Der Herrenholzhof und das Holz

Der »Herrebur« Ludwig Schwarz weiß viel zu erzählen über die Geschichte seines Elternhofs und den Wald

Sein gesamtes Leben hat Ludwig Schwarz (79) auf dem über 500 Jahre alten Bauernhof verbracht, den sein Urgroßvater 1873 kaufte und auf dessen Areal der Großvater kräftig aufforstete. Gästen gibt er gerne Einblick in die Geschichte des Hofes, des dazugehörenden Waldes und der Arbeit darin.

Absolute Ruhe herrscht hier oben im Gewann Herrenholz. »Hier hören wir nur unseren eigenen Krach«, witzelt Ludwig Schwarz, der Herrebur, über das Muhen der Anguskühe, die hier gehalten werden, und über das fröhlich-laute Spiel seiner Enkelkinder. Auch ein Esel meldet sich zu Wort, den haben Sohn und Schwiegertochter angeschafft. Der Kinder wegen, die mit ihren Eltern als Feriengäste in einem imposanten Blockhaus wohnen, das vor einigen Jahren neben dem uralten Haupthaus errichtet wurde.

Wenn Gäste nach der Geschichte des heutzutage 38 Hektar großen, von Wald, Wiese und Weideland umgebenen Anwesens fragen, dann haben sie in dem Altbauern einen ebenso wissenden wie willigen Ansprechpartner: eine Art lebendige Fundgrube in Bezug auf den Hof, der 1784 nach einem Brand wieder aufgebaut worden war.

Auf das tief heruntergezogene und weit hinauf reichende Dach seines Elternhauses zeigt Schwarz beispielsweise. »Das Holz hat kein Sägewerk gesehen«, erzählt er und meint damit die Sparren. Mehr als zehn Meter lang ist ein jeder von ihnen, »so lange Sparren macht man heute nicht mehr.« Jeder von ihnen war einmal ein Baum, der jeweils von Hand viereckig geschlagen wurde, mit einem Breitbeil.
Aus Mauerwerk bestand einstmals nur der Keller. Bei einem Umbau hat man die hölzernen Wände durch Backsteine ersetzt, doch die Trägerpfosten aus Eichenholz, die stehen noch. »Die sind über 200 Jahre alt«, klopft Ludwig Schwarz gegen einen tief zerfurchten Balken, »und davor standen die Bäume 150 oder 200 Jahre lang im Wald.« In dem Balken steckt eine Sichel jener Art, wie man sie 200 Jahre lang hier hinein geschlagen hat, wenn man von der Feldarbeit nach Hause kam.

13 Hektar Ackerland und sechs Hektar Wiese umfasste das Anwesen, als es 1873 in den Besitz des Urgroßvaters von Ludwig Schwarz überging. Auch sogenannter Niederwald gehörte dazu, auf überwiegend steilem Gelände. Zum Teil stellte dieses ursprünglich eine Geröllhalde dar, von der die Gemeinde Steine abtransportierte. Mulden und Gräben entstanden dadurch, die teilweise noch heute zu sehen sind.

Auf dem freigelegten kargen Boden wuchsen dann später allerlei Laubhölzer wie Haselnusssträucher, Birken und Hainbuchen, am Bachlauf Eschen. »Da ist alles durcheinander gewachsen, wie Kraut und Rüben«, erklärt Schwarz, dessen Großvater die Unrentabilität dieses Niederwaldes erkannte und 1890 daher mit dessen Umwandlung in Hochwald begann.

Selbst gezogener Wald

Eine Forstbaumschule legte er eigens dazu auf einem Acker an. Rund 100.000 Tannen- und Fichtensämlinge säte er hier. Waren die Pflanzen drei bis fünf Jahre alt, wurden sie verpflanzt, gehegt und gepflegt. Dazu gehörte, dass sie – per Hand natürlich – regelmäßig von Überwucherungen befreit werden muss­ten, das war Frauenarbeit. Zuvor aber galt es für die Männer, den Niederwald in mühsamer Arbeit abzuholzen. Das so gewonnene Brennholz wurde nicht weniger beschwerlich per Handschlitten zum Abfuhrweg gebracht, bis zu 250 Meter bergab ging es dabei, durch unwegsames Gelände. Bauholz oder sonstig gewinnbringendes Nutzholz aber gab dieser Niederwald nicht her.

