Fünf Monate Südamerika in zwei Stunden

Schliengener Autor und Kulturbuchverleger erzählte in Worten und prächtigen Bildern

Zweieinhalb Jahre ist es her, dass Peter Martens mit seiner Frau jene Rucksackreise quer durch Südamerika absolvierte, von der sein Lichtbildvortrag am vergangenen Freitag im Kultur- und Vereinszentrum handelte: »Fünf Monate waren wir unterwegs, und wir schwärmen noch heute.«

Südamerikanische Musik ertönt, bevor Peter Martens die rund 50 Zuhörer begrüßt. Einige von ihnen haben den Kontinent bereits besucht. Und einige von ihnen haben dies – teils zum wiederholten Male – vor.

Unter das Motto »Living like a local« hatte das Ehepaar Martens seine Reise mit Minimal-Gepäck gestellt. Von Paris aus ging es über das mexikanische Cancún für zwei Wochen nach Kuba. Über Perús Hauptstadt Lima nach Buenos Aires in Argentinien. Und dann rasch nach Kap Horn, um hier, am Ende der Welt, bei tagsüber höchstens 15 Grad noch den Hochsommer zu erwischen. Und weiter nach Chile, Bolivien, Ecuador, und zwischendurch wieder Argentinien und Perú: mal Stadt, mal Land, mal Wasser, grandiose Natureindrücke inklusive, bis hin zu Höhen von über 4.000 Metern.

Trotz aller Vorbereitung: Von Deutschland aus gebucht hatte das Paar nur wenig. »Wir sind die größten Improvisationskönige« lässt der Vortragende die Grundlage für das Reise-Unterfangen erahnen: Einen gewissen Abenteuertrieb.

»Wir wollten mit und bei Einheimischen wohnen und möglichst nicht die üblichen Touristendinge mitnehmen«, erklärt er das Ziel, möglichst intensiv zu erfahren, wie die Menschen in den jeweils besuchten Orten und Regionen leben, »mit ihnen auch intensiv privat zu reden.« Von Kuba bis Kap Horn.

Und so beginnt der Vortrag mit einer bunten Zusammenstellung von Porträts – unter der Überschrift »Begegnungen«. Wie aber kam Peter Martens in Kontakt zu diesen Menschen? Und wie hat er es angestellt, dass sie sich ihm so zugewandt fotografieren ließen? Immerhin »drehen sich die Leute in Südamerika normalerweise schnell von der Kamera weg«, erzählt er, »es bedarf also schon eines gewissen Vertrauens.«

Söhne als Türöffner

Nun: Es war ein »Abschiedsgeschenk« seiner beiden Söhne (20 und 23 Jahre alt), das Türen öffnete. Martens holt es bei seinem Vortrag hervor, blättert demonstrativ darin: Ein Büchlein mit Fotos seiner beiden Sprösslinge. Trotz der Beschränkung auf zehn Kilo pro Rucksack hatte er es damals mitgenommen. Um erstaunt festzustellen, wie schnell »die Leute bereit sind, etwas mehr von sich zu erzählen, wenn man die Fotos der eigenen Kinder zeigt.«

Und noch ein weiteres Büchlein trug er mit sich. Eines, in dem sich zu verewigen er einen jeden seiner privaten Gastgeber bat. Noch heute pflegt er den Kontakt zu ihnen. Die Liebes- oder Lebensgeschichte des einen oder anderen erzählt er nun. Erzählt, beispielsweise, von Paulina. Von jener Frau mit kleinem Kind, dessen Vater sich wie so viele andere in Chile und überhaupt Südamerika aus der Verantwortung gestohlen hat. Und die, von einem sicheren Beobachtungspunkt aus, den Ausbruch eines Vulkans beobachtet hatte: den des chilenischen Calbuco im April 2015.

Auch von Eduardo aus dem kalten Feuerland, der sich in eine hitzegewohnte Dominikanerin verliebt hat, erzählt Peter Martens. Ebenso wie von einem nicht näher bestimmbar verliebten Japaner, der unter Sternen sein Zelt auf einem See aus Salz aufgeschlagen hat – in der Atacama, der trockensten Wüste der Welt.

Und dann, beispielsweise, ist da noch jener damals 27-jährige Franzose: Ein begnadeter Fotograf, der sich vor Ort in eine Bolivianerin verliebt hat. Und in ihre ländlichen Landsleute.

Schöpfung, Zerstörung

Ebenso wichtig jedoch sind Peter Martens übergeordnete Zusammenhänge kultureller, politischer und wirtschaftlicher Art, in die er dank entsprechender Recherche sein eigenes ausschnitthaftes Erleben zu stellen versucht. Auch um Umweltkatastrophen wie die im peruanischen Dschungel geht es dabei.

Die Reise in eben diesen Dschungel ist dem 62-Jährigen persönlich der schönste Teil seiner Südamerikareise: Unter den Fittichen des Non-Profit Ökologen Pepe erlebte er fast unberührten Amazonas-Urwald, »die reine Schöpfung der Natur«.

Jedoch erlebte er auch, wie grausig eben dieser Eindruck täuschen kann. Denn in nur wenigen Kilometern Entfernung eröffnete sich eine völlig andere Welt, von Goldgräbern erschaffen. Alles abgeholzt, alles kaputt, vierzigtausend Hektar inzwischen. Weil drei Gramm Quecksilber benötigt werden, um ein Gramm Gold zu binden. Hochgiftiges Quecksilber, das vor Ort bleibt und unumkehrbar für Verwüstung sorgt.

Ebenso berichtet der Globetrotter von der hoch problematischen Lachszucht in Chile. Berichtet von einem riesigen, umgekippten See. Denn die für den Teller gedachten Flossentiere werden nicht nur mit allen möglichen Unappetitlichkeiten behandelt, sondern entlassen in besagten See so viele Fäkalien wie eine 11.000-Einwohner-Stadt.

Kurzum, die von Peter Martens behandelten Themen sind vielfältigst, vom live erlebten Erdbeben in Ecuador bis hin zu einem Treffen mit dem in Lima ansässigen Starkoch und Gastronomierevolutionär Gastón Acurio.

»So tickt Südamerika«

Unter diesem Titel hat Peter Martens ein Buch über seine Südamerikareise geschrieben und im Kulturverlag ART + WEISE herausgebracht – als Reisebuch, Reiseführer und Reportagebuch in einem. Unter der ISBN-Nummer 978-3-946225-01-0 ist es für 27 Euro erhältlich.