Mit enormer Schaffenskraft und Weitblick haben die Gastwirtschafts- und Hotelbetreiber in Prinzbach ein namhaftes kleines Imperium aufgebaut. Zu Freunden gewordene Stammgäste halten noch heute Kontakt zu den Jubilaren.
„Wer nicht wagt, der nicht gewinnt!“ Kerzengerade richtet Adolf Bühler seinen von inzwischen 93 Lebensjahren gezeichneten Körper kurz auf, dass die Augen auf einmal nur so blitzen. Sein Vorname ist typisch für die Zeit um 1933, in der er zur Welt kam.
Die unbedingte Entschiedenheit, mit der er den eingangs erwähnten Leitspruch von sich gegeben hat, verrät das Erfolgsrezept eines Unternehmerduos, das seit 70 Jahren einander tief zugetan ist. „Ich hab´ meinen heutigen Mann damals gesehen und gleich gewusst: Das ist er“, sagt Luzia Bühler, geborene Stölker, nicht minder entschieden. Ihr schelmisches Schmunzeln mag verhalten scheinen, und doch kommt es von innen heraus. Immer wieder suchen die beiden während des Interviews den Blickkontakt zueinander, scheinen wortlos kurz Zwiesprache zu halten.
„Damals“ bezieht sich auf die Zeit in der Landwirtschaftsschule, die beide 1952/ 53 in Haslach besuchten. Luzia war von ihrer Mutter dorthin geschickt worden. „Die war halb Bäuerin, halb Gastwirtin. Ich bin aber nie gern in den Kuhstall und den Schweinestall gegangen, da hat´s gestunken.“ Aber sich nach der Stallarbeit richtig waschen konnte man nicht in einer Zeit, in der die Möglichkeit täglichen Duschens noch Lichtjahre entfernt war. Zwar gab es ein Bad, doch das musste eigens aufgeheizt werden – ein Luxus, der unmöglich täglich erfolgen konnte.
Ein Herz für Gäste
„Ich hab´ mich schon immer lieber um die Gäste gekümmert“, erzählt die im März 1935 Geborene. Doch die Mutter schickte sie auf die Landwirtschaftsschule, „damit du was lernst von der Landwirtschaft, ich kann dir ja nichts beibringen.“ Zuständig gewesen wäre Lahr, da aber wollte die Tochter keinesfalls hin, die Vorbehalte des Vaters gegenüber Lahr im Ohr. Der habe in Bezug auf einen Ehemann immer gesagt: „Du kannst einen bringen, aber nicht einen von über dem Berg.“
Luzias Onkel, damaliger Bürgermeister von Prinzbach, richtete es auf Betreiben der energischen jungen Frau dann so ein, dass sie von der Haslacher Schule aufgenommen wurde. Wo es ihr so gut gefiel, dass sie sich entschied, im dortigen Internat zu wohnen – wie auch ihr künftiger Gemahl. „Nur am Wochenende ging es nach Hause“, erinnert Adolf sich. Er stammt aus einem großen Bauernhof aus Hinterlehengericht bei Schiltach und bewältigte die Strecke per Zug.
Auch für seine zukünftige Frau war die Fahrt umständlich. Anfangs übernachtete sie bei ihrer sieben Jahre älteren Schwester in Steinach, wo diese in die Metzgerei Rose eingeheiratet hatte. Nach wenigen Tagen aber schickte Vater Moritz Stölker („er war ein herzensguter Mensch“, so Luzia) die beiden Schwestern nach Biberach, um sich dort ein Motorrad auszusuchen. Von nun an bewältigte Luzia jede zu fahrende Strecke mit diesem Gefährt – zum Erstaunen der Männer und mit obendrein heftig flatterndem Rock, denn eine Hose anzuziehen galt für eine Frau damals als unschicklich, im ländlichen Raum schon ganz und gar.
Drei Monate vor ihrer Volljährigkeit mit 21 Jahren überschrieb ihr der Vater den Hof samt aller dazugehörigen Wald- und Wiesenflächen. Ewig werde sie daran denken, wie der Notar den Vater damals gefragt habe, ob es nicht ein wenig gewagt sei, der jungen und obendrein zierlichen Frau alles zu überschreiben, blickt Luzia zurück. Doch der Vater habe seine Entscheidung im Brustton der Überzeugung bekräftigt mit den Worten: „Die kenne ich.“
Zu Recht viel zugetraut
Schon als Baby hatte er sie am Stammtisch als Nachfolgerin vorgestellt: „Ich bin an einem Sonntag geboren und sollte eigentlich ein Junge sein“, leitet Luzia die Anekdote ein. Als einer der bäuerlichen Stammtischler einwandte, es handele sich aber doch um ein Mädchen, habe der Vater bloß abgewehrt.
