Ein Jahrzehnt im Zeichen von Ruhe und Natur: Der Ruhewald Bildtann feierte am Freitag sein Jubiläum. Was 2016 als mutiges Experiment begann, hat sich zum geschätzten Kraftort für Trauernde entwickelt.
Wenn der Wind sanft durch die Wipfel der Bildtann streicht, spürt man, was Landrat Thorsten Erny in seiner Rede als „Kreislauf der Natur“ bezeichnete. Als Vorsitzender des Betreibers Waldservice Ortenau (WSO) erinnerte er daran, dass man vor zehn Jahren mit dem Projekt „Ruhewald“ in Sachen Bestattungskultur Neuland betrat. „Wir waren Pioniere“, so Erny, der damals noch als Gengenbachs Bürgermeister mit von der Partie war. Das Konzept – eine Bestattung ohne Grabpflege, dafür mit viel Raum für Natur und individuelle Erinnerung – habe die Erwartungen deutlich übertroffen. Mit dem Ruhewald am Brandenkopf in Oberharmersbach und dem Standort in Ettenheim habe das Erfolgsmodell Bildtann zudem „Ableger“ in der Region gefunden.
Mehr als 1.000 Schicksale unter den Bäumen
Bürgermeister Sven Müller fand bewegende Worte für die Statistik: Hinter jeder der mittlerweile 1.075 Urnen, die seit der Eröffnung im April 2016 beigesetzt wurden, stehe ein ganzes Leben, das Spuren hinterlassen habe. „Man kann die Augen zumachen und diesen Kraftort spüren“, beschrieb Müller die besondere Aura des sieben Hektar großen Areals.
Ortsvorsteher Manfred Armbruster (Bermersbach) blickte mit Stolz auf die Anfänge zurück. Er erinnerte an Stefan Grimm, den verstorbenen WSO-Forstwirt, der das Projekt mit vorantrieb und tragischerweise als Erster im „Bildtann“ seine letzte Ruhe fand. „Stefan wäre stolz auf uns“, ergänzte Kurt Weber (WSO) sichtlich bewegt. Jutta Uhl, die als Hauptansprechpartnerin das Gesicht des Ruhewaldes ist, berichtete von der engen Zusammenarbeit mit mittlerweile über 40 Bestattungsunternehmen.
Wenn die Seele Flügel bekommt
Ein besonderes Ausrufezeichen zum Jubiläum setzte der Künstler Michael Steigerwald. Direkt an der Einfahrt zum Parkplatz 2 ergänzt ein neues Werk den bestehenden „Lebensweg“ zum Ruhewald. Der Titel: „Geknickte Seele – geknickte Stele“. Steigerwald will damit einen Zustand abbilden, „der sich mit Worten kaum beschreiben lässt“.
Momentaufnahme des Übergangs
Das Loslassen, sowohl als Sterbender wie auch als Angehöriger, versteht Steigerwald als Teil des natürlichen Kreislaufs. Die monumentale Stele ist zweigeteilt: Während der untere Stamm die Bodenhaftung symbolisiert, scheinen im oberen Teil aus beschichtetem Eisen Blätter zu fallen – oder sind es Flügel? Für den Künstler ist es genau jener Moment, „in dem die Seele Flügel bekommt“. Ganz oben thront ein schlichter Zweig. Auf christliche Symbole verzichtet Steigerwald bewusst, um der weltanschaulichen Neutralität des Waldes gerecht zu werden.
Ein Zweig ist ein Zweig ist ein Zweig
Dass im Ruhewald alles auf das Wesentliche reduziert ist, unterstrich Steigerwald mit einer philosophischen Anleihe bei der Schriftstellerin Gertrude Stein. Deren berühmtes Diktum „Eine Rose ist eine Rose ist eine Rose“ wandelte er für sein Werk um: „Ein Zweig ist ein Zweig ist ein Zweig.“ Damit verdeutlichte der Künstler die ehrliche Schlichtheit des Ortes. Wo die Natur selbst zum Denkmal wird, braucht es keinen künstlichen Schmuck und keine überladene Symbolik. Ein einfacher Zweig aus Eisen steht für sich selbst.
Den kompletten Bericht und weitere Bilder finden Sie in der Print-Ausgabe der Schwarzwälder-Post.





