Im Land der tausend Windmühlen

Gottfried Zurbrügg ist pensionierter Lehrer, Buchautor – und Prädikant. Bei seinen Einsätzen in anderen Kirchengemeinden lernt Gottfried Zurbrügg viele Menschen und besondere Orte kennen. Seine Erlebnisse in Jerichow teilt er gerne mit den Lesern der »Schwarzwälder Post«. Er schreibt …

Gestern bin ich in Jerichow angekommen. Für drei Wochen werde ich an der Elbe 16 Dörfer betreuen, Gottesdienste halten, Andachten und Begleitungen im Kloster, Besuche und so weiter. Ich bin gern wieder in dem flachen Land, wo ich schon so oft Dienst getan habe. Es ist Juni und auf den Feldern beginnt das Getreide zu reifen. Überall blühen Kornblumen! Das habe ich nicht erwartet, aber die Feldraine sind herrlich blau. Man bestätigte mir, dass man hier mit den Unkräutern im Getreide nicht so vorsichtig sein muss, weil viel in die Biogasanlagen gehen wird. Man kann auf Maisfelder eher verzichten, wenn auch anderes Material in die Biogasanlagen gehen kann. Für die Biodiversität, die Wildbienen und Schmetterlinge ist das sehr schön und ich freue mich, dass Unkräuter auch zugelassen sind. Trotzdem zögere ich, denn Getreide in die Biogasanlage? Für mich war Korn immer Brot. Ich verstehe den Energiehunger unserer Zeit. Maschinen mögen nun einmal kein Brot, sondern Strom. Es wird viel Strom gebraucht. In dem weiten Land weht fast ständig Wind und überall stehen Windmühlen. Weitere Flächen sind mit Sonnenkollektoren bedeckt. Auch hier finden Pflanzen aller Art einen Platz zum Leben. Die weitere Energiequelle sind die Biogasreaktoren. Regenerative Energien bestreiten fast den gesamten Strombedarf von Sachsen-Anhalt. Das ist ohne Frage gut, aber unsere moderne Art zu leben verändert nicht nur die Landschaft. Es verändert auch uns. Was ist heute wichtig? Das Leben der Menschen oder die Funktion der Maschinen. Es macht mich sehr nachdenklich, wie Maschinen und Menschen um die landwirtschaftlichen Flächen konkurrieren. Was wird bald wichtiger sein – Brot oder Strom, Computer oder gesunde Nahrung? Viele haben hier noch Gärten, in denen eigenes Gemüse wächst, das auch auf den Märkten angeboten wird. Die Städte werden von Großunternehmen versorgt und nahe der großen Städte stehen die Betriebe, in den unter Folie Gemüse gezogen wird – alles computergesteuert – oder in denen Vieh in Großställen gezogen wird. Noch sieht man Kühe auf der Weide.

Die Bibel träumt von einem Land, wo Milch und Honig fließt. Ich kenne es aus dem Schwarzwald vor 40 Jahren. Damals tropfte der Tannenhonig von den gesunden Tannen, auf den Feldern standen Kühe und Milch gab es für jeden Wanderer, in den Dörfern läuteten die Glocken und viele Menschen kamen zu den Gottesdiensten.

So war es vor Jahren auch hier. Am Sonntag waren in den Dorfkirchen bei den Gottesdiensten nur drei oder vier Personen anwesend. Trotzdem war es den Bewohnern wichtig, dass die Glocken läuteten und Gottesdienst gefeiert wurde. Sie geben viele Spenden für die Erhaltung der alten Dorfkirchen.

Wir sind dabei viel zu verlieren. Eine neue Zeit ist angebrochen. Was wird geschehen? Die Bibel wählt die Linde als Symbol für Untergang und Neuanfang. Nur die Eiche und die Linde haben die Kraft aus einem Baumstumpf oder auch den Resten einer Wurzel einen neuen Baum entstehen zu lassen.

Jede Linde oder jede Eiche am Straßenrand macht mir Mut.

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