Mit seiner Zuversicht sollte er recht behalten. „Als wir geheiratet hatten“, schaut Luzia wieder schmunzelnd zu ihrem Mann, „war hier alles alt, nur ich war jung.“ Und Adolf Bühler packte an. Er baute einen neuen Stall und eine neue Scheune mit Aufzug und Heubelüftung „und allem drum und dran“, kaufte neue Maschinen.
Zwei Jahre später dann aber erfolgte eine bedingungslose Umorientierung. Weil sie sich wirtschaftlich nicht mehr trug, beschloss das Ehepaar unisono, die Landwirtschaft aufzugeben. Stattdessen investierten die Bühlers in den Fremdenverkehr und bauten den Hof gänzlich zu einer Gaststätte um, die ihre Anfänge bereits im Jahr 1862 genommen hatte. Die ersten Feriengäste kamen schon in den 50er Jahren in den Badischen Hof. Und der neue Stall? Dort befindet sich nun die Hotelrezeption.
Das allerdings war erst der Anfang. „Mitte der 60er-Jahre haben wir unsere Gäste nicht mehr halten können“, rekapituliert das heutige Jubelpaar: Der Jahresurlaub in Italien oder auch in Spanien lag im Zuge des steigenden Wohlstands im Trend. Also planten die Bühlers den Bau eines Freibads auf der dem Badischen Hof gegenüberliegenden Wiese – noch bevor es eine solche Einrichtung in Biberach gab.
Erst hatte das Paar dem Prinzbacher Bürgermeister Geld geben wollen, damit die Gemeinde ein Freibad baut. Die aber lehnte rigoros ab: Ein solcher Schandfleck käme für das Prinzbachtal nicht in Frage, erinnern sich die Bühlers an das, was ihnen beschieden wurde. Daraufhin nahmen sie das Projekt in Eigenregie in Angriff. Die Genehmigung der Prinzbacher Gemeinde erhielten sie nur unter der Auflage, einen lebenden Zaun um das Schwimmbad zu errichten, „damit die Kinder von Prinzbach keine unkeuschen Einsichten haben. Dass ich dieses Schreiben nicht aufgehoben habe …“, ärgert sich die Seniorin mit feinem Lächeln ob des heutzutage skurril wirkenden Inhalts.
Revolutionär: Freibad im Dorf
Als nächstes galt es, eine Genehmigung von der Lahrer Behörde einzuholen. Die aber kam und kam nicht, dabei war bald Saisonbeginn. „Also bin ich mit meinem Motorrad über den Berg dahingefahren“, erzählt Luzia. Woher sie ihr Durchsetzungsvermögen hat? „Na ja“, meint die heutige Seniorchefin, „von meiner Mutter“, auch wenn sie gerade deswegen mit dieser habe „einiges mitmachen müssen“.
Den zuständigen Sachbearbeiter in Lahr beeindruckte Luzia so sehr, dass dieser gesagt habe: „Bauen Sie mit einer Genehmigung oder mit Zement?“ Damit lag die Zusage vor und Adolf und Luzia legten selbst Hand an, um die Grube für das neben dem Bach liegende Schwimmbecken auszuheben.
Doch in der Nässe des Bodens blieb der Bagger immer wieder stecken. So hoben die beiden das Erdreich praktisch per Hand aus: “Meine Frau hat die Seilwinde bedient und ich den Schrabber“, berichtet Adolf. Auch die Mauer zum Einschalen des flüssigen Betons zog er eigenhändig hoch. Rechtzeitig zum Beginn der Saison 1965 war das Freibad fertig.
Aufgrund der Gästezahlen beschloss das heutige Jubelpaar anno 1968 beim Freibad ein zusätzliches Gästehaus zu bauen – das nötige Kapital jedoch fehlte. „Aber wir hatten ja viel Feld und Wald“, das diente – gemeinsam mit dem Badischen Hof – der Bank als Bürgschaft für den Kredit. „Wenn wir nicht durchgekommen wären, wäre alles kaputt und weg gewesen“, verdeutlicht Luzia Bühler nicht ohne nachträgliches Schaudern die Tragweite des Mottos „wer nicht wagt, der nicht gewinnt!“
Doch sie und ihr Mann hatten mit dem „Jägerhaus“ und seinen 14 Doppel- und sechs Einzelzimmern erneut ein goldenes Händchen bewiesen, die Zeichen der Zeit richtig erkannt. In der Ferienzeit habe das Hotel dreißig bis vierzig Kinder beherbergt, erzählen die beiden. „Und die haben immer bestimmt, wo´s hingeht im nächsten Jahr“ – nämlich in den wunderschönen Schwarzwald nach Prinzbach, wo sie sich untereinander verabredet hatten. Unter den Eltern geschlossene Freundschaften taten ihr Übriges. 1972 kam eine Kegelbahn hinzu, die heutzutage Seminarräumen gewichen ist.
