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Zell am Harmersbach | 17.04.2020

Barmherzigkeit ist jene Liebe, die sich niemand verdienen kann

Pfarrer Gerner über Glauben, Bekenntnis und offene Herzen

Foto:
Die Stadtkirche bleibt, wie alle Gotteshäuser, bis auf Weiteres geschlossen. Foto: Archivfoto: Susanne Vollrath
von Schwarzwälder Post

Den Sonntag nach Ostern, den Weißen Sonntag, feiern Gläubige als Sonntag der Göttlichen Barmherzigkeit in diesem Jahr immer noch ohne gemeinsamen Gottesdienst. Pfarrer Gerner schreibt:

Liebe Gemeinde, der Hl. Papst Johannes Paul II. hat im Jahr 2000 dem zweiten Sonntag nach Ostern, dem Weißen Sonntag, einen weiteren Beinamen gegeben: Sonntag der Göttlichen Barmherzigkeit. Es war ihm ein persönliches Anliegen aus eigener Gebetserfahrung.
Mit dem traditionellen Wort »Barmherzigkeit« tun sich heute viele schwer. Man denkt zu rasch an Almosen und milde Gaben, die schlimmstenfalls auch noch herablassend gewährt werden. Aber das ist nicht die Barmherzigkeit, um die es Jesus im Evangelium geht. Unter Barmherzigkeit versteht die Heilige Schrift und mit ihr Papst Franziskus etwas anderes, etwas für unser Leben ganz Fundamentales: Barmherzigkeit ist jene Liebe, die sich niemand verdienen kann, die aber jeder und jede von uns braucht. Eine Liebe, die nicht berechnet und nicht auf Gegenleistung aus ist. Eine Liebe, die aus der Mitte eines großzügigen Herzens kommt. Eine Liebe, die dem erwiesen wird, der nichts zurückgeben kann. Eine Liebe, die die Gerechtigkeit überbietet und auch dem, der sich verfehlt hat, ja vielleicht sogar oftmals schwer verfehlt hat, nicht entzogen wird, sondern ihm eine Tür der Hoffnung öffnet. Das meint Barmherzigkeit.

Im Sonntagsevangelium lesen wir, wie Jesus eine Woche nach Ostern den versammelten Jüngern erneut erscheint. Mit dabei ist auch der Apostel Thomas, der am Ostersonntag durch Abwesenheit geglänzt hat. Nun schlägt seine große Stunde. Jesus ermutigt ihn, sich von seiner Auferstehung zu überzeugen und lädt ihn ein: »Streck deinen Finger aus – hier sind meine Hände! Streck deine Hand aus und leg sie in meine Seite, und sei nicht ungläubig, sondern gläubig!« Wenn wir vor dem Bild des Barmherzigen Jesus stehen, dann finden wir uns in der Perspektive des ungläubigen Thomas. Auch uns zeigt Jesus auf dem Bild die geöffnete Seite und seine durchbohrten Hände und Füße. Vielleicht wird uns im Blick auf Jesus sogar bewusst, dass wir nicht nur mit den Augen des Thomas sehen, sondern dass wir selber Thomas sind! Auch uns fällt es manchmal schwer zu glauben. Doch im Gegensatz zu Thomas bleibt es uns versagt, unsere Hände nach den verklärten Wundmalen des Herrn auszustrecken. Wir müssen uns mit dem Glaubenszeugnis anderer begnügen – von den ersten Aposteln über die Heiligen bis hin zu jenen Menschen, die uns den Weg zum Glauben geebnet haben.

Jesus weiß um die Herausforderung des Glaubens, wenn er zu Thomas sagt: »Weil du mich gesehen hast, glaubst du. Selig sind, die nicht sehen und doch glauben.«

Aber besteht tatsächlich ein so großer Unterschied zwischen uns und dem Apostel Thomas? Verwechseln wir nicht allzu oft Glauben mit Verstehen? Im Evangelium steht nicht, dass Thomas verstanden hätte. Sein Ausruf »Mein Herr und mein Gott!« ist keine wissenschaftliche Aussage, sondern ein Bekenntnis. Auch von uns ist nicht Verstehen, sondern Glauben gefordert.

Der aus dem Erzbistum Freiburg stammende Ordens­priester und Lyriker Andreas Knapp drückt dies in folgenden Worten so aus:

nicht durchblicken

sondern anblicken

nicht im griff haben

vielmehr ergriffen sein

nicht bloss verstehen

auch zu dir stehen

nicht durchschauen

einfach nur anschauen

so werden wir wirklich

wir

Wagen wir also diesen ersten Schritt und wir werden uns als Beschenkte erfahren, wenn wir erkennen dürfen, dass Gott ein offenes Herz für uns hat, das reich ist an Erbarmen. Jesus wird unser Vertrauen nicht enttäuschen.

Ihr Pfr. Bonaventura Gerner

2. Sonntag der Osterzeit (Weißer Sonntag – Sonntag der Göttlichen Barmherzigkeit)

Evangelium Joh 20,19 – 31

Am Abend dieses ersten Tages der Woche, als die Jünger aus Furcht vor den Juden bei verschlossenen Türen beisammen waren, kam Jesus, trat in ihre Mitte und sagte zu ihnen: Friede sei mit euch!

Nach diesen Worten zeigte er ihnen seine Hände und seine Seite.

Da freuten sich die Jünger, als sie den Herrn sahen.

Jesus sagte noch einmal zu ihnen: Friede sei mit euch! Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch.

Nachdem er das gesagt hatte, hauchte er sie an und sagte zu ihnen: Empfangt den Heiligen Geist!

Denen ihr die Sünden erlasst, denen sind sie erlassen; denen ihr sie behaltet, sind sie behalten.

Thomas, der Dídymus genannt wurde, einer der Zwölf, war nicht bei ihnen, als Jesus kam.

Die anderen Jünger sagten zu ihm: Wir haben den Herrn gesehen.

Er entgegnete ihnen: Wenn ich nicht das Mal der Nägel an seinen Händen sehe und wenn ich meinen Finger nicht in das Mal der Nägel und meine Hand nicht in seine Seite lege, glaube ich nicht.

Acht Tage darauf waren seine Jünger wieder drinnen versammelt und Thomas war dabei.

Da kam Jesus bei verschlossenen Türen, trat in ihre Mitte und sagte: Friede sei mit euch!

Dann sagte er zu Thomas: Streck deinen Finger hierher aus und sieh meine Hände! Streck deine Hand aus und leg sie in meine Seite und sei nicht ungläubig, sondern gläubig!

Thomas antwortete und sagte zu ihm: Mein Herr und mein Gott!

Jesus sagte zu ihm: Weil du mich gesehen hast, glaubst du. Selig sind, die nicht sehen und doch glauben.

Noch viele andere Zeichen hat Jesus vor den Augen seiner Jünger getan, die in diesem Buch nicht aufgeschrieben sind. Diese aber sind aufgeschrieben, damit ihr glaubt, dass Jesus der Christus ist, der Sohn Gottes, und damit ihr durch den Glauben Leben habt in seinem Namen.

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