkeiten entgegentrat, „gab es große Proteste.“ Und: Für ihre erfolgreichen Dekorentwürfe wurde sie nicht entlohnt – mit der Begründung, dass sie kein Design studiert habe.
Christine Ruff wiederum studierte nach ihrer Lehre in der Zeller Keramikfabrik, besitzt seit 2008 ein Atelier in Wuppertal und wurde eine Dekade später universitäre Lehrbeauftragte für Industriedesign. Ihre Kritik an der Diskriminierung von Frauen in der Zeller Keramikfabrik brachte ihr „tüchtigen Ärger“ ein.
Und dann ist da noch Natalie Hillebrand. Die studierte Textildesignerin war Mitbegründerin der Firma Hillebrand, die von 1989 bis 2008 die Zeller Keramikfabrik als „Zeller Fayencerie“ betrieb. Als Mitinhaberin hatte sie vollkommen freie Hand, eine neue Kollektionsreihe aufzubauen.
Die vielfältig-spannende und auf zwei Stockwerken liebevoll-ästhetisch präsentierte Sonderausstellung im Rundofen ist bis zum 23. November donnerstags, freitags und sonntags von 14 bis 17 Uhr geöffnet, Eintritt frei.





