Wollt Ihr wissen, wo die Grenze lag?

Prädikant Gottfried Zurbrügg berichtet von seinen Erfahrungen und Erlebnissen in Sachsen-Anhalt

Für einige Wochen übernimmt Prädikant Gottfried Zurbrügg gerade wieder die Ver­tretung in Jerichow. Er berichtet für unsere Leser von seinen Erfahrungen und Erlebnissen in Sachsen-Anhalt:

Nach der Morgenandacht erzählten wir, dass wir nach Oebisfelde fahren werden. Dort habe ich meinen letzten Einsatz für dieses Jahr geplant.

Ich hatte mir nichts dabei gedacht, als ich den Ort erwähnte, aber plötzlich war die Erinnerung wieder da. Man erzählte von Fahrten auf der Havel, von Faltboottouren über die Flüsse, vom Westwind, der über die Landschaft strich und auf den Seen hohe Wellen warf.

Der Blick ging oft nach Westen, aber dann war immer auch das Erlebnis der »Grenze«. Dort war die Welt zu Ende. Weiter konnte man nicht. Für die Sonne gab es kein Hindernis. Sie zog Abend für Abend über den Himmel nach Westen. Auch der Wind blies nach Westen. Aber die Menschen hier dachten oft daran, dass dort die Grenze lag, die Absperrungen, die Sicherungsanlagen in den Flüssen und Seen, der Todesstreifen.

Nein, wir wollten es eigentlich nicht so wissen, aber wir sind gespannt, was wir erleben, denn diesmal kommen wir von Osten an die Grenze.

Leider ist die Straße B 188 bei Gardelegen gesperrt. Die Bundesstraßen sind hier auf den Strecken von Ost nach West fast autobahnmäßig ausgebaut. Wir müssen also über Land fahren. Die Landschaft hat sich geändert. Hügel mit Buchenwäldern wechseln sich mit wunderschönen Brachflächen mit Mohn und Kornblumen ab. In den Wipfeln der Buchen und Alleebäume singt der Pirol.

Es ist gut, einen Umweg über Klotze fahren zu müssen. Sachsen-Anhalt ist immer noch ein Durchgangsland. Früher war die Autobahn Helmstedt – Berlin die Transitstrecke. Man durfte auf keinen Fall anhalten. Es gingt mit Tempo durch das Land. Und das ist leider immer noch so. »Ich fahre durch Sachsen auf sechs Achsen ohne „Anhalt“«, heißt ein Schlagertext. Dabei lohnt es sich wirklich anzuhalten. Sachsen-Anhalt – einmal ganz anders verstanden.

Dann meldet ein Schild am Straßenrand: Hier war bis zum 3.10.1989 Europa geteilt. Keine Spur mehr von Todesstreifen, Grenzanlagen, Zäunen? Die Wälder und Wiesen gehen weiter und die Rehe wechseln von Ost nach West ohne Probleme. Hier war die Grenze, die Deutschland und sogar Europa teilte?

Dann kommen wir nach Oebisfelde. Dort werde ich im Oktober einen Dienst übernehmen und wir wollen uns schon einmal bekannt machen.

Wir treffen uns an der Katharinenkirche, die ich dann für 14 Tage als Pfarrer betreue.

»Hier war früher Sperr­gebiet?«, frage ich dann doch den Pfarrer. Er lacht und sagt: »Hier durften nur besonders treue DDR-Bürger wohnen. Das war gar nicht so einfach.«

»Und heute? Merkt man die Grenze noch?«

»Wir sind alle nach Wolfsburg orientiert«, erklärt er mir. Die meisten Leute haben Arbeit bei VW. Wir gehören nach Haldensleben, aber eigentlich sind wir fast Wolfsburger. Die einzige Grenze, die ich noch spüre ist die kirchliche Grenze. Hier endet die Mitteldeutsche Kirche und drüben ist die Nordkirche. Die Zusammenarbeit ist relativ gut, aber es sind unterschiedliche Landeskirchen.«

Natürlich kenne ich das. Aber trotzdem ist es eigenartig, dass gerade im kirchlichen Bereich die alten Herrschaftsgrenzen so immer noch spürbar sind. Martin Luther wählte die Landesherren als Hüter der Kirchen. Dadurch sind die alten Herrschaftsbezirke und Fürstentümer noch erstaunlich deutlich spürbar, wenn man im kirchlichen Dienst unterwegs ist.

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