Virtuos, vielseitig und auf hohem Niveau

Miliz- und Trachtenkapelle Oberharmersbach überzeugt mit einem fulminanten Jahreskonzert.

Am Ende des Konzerts der Miliz- und Trachtenkapelle Oberharmersbach in der bis auf den letzten Platz besetzten Reichstalhalle hatte man den Eindruck, als entlade sich die Spannung, die die Musiker und Musikerinnen den Abend über aufgebaut hatten, in einem Begeisterungssturm. Es gab minutenlangen Applaus, der auch nach der ersten Zugabe nicht enden wollte.

Das Konzert unter der Leitung von Dirigent Rüdiger Müller spiegelte auch in besonderem Maße wider, auf welch hohem musikalischen Niveau man das Orchester derzeit erleben kann. Dazu gehören mehrere Faktoren, wie der Abend am Stephanstag zeigte.

Melodienreicher Auftakt

Die Ouvertüre der Operette „Die Fledermaus“ von Johann Strauß (Sohn) ist seit der Uraufführung vor gut 150 Jahren ein Klassiker und zugleich eine Hommage an den Komponisten, der schon zu Lebzeiten verehrt wurde wie heutzutage ein Popstar. Die Miliz- und Trachtenkapelle widmete sich der raffinierten Rhythmik und Harmonik mit Hingabe und kostete den Melodienreichtum aus, servierte das Werk mit Verve gleichsam auf dem orchestralen Silbertablett.

Klar, schlackenlos und voller Kontraste und komplexer Rhythmen bot sich „Epiphany“ von Henk Badings dar. Die Komposition des Niederländers beruht auf dem Tessiner Volkslied ,,I Tre Re“, das von der Erscheinung der Drei Könige in Bethlehem handelt.

Informative Moderation

Moderatorin Alisa Dieterle informierte anschaulich über die einzelnen Werke und ihre Besonderheiten, die sich den Zuhörern nicht sofort erschließen. So ist die „Epiphany“ (Erscheinung) bei Badings ein Klangprozess, der sich kompositorisch in neun Variationen aus teils fragmentarischen Motiven zu einer musikalischen Gestalt formt.

Für die über 70 Musiker und Musikerinnen eine Herausforderung. Dezent fließender Holzbläserklang, aufleuchtende Flötentöne zu Beginn erzeugten mit dem kraftvoll aufspielenden Blechregister eine intensive Klangdichte, die sich abrupt in einem dissonanten Akkord auflöste. Pauken und Percussion forcierten das Tempo aufs Neue. Man erlebte ein punktgenaues und konzentriertes Zusammenspiel ohne intonatorische Verwischungen oder Schwankungen.

Rüdiger Müller dirigierte intensiv, präzise und den Instrumentalisten zugewandt. Ein Orchesterleiter, der Kompetenz und Können augenscheinlich mit Kollegialität und Freundlichkeit zu verbinden weiß.

Breit gefächerte Klanglandschaften

Und so bestach auch das nachfolgende „Watchman, tell us of the Night“ von Mark Camphouse mit breit gefächerten Klanglandschaften, die an die Musik großer Filmepen erinnern und zwischen grazilen Harmonien und krassen Dissonanzen wechseln. Nuanciertes Schlagwerkspiel – mal betont leise mit Triangel- und Röhrenglockenklang, mal lautstark vorwärtstreibend mit Pauken- und Trommelwirbel – bestimmten den musikalischen Puls. Wo der Musizierrausch den Zusammenhalt der verschiedenen Register zu beeinträchtigen drohte, justierte der Dirigent souverän nach.

Camphouse hat mit „Watchman … „ein herausforderndes Werk geschaffen, denn es thematisiert das Leid missbrauchter Kinder, vermittelt darüber hinaus Hoffnung und Hilfe nach traumatischen Erfahrungen. Der anhaltende Beifall des Publikums in der Reichstalhalle sprach für sich. Die Botschaft kam an.

Dunkle Töne und dramatische Effekte

Bei Bert Appermonts „Jericho“ kann man die Handlung „hören“: Inspiriert vom Alten Testament, wo der Prophet Josua von der Befreiung der Stadt Jericho durch die Israeliten erzählt, schuf der belgische Komponist ein von dunklen Tönen und dramatischen Effekten geprägtes Klanggemälde, sozusagen Programmmusik in Reinkultur.

