»Man wächst über sich hinaus«

Hobby-Läuferin Katja Bosnjak bereitet sich für ihren siebten und achten Marathon vor – und hat den Triathlon im Visier

»Ich wollte einfach mal austesten, ob ich das schaffen könnte, 42 Kilometer am Stück zu laufen«, beschreibt Katja Bosnjak ihre ursprüngliche Motivation, an einem City-Marathon teilzunehmen. Zur neuen Herausforderung hat sie sich nun den Mehrkampf erkoren, den Triathlon.

Als Jugendliche bereits hatte die inzwischen 44-Jährige mit dem Joggen angefangen, als Ausgleich zu ihrer Ausbildung als Augenoptikerin. »Damals habe ich gemerkt: Dieses Ausdauertraining macht mir Spaß«, so die heutige Physiotherapeutin, die im letzten Februar zudem eine Weiterbildung zur ganzheitlichen Ernährungsberaterin abgeschlossen hat.

»Ich muss mich auspowern – nur wenn ich mich körperlich richtig anstrenge, wird der Kopf wirklich frei«, so die Sportbegeisterte. Maximal eine halbe bis dreiviertel Stunde pflegte sie früher zu joggen, legte dabei zwischen acht und 10 Kilometer zurück.

Wie und wann genau sie auf die Idee einer Marathonteilnahme kam, vermag sie gar nicht mehr zu sagen. Doch als die Idee geboren war, legte die heutzutage zweifache Mutter ihr erstes Baby in einen Laufbuggy und begann mit dem Vorbereitungstraining. Konsequent.

Dabei hielt sie sich an ein Buch mit Trainingsplänen. Zum einen galt es, die langen Distanzen zu trainieren. Sich in den letzten drei Monaten vor dem großen Ereignis in Läufen ab 20 Kilometern langsam an die 30, dann an die 35 Kilometer heranzutasten. Denn Muskulatur, Sehnen und Bänder müssen sich der Belastung anpassen. Um diese wiederum nicht auszureizen, rät die einschlägige Literatur davon ab, den Körper im Training der gesamten Marathon-Distanz von 42 Kilometern auszusetzen. Ganz genau genommen sind es 42,195 Kilometer.

Zum anderen: »Vorher bin ich meistens im Wald gelaufen, aber die City-Marathons finden auf Asphalt statt, das muss man vorher trainiert haben, sonst kommt das große Erwachen«, erzählt die ge­bürtige Oberharmersbacherin und erinnert sich an den bösen Muskelkater, der sich bei ihrem ersten Trainingslauf auf Asphalt einstellte – nach nur einer Stunde.

Kein Marathon gleicht dem anderen

Zu Anfang ihrer Vorbereitung hatte sie schlicht das Ziel, den Marathon durchzustehen. »Im Laufe des Trainings aber merkt man: Da geht doch was.« So entstand der Ehrgeiz, es in vier Stunden zu schaffen, »das ist die magische Grenze für Hobbyläufer.« Doch auch diese Erwartung an sich selbst schraubte sie schließlich noch höher: In weniger als vier Stunden wollte die Newcomerin ihren ersten Marathon packen.

Was ihr mit 3,42 Stunden tatsächlich gelang, »dieser erste Marathon war wirklich super gelaufen« – im Ziel weinte sie, ergriffen vom Sieg über sich selbst. Im Jahr 2005 war das.

Inzwischen hat die Sportlerin sechs Marathonläufe absolviert – in einem Abstand von meist zwei Jahren, wegen des zeitlichen Vorbereitungsaufwandes, der zusätzlich zu Familie und Beruf gestemmt sein wollte. Auch in New York war sie schon dabei, als eine von fast 50.000 Teilnehmern. Und nur zu gut kennt sie die verschiedenen Phasen eines Mammutrennens, das angesichts variierender körperlicher und mentaler Tagesverfassung in seinem Ablauf nie vorhersagbar ist.

