Walter Knothe war noch ein Kind, als seine Familie aus dem Sudetenland vertrieben wurde. Zum 90. Geburtstag erzählt er von Flucht und Neubeginn, harter Arbeit und von einer Ehe, die ihm bis heute Halt gibt.
Walter Knothe entstammt einer Flüchtlingsfamilie. Sein Leben begann auf den Tag genau heute vor 90 Jahren im Sudetenland, in Bad Einsiedel. Dort wuchs er mit zunächst drei Geschwistern auf, von denen eines noch in der einstigen Heimat verstarb. „Ich hatte eine schöne Kindheit, einwandfrei. Wir konnten im Bach baden und Forellen fangen, also richtig okay“, blickt er gerne auf diese Zeit zurück, „aber dann mussten wir ja raus.“
Mit diesem „raus“ und spürbarer Wehmut beschreibt er ein politisches Geschehen, das dereinst eine ganze Bevölkerungsgruppe betraf. Dazu ein Blick in die Geschichtsschreibung: Als „Sudetendeutsche“ wird eine Volksgruppe bezeichnet, die sich als deutsche Minderheit über Jahrhunderte in Böhmen, Mähren und Sudetenschlesien angesiedelt und eine eigene Kultur entwickelt hatte.
Das Sudetenland
Das Sudetenland war also ein historisches Gebiet in den heutigen tschechischen Grenzregionen, bis 1918 gehörte es zu Österreich-Ungarn. Der Name leitet sich von dem Gebirge ab, das die Region umgibt, aber der Begriff „Sudetenland“ wurde für die deutschsprachigen Gebiete in Böhmen, Mähren und Schlesien verwendet. Nach dem Ersten Weltkrieg wollte sich die Bevölkerung an Deutschland anschließen, wurde aber Teil der Tschechoslowakei.
Adolf Hitler forderte die Abtretung dieser Gebiete, was schließlich im Rahmen des Münchner Abkommens erfolgte: 1938 wurde das Sudetenland an Deutschland angeschlossen, als „Reichsgau Sudetenland“. Nach 1945, nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs also, wurde das Sudetenland wieder Teil der Tschechoslowakei, die deutsche Bevölkerung wurde vertrieben.
So kam es, dass Walter Knothes Familie 1946 nach Bayern floh, ins Frankenland. Von der Zeit dort ist ihm der Schulsport und das Fußballspielen in Erinnerung geblieben, und als Mitglied in der DLRG gab er Schwimmunterricht. „Aber nicht lange, weil die Familie dann nach Kemnat in die Nähe von Stuttgart gezogen ist, dort hat mein älterer Bruder gelernt.“
„Maschinenarbeit“
Ihm selbst organisierten die Eltern in einem Hotel in Ansbach eine Lehrstelle als Kellner, „Gott sei Dank, damals war es ja ganz schwierig, was zu finden.“ Nach Abschluss der Lehre arbeitete Walter Knothe aufgrund von Augenproblemen nur ein Jahr in diesem Beruf.
„Ich habe eine andere Arbeit gesucht und bin in Cannstatt in den Metallberuf gekommen“, erzählt der Senior. Maschinenarbeit habe er gemacht, sei angelernt worden. Mehrere Male habe er nach jeweils einigen Jahren den Arbeitsplatz gewechselt, „mich neu anlernen zu lassen, ist mir immer gelungen.“ Die letzten rund 20 Jahre seines Arbeitslebens verbrachte er bei dem Arbeitgeber seiner Frau – bei Wüstenrot, in der hauseigenen Druckerei, „da habe ich Papier geschnitten und gefalzt und so was.“
Seine Frau Helga, eine geborene Herle aus Zell-Weierbach, lernte er 1962 bei einer Hochzeit kennen – die Braut war ihre Freundin, der Bräutigam sein Freund. 1965 heirateten die beiden selbst, konnten im vergangenen Jahr ihre Diamantene Hochzeit feiern. „Wir haben keine Kinder, es hat einfach nicht geklappt“, bedauern sie. Walter Knothes Geschwister sind zwar längst verstorben, doch es gibt Nichten und Neffen.
Und es gibt die große Verwandtschaft von Helgas Seite aus, die sechs Halbgeschwister hat. Diese wohnen in der hiesigen Gegend, und diese waren es auch, die das Ehepaar im Jahr 2023 dazu bewogen, nach Zell am Harmersbach zu ziehen, ins betreute Wohnen in der Nordracher Straße – „für den Fall, dass mal was ist, damit wir dann nicht ganz alleine sind.“
Erneut ein Zuhause aufgegeben
Diese Entscheidung war für Walter Knothe jedoch keine einfache: „Wir hatten uns 1965 ein Eigenheim in Marbach gekauft, ein Reihenhaus, schön ruhig, genau am Wald, mit einem schönen Garten und viel Sonne.“ Noch immer merkt man es ihm an: Das herzugeben, für dessen Abzahlung das Ehepaar über Jahrzehnte fleißig gearbeitet und gespart hatte und wo er sich zutiefst heimisch gefühlt hatte, war ihm äußerst schwer gefallen. Umso mehr, als mit der dortigen Nachbarschaft ein inniges Verhältnis bestand.
Doch den Kontakt hielten die Knothes aufrecht, „telefonisch sind wir immer in Verbindung, und neulich erst haben wir sie wieder besucht.“ Walter Knothe fährt gern Auto und ist dankbar, dass er das noch kann, „wenn ich merken würde, dass es nicht mehr so klappt, würde ich sofort aufhören.“ Auch sonst ist er, der sich mit seiner Frau früher regelmäßig im Sportstudio und mit Schwimmen fitgehalten hatte, mit seiner Gesundheit sehr zufrieden.
Seine jetzigen Beschäftigungen? „Kreuzworträtseln und Fernsehen“, schmunzelt er mit seinem üblichen, leisen Schalk im Nacken. „Er ist ein bisschen ein ruhiger Typ“, ergänzt seine Frau und lacht, „aber ich schleif ihn immer wieder mit.“
Am heutigen Freitag, seinem Geburtstag, wird Bürgermeister Günter Pfundstein dem Jubilar einen Besuch abstatten. Auch die Schwarzwälder Post gratuliert sehr herzlich.





