Liedgut in traditionsreichem Umfeld

Beim monatlichen Volks- und Heimatliedersingen im »Rebstock« fühlen sich die Sängerinnen und Sänger wie in einer großen Familie

»Es ist immer ein richtig, richtig schöner Nachmittag«, sind sich alle Beteiligten einig: An jedem zweiten Mittwoch eines Monats trifft man sich im Zeller Landgasthaus Rebstock zum gemeinsamen Singen von Volks- und Heimatliedern. Im Dezember geht’s dabei natürlich auch weihnachtlich zu.

Bereits eine Stunde vor dem offiziellen Beginn um 15 Uhr treffen die ersten sangeswilligen Gäste im »Rebstock« ein. Kaffeetassen und Kuchengabeln beginnen zu klappern, hier und dort leuchtet blond ein Bierchen im Glas.

Immer eifrigeres Stimmengewirr füllt die bis zu 85 Personen fassende Stube des Landgasthauses, das seit dem 16. Jahrhundert in Familienhand ist und in dem früher eine wichtige Poststation untergebracht war. Doch sobald Helmut Sahr zur Begrüßung die Stimme erhebt, herrscht »Disziplin«, wird es mucksmäuschenstill.

Die ersten fünf Lieder gibt der Hobbymusiker vor. Seit rund sieben Jahren spielt der 67-Jährige aus Oberweier hier an jedem zweiten Mittwoch eines Monats mit seiner Harmonika auf. Inzwischen alleine, früher jedoch mit dem zehn Jahre älteren Peter Gieringer. Aus einem zufälligen Kennenlernen heraus verband die beiden eine tiefe musikalische Kameradschaft.

»Als ich ihn das erste Mal seine steirische Harmonika habe spielen hören, war ich sofort hin und weg«, erinnert sich Sahr. Im Oberweierer Musikverein spielte er einst die erste Trompete, nach einer Herzerkrankung stieg er auf die Harmonika seines Vaters um, »die hab’ ich nach 26 Jahren wieder rausgesucht, ohne Musikmachen geht’s für mich einfach nicht«.

Über Peter Gieringer dann kam er zum Spielen der Volks- und Heimatlieder. Mit einem Aufnahmegerät bewaffnet ließ Helmut Sahr sich diese vorspielen und lernte, »nach einem Vierteljahr dann haben wir zusammen zu spielen begonnen, das war eine herrliche Zeit.«

Das Erbe weitertragen

Nach dem Tod seines Musikfreundes versprach Helmut Sahr dem Rebstock, weiterzumachen: »Das ist hier wie eine große Familie«. Viele der grundsätzlich mindestens 65 Sängerinnen und Sänger begrüßt er mit Handschlag, denn sie kommen seit Jahren. »Und die Angestammten bringen immer wieder neue Leute mit«, freut sich der Musiker.

Um Senioren ab etwa 60 Jahren handelt es sich, gar 92 fidele Lenze zählt Erika – man duzt sich. »Hier sind viele Freundschaften entstanden«, weiß Gisela Junker, deren Bruder Martin Schmieder das Landgasthaus betreibt. Dass das Interesse am Volksliedersingen von Anfang an sehr groß gewesen sei, erzählen die beiden. Aus einem Einzugsgebiet von Offenburg bis Hornberg-Niederwasser reisen die »Rebstock-Sänger« an, »zu 80 Prozent sind es immer dieselben«, die zu der dreistündigen Veranstaltung kommen.

Jeder hat seinen angestammten Sitzplatz, und allesamt haben sie sorgfältig zusammengestellte Mappen vor sich liegen. Mit den Texten von über 200 Liedern, in großer und entsprechend gut leserlicher Schrift, »die hat mir der Peter vermacht«, so Sahr.

Gesungen wird querbeet. Natürlich gehört das Kinderlied »In Muedders Stübele« zum Repertoire – ein eigentlich tief erschütterndes, sozialkritisches Zeugnis seiner Zeit. Oder zu Schlagern mutierte Liebeslieder wie »Tiritomba« und »Wenn der Tag zu Ende geht«. Aber auch das »Sängerlied« darf nicht fehlen, oder Titel wie »Wahre Freundschaft soll nicht wanken.« Um nur einige Beispiele zu nennen. Und selbstverständlich unabdingbar: »Es steht eine Mühle im Schwarz­wälder Tal.«

Die ersten fünf der zu schmetternden Weisen gibt Helmut Sahr vor. In einer folgenden kleinen Pause geht seine Frau zwischen den Tischen umher, um rund 20 Liederwünsche einzusammeln, »dann gibt es ein Wunschkonzert.«

Singen, miteinander reden und mehr

Im Dezember war natürlich auch Weihnachtliches dabei, selbst gebackene Plätzchen vom Rebstock inklusive, und für jeden ein kleiner Nikolaus von Helmut Sahr – als Dankeschön für das vergangene gemeinsame Jahr.

Aber: Neben dem gemeinsamen Singen und dem »miteinander Schwätze« gibt es noch etwas an diesen geselligen Mittwoch-Nachmittagen im Rebstock – nämlich kleine Vorträge in Reim- oder Gedichtform, mal heiter, mal nachdenklich, vornehmlich aus dem Munde von Wendelin Griesbaum und Gisela Schmidt. Der nächste dieser so überaus geselligen Treffs wird am 8. Januar 2020 stattfinden.

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