»Am Anfang fühlt man sich natürlich noch gut, man nimmt viel von der Umwelt wahr, achtet auch auf die Sehenswürdigkeiten und man ist euphorisch, voller Adrenalin.« Da heißt es aufpassen, dass man nicht zu schnell losläuft. Umso mehr, als gerade bei den großen City-Marathons viele Zuschauer an der Strecke stehen, die einen aufputschen. »Wenn man sich davon anstecken lässt und sein Pulver gleich verschießt, muss man das später büßen und echt kämpfen.«

Ab der Hälfte »wird’s anstrengend«

Doch auch bei noch so kluger Herangehensweise kommt Katja Bosnjak ums Kämpfen nicht herum. Ungefähr ab der Hälfte der Strecke, allerspätestens aber ab Kilometer 28 bis 30 werden die Beine schwer, ermüdet die Muskulatur, »da wird’s einfach anstrengend.« Von da an blende sich das Drumherum aus, erzählt die Langstreckenläuferin, stattdessen sei sie mit »tausend Gedanken« beschäftigt – bis hin zu der Frage »warum machst du das, warum tust du dir das an?«

Im Ziel allerdings steht die Antwort fest. »Das Gefühl, es geschafft zu haben, ist unbeschreiblich«, sagt Katja Bosnjak, die nur mit gnadenlos-eiserner Disziplin ihren zweiten Lauf durchstand. Bei dem war trotz guter Vorbereitung alles schiefgegangen: Neue, nicht eingelaufene Strümpfe hatte sie getragen, »ein Anfängerfehler eigentlich.«

Prompt begann es ab Kilometer 20 an den Zehen zu reiben, monströse Blasen wuchsen – nachträglich von den gemarterten Füßen gemachte Fotos lassen den Betrachter bis ins Mark erschauern. Aufgrund der Schmerzen konnte die Läuferin nicht mehr richtig über die Zehen abrollen, Schmerzen in den Oberschenkeln waren die Folge. Dass sie nicht mehr könne, dachte sie. Und doch schaffte sie es auch hier unter vier Stunden. »Generell kommt man im Leben ja oftmals an Grenzen, wo man denkt, das schafft man einfach nicht – aber es geht dann doch und man wächst über sich hinaus«, sagt Katja Bosnjak dazu. Sagt es mit ruhiger Selbstverständlichkeit.

Der »Flow« als Glücksfall

Anstrengend beim Marathon ist selbst das Kauen. Verpflegung unterwegs jedoch muss sein, um in keinem »Hungerast« zu landen, in der Unterzuckerung also, »dann lässt die Kraft ganz schnell nach und man kann auch vom Kopf her nichts mehr steuern«. Auch, wenn dies zusätzlich Gewicht zu tragen bedeutet: Um von den Verpflegungsstationen unabhängig zu sein und genau dann reagieren zu können, wenn ihr Körper es braucht, trägt die Sportlerin grundsätzlich einen Trinkgürtel mit sich – und für den Energieschub ein Powergel, das nicht gekaut werden muss.

Aber auch die guten Phasen gibt es beim Langstreckenlaufen – in Gestalt des sogenannten »Flow«. Dann wird der Körper von Glückshormonen durchströmt, man ist eins mit sich und der Bewegung, und »drei Stunden sind beim Marathon im Nullkommanix vorbei.«

Planbar, geschweige denn bewusst herbeiführbar ist dieser Zustand jedoch nicht. Ganz abgesehen davon, dass es auch in einem Flow beileibe nicht so ist, dass man die Anstrengung nicht spüren würde.

»Auf langen Strecken kann ich mich relativ gut quälen«, lächelt die Extremsportlerin. Mit Tempo allerdings hadert sie. »Das ist für mich furchtbar, wenn ich Sprinteinheiten einlegen muss oder Intervalltraining mit schnellen Läufen machen muss«, gesteht sie.

Nun auch Schwimmen und Radfahren

Mittlerweile hat sie eine neue Herausforderung vor Augen. Eine, die Triathlon heißt und in ihrer härtesten Variante als »Iron Man« bekannt ist – mit 3,8 Kilometern Schwimmen, anschließend 180 Kilometern Radfahren, zum Abschluss ein Marathon. Dies alles ohne Pause, und auch während der Wechsel zwischen den einzelnen Disziplinen läuft die Uhr.

Wegen des enormen Zeitaufwands zur Vorbereitung kommt diese Monster-Challenge für Katja Bosnjak zwar nicht in Frage. »Aber die Halbdistanz wäre für mich irgendwann denkbar.« Noch ist ihr das Ganze »unvorstellbar – aber ich denke, ich würde das schaffen.«

Zunächst mit der stark verkürzten Sprintdistanz plant sie im nächsten Jahr anzufangen: 500 Meter Schwimmen, 20 Kilometer Radfahren, fünf Kilometer Laufen – »das ist gut machbar.« Dafür zieht sie bereits ihre Bahnen im Schwimmbad und tritt auf der Straße in die Pedale. Als »Alternativtraining« zum Laufen wohlgemerkt. Denn jetzt im September steht ein Marathon in Berlin an, im Frühsommer 2019 ein weiterer in London.

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