Nach ruhigem Auftakt verweisen dynamische rhythmische Betonungen und Verschiebungen auf den Marsch des Volkes Israel in das gelobte Land. Posaunen und das gesamte Blechregister – symbolisch für die Hörner der Hohepriester – bauen Spannung auf. Schnelle Läufe und kraftvolle Akkorde sowie furioses Schlagwerk zeichnen den Fall der Mauern Jerichos nach. Feierlicher und wohltemperierter Orchesterklang untermalt den Triumph der Sieger. Der Miliz- und Trachtenkapelle gelang eine plastische Interpretation, die besonders die Klangfarbenwechsel reizvoll umsetzte und mit reichem Beifall belohnt wurde.

Spannung und epische Atmosphäre

Musik kann wirkmächtige Bilder erzeugen, die nachhaltig im Gedächtnis bleiben. „The Sword and the Crown“ von Edward Gregson ist so ein Werk. Es nimmt seine Zuhörer mit in die Zeit der englischen Rosenkriege und beschreibt mit musikalischen Mitteln den Thronstreit zwischen König Richard III. und seinem Herausforderer Henry Tudor.

Zugleich ist es ein weiteres Beispiel programmatischer sinfonischer Musik für Blasorchester – gespickt mit Elementen der englischen Folk­Tradition, eindrucksvollen Bläsersätzen und einem Melodienreichtum, der Spannung und epische Atmosphäre in die Reichstalhalle brachte.

Gregson hat sowohl das Leben am Königshof als auch die Hölle der Schlachten in seine Musik hineinkomponiert. Rüdiger Müller und das Ensemble filterten sie detailscharf heraus. Vorzüglich dabei der Holzbläserklang und das flexible Blechregister, mal füllig und weich, mal schneidend und scharf. Ein Hörerlebnis, das stürmischen Applaus erntete.

„Vom Dunkel ins Licht“

„Psalm 74“ von Brooke Pierson beruht auf dem Kirchenlied „Salvation is created“ aus dem Jahr 1912. „Gott ist mein König …“ heißt es in Vers 12 des Psalms, der auf die Hilfe Gottes vertraut.

Für Alisa Dieterle ein Anlass, auf den Zusammenhalt der Gesellschaft in Krisenzeiten hinzuweisen und Menschlichkeit und Achtsamkeit einzufordern. Wortwörtlich eine deutliche Kritik an der aktuellen Politik „narzistisch mächtiger Männer“. Für ihr Statement erhielt die Moderatorin viel Beifall.

Das Orchester begann getragen mit verhaltenen Klängen, steigerte im Hauptteil die Dynamik und arbeitete die Kon-traste heraus. Trotz dissonanter Passagen und unruhiger Rhythmen lebt das Stück von Melodie und Tonalität. Mit aufleuchtend hellen Bläsersätzen und dem bewegenden Ausklang stellte sich das Orchester in die Tradition Beethovens („Vom Dunkel ins Licht“). Eine meisterliche Interpretation.

Alle Tugenden des Zusammenspiels

„Miss Saigon“ gehört zu den weltweit erfolgreichsten Musicals. Die tragische Liebesgeschichte zwischen einem amerikanischen Soldaten und einer Vietnamesin vor dem Hintergrund des Vietnamkrieges stammt von dem französischen Komponisten Claude Schönberg und dem Texter Alain Boublil. Einige der schönsten Melodien präsentierte die Miliz- und Trachtenkapelle mit einem exquisiten Bläserarrangement. Dramaturgisch gelungen bildete der Programmpunkt mit dem Operetten-Auftakt den musikalischen Rahmen des Programms.

Davon abgesehen entwickelte die Darbietung ihren Sog. Rüdiger Müller und das Ensemble beherzigten alle Tugenden des Zusammenspiels in einem großen Orchester: Introvertierte Freude und eindringlicher Appell, Forcieren und Zurücknehmen ließen den Klangfarbenreichtum im wahrsten Sinne des Wortes strahlen. Davon konnten die Zuhörer an diesem Abend offenbar nicht genug bekommen. Zwei Zugaben wurden gerne gewährt; selbst nach zweieinhalb Stunden bei bester Spiellaune.

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