Unermüdlicher Fleiß
Viele Angestellte zur Bewältigung des Arbeitspensums hatten die Bühlers nicht. „Ich hab´ morgens das erste Klo geputzt, um sechs Uhr“, berichtet Luzia, „und dann ging es erst vollständig los: Wir haben morgens um sieben Uhr angefangen und nachts um zwölf Uhr haben wir aufgehört, wir haben durchgeschafft den ganzen Tag, ohne Mittagspause.“
1980 folgte – dem Hotel Badischer Hof schräg gegenüber – der Bau des Gästehauses „Bergblick“, wo das heutige Jubelpaar seinen Alterssitz hat, mit lebenslangem Wohnrecht. Mindestens zwei, wenn nicht drei Wochen seien die Gäste damals geblieben, erinnern sich die Herzblutgastgeber, wohingegen die heutige Aufenthaltsdauer im Schnitt lediglich drei bis vier Tage betrage.
Zu Freunden gewordene Stammgäste melden sich noch heutzutage per Telefon oder kommen zu Besuch, wenn sie sich in Prinzbach aufhalten. Zu Luzias 90. Geburtstag im vergangenen Jahr hat sich sogar ihr damaliger Lehrer von der Landwirtschaftsschule gemeldet – drei Monate vor seinem 100. Geburtstag. Wieder schmunzelt sie: „Ich dachte, dass er längst gestorben ist. Vor Überraschung hätte ich am Telefon fast zu ihm gesagt: Rufen Sie aus dem Jenseits an?“
Zwei der 1957, 1962 und 1966 geborenen Söhne führen das renommierte Unternehmen heutzutage weiter. Karl-Heinz als Ältester ist mit seiner Frau Tina und Tochter Alisa für das stetig renovierte und erweiterte Hotel Badischer Hof zuständig. Sein Bruder Klaus ist hier als Koch tätig und betreibt mit seiner Frau Hedwig das Gästehaus „Bergblick“. In den Jahren 1990 und 1996 war die Geschäftsübergabe in zwei Abschnitten erfolgt. Der jüngste Sohn Ralf wiederum hat mit seiner Frau Heike seinen Lebensmittelpunkt in Zell und Unterharmersbach.
Große Feier
Bis vor zwei Jahren noch – und damit insgesamt 58 Jahre lang – war der aus einer Jägersfamilie stammende Alfons Bühler in Prinzbach Jagdpächter. Inzwischen üben ein Sohn und dessen Schwiegersohn das Jagdrecht aus. Sie auch sind es, die sich nun um vier bis fünf Gehege kümmern, in denen 25 Stück Rotwild gehalten werden. „Wenn die jungen Kälber 70 bis 80 Kilo haben, werden sie geschossen und kommen in die Küche.“
Das ihnen bis vor wenigen Jahren noch mögliche Wandern hat das Ehepaar aus gesundheitlichen Gründen aufgeben müssen: „Der Kopf funktioniert zum Glück noch einwandfrei, aber die Füße machen nicht mehr mit.“ Doch so anstrengend das Leben in körperlicher Hinsicht auch geworden ist: Adolf lässt es sich nicht nehmen, auf dem zig Meter langen Balkon vor der Wohnung alltäglich zehnmal hin- und herzulaufen.
Und Luzia? Sie kocht noch täglich. Nur das Fleisch kommt aus der Hotelküche, „alles andere pack´ ich noch selbst“, sagt sie mit leisem Stolz, „ich war mein Leben lang Köchin, ich hab´ Köchin gelernt.“ Die Schar der Nachkommen des stolzen Jubelpaares mit seinen sechs Enkeln hat sich mittlerweile auf sechs Urenkel vergrößert, Nummer sieben ist unterwegs.
Die kirchliche Feier am kommenden Sonntag findet wie dereinst in der Mauritius-Kirche statt, unter der Obhut von Pfarrer Benno Gerstner. „Wir werden von der Prinzbacher Musikkapelle und im Oldtimer unseres jüngsten Sohnes abgeholt und zur Kirche gebracht“, freuen Adolf und Luzia sich auf den großen Tag. Anschließend werden die Kirchgänger auf dem ehemaligen Schulhof von den Landfrauen Prinzbach-Schönberg bewirtet.
Biberachs Bürgermeister Jonas Breig gratuliert dem Jubelpaar persönlich und im Namen der Gemeinde recht herzlich.
Auch die „Schwarzwälder Post“ wünscht Luzia und Adolf Bühler weiterhin Wohlergehen und alles Gute.