Die etwa zweieinhalb Meter langen, schweren Wellenschlitten »hat mein Großvater im Winter in der Stube gemacht«, erinnert sich Ludwig Schwarz. Aus über zehn Zentimeter dickem Buchenholz bestand der untere Schlittenlauf. »Wenn der auf die Hälfte runtergeschliffen war, kam eine neue Sohle drauf«, erklärt der Altbauer. Für die seitlichen, geschwungenen Holme hingegen wurde praktischerweise Birken-Krummholz verwendet: Der natürliche Wuchs am Bachufer sprießender Bäume wies die für die Holme erforderliche Krümmung auf.

Waldarbeit schon als Kind

24 Hektar umfasst der Hochwald auf dem Herrenholz heutzutage, denn auch ob der Steillage unrentables Ackerland wurde aufgefors­tet. »Als kleiner Bub schon habe ich bei der Waldarbeit geholfen«, erzählt Schwarz. Eine Selbstverständlichkeit war das damals – und hauptsächlich Winterarbeit, »ab dem Frühjahr standen andere Arbeiten auf dem Hof an.«

Als Dritt- oder Viertklässer bereits kniete der heutige Altbauer und Sechsfach-Vater mit dem eigenen Vater damals auf dem Waldboden, gemeinsam zogen sie die Zweimannsäge hin und her. Das ging nicht ohne Verletzung ab, denn heutzutage unabdingbare Schutzkleidung und Helm waren damals ebenso ein Fremdwort wie motorisierte Werkzeuge. Zum Fällen eines Baumes schrotete man mit der Axt den Wurzelansatz an, schlug mit der Schrot-Axt den Fallkerb heraus. »Der ist sozusagen das Lenkrad für den Baum, damit der gezielt fällt«, erläutert der Herrebur, was ihm von Kindesbeinen an in Fleisch und Blut übergegangen ist.

Dann wurde der stehende Baum mit der Zweimannsäge von hinten Richtung Fallkerb durchgesägt. Keinesfalls aber durfte er »totgesägt« werden. Will heißen, eine Bruchleiste von etwa 10 Prozent des Stammdurchmessers musste stehen bleiben, damit der Baum auch wirklich möglichst kontrolliert fiel.

Sobald er am Boden lag, wurde er mit dem Beil entastet und entrindet. Zwei oder drei Mann schlugen anschließend jeweils die Spitze eines Krempen mit aller Kraft in den Stamm, um diesen zu bewegen. An den steilen Lagen wurde zudem der Reitelhaken benötigt. »Mit dem hat man den Stamm gebremst, also ganz langsam den Berg runtergelassen.« Bis zu einem Abfuhrweg, wo er mittels Pferdefuhrwerk zum »Ladplatz« geschleift wurde.

Talsturz eines Stammes

Was passieren kann, wenn ein Stamm nicht gereitelt – also nicht gesichert – den Hang hinabgelassen wurde, hat Ludwig Schwarz als junger Mann am eigenen Leib erlebt, als der ältere Bruder mit ihm Stammholz schlug, ganz oben, am Rand des damals noch jungen Waldes. »Der Boden war gefroren und der Stamm kam ins Rutschen – den Hang runter zum Hof und quer über den hinweg und weiter den Hang runter sauste er, bis er ganz unten schließlich liegen blieb, auf einer Wiese.« Zu Schaden kam zum Glück nichts und vor allem niemand.

Was ihm als Kind an der Waldarbeit Spaß gemacht hat und was nicht? Ludwig Schwarz lacht lauthals: »Man ist nie gefragt worden, ob man Spaß gehabt hat an der Arbeit, man ist halt mitgenommen worden.« Bis vor einem Jahr noch »bin ich mit im Wald gewesen, und vor zwei Jahren habe ich noch ganz alleine eine Keschde (Anm. d. Red.: Eßkastanienbäume) aus dem Wald geholt«, ist der in wenigen Wochen Achtzigjährige dankbar über die enorme Arbeitserleichterung, die beispielsweise Motorsägen und hochmoderne Zugmaschinen heutzutage bedeuten.