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Zell am Harmersbach | 18.06.2018

Reicher Kindersegen bei den Storchenpaaren

So viele Jungtiere wie noch nie – Günstige Witterung sorgt 2018 für Rekordjahr

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Drei schwarz-weiße Federknäuel erwarteten die Beringer auf dem Zeller Rathaus-Dach. Foto: Susanne Vollrath
von Susanne Vollrath

Auf ein sehr gutes Storchenjahr mit zahlreichen Jungstörchen blicken die Vogelkundler dieses Jahr. Es sind so viele, dass nicht mehr alle erreichbaren Nester vollständig beringt werden können.

»Etwa 400 bis 450 Jungstörche sind es dieses Jahr im Kreis«, schätzt Storchenvater Franz Trautwein von der Agenda Umwelt in Biberach – ein neuer Rekord. Im Schnitt sollen 2018 pro Nest 2,5 Jungtiere herangewachsen sein. Die Witterung war günstig, das Nahrungsangebot groß – so kam es zu weniger Todesfällen als in den vergangenen Jahren, als Dauerregen und Kälte den Storchenbabys arg zusetzten.

Personalausweis für Jungstörche Finn und Luis

Los ging es für die Nabu-Naturschützer Paulette Gaw­ron und Gérard Mercier sowie Storchenvater Franz Trautwein mit tatkräftiger Unterstützung der Zeller Feuerwehr am Freitagnachmittag gegen 14 Uhr in Schönberg. Dort gab es drei Junge im Nest des alteingesessenen Paars zu bestaunen. Der Blick ins Nest in Fröschbach offenbarte, dass dort ebenfalls drei Storchenbabys das Licht der Welt erblickt hatten.

Auf dem Rietsche-Kamin in Biberach ziehen Daddy Otto und seine unbekannte Schönheit, mit der nicht registrierten Ringnummer ZLI, gleich vier Jungtiere auf. Bereits das dritte Mal brüten die beiden, seit Gertraud nicht mehr da ist. Doris Rappenecker ist die Patin von zwei der Jungtiere. Sie gab dem Nachwuchs die Namen ihrer Enkel, Finn und Luis. Die beiden sind Zwillinge und sich so ähnlich, genauso ähnlich wie die Storchenbabys. Damit man die Störche unterscheiden könne, sei es gut wenn sie beringt werden, sagte die frisch gebackene Patentante und streichelte den beiden Vogelbabys, die in einem mit Heu gepolsterten Korb nach unten gebracht wurden, übers Gefieder nicht ohne die Hoffnung zu äußern, dass sie vielleicht in Zukunft wieder nach Biberach zurückkehren.

Ausflug auf festen Boden

Der Ausflug aus der luftigen Höhe des Rietsche-Kamins auf den festen Boden der Biberacher Ortsmitte ist für die Jungtiere völlig unproblematisch, betonte Mercier. Dass sich ein Jungtier während der ganzen Prozedur nicht bewegt, liegt an der sogenannten Thanatose. In der Natur schützt dieser Reflex vor Fressfeinden. Sobald die kleinen Adebare wieder im Nest sind, streicheln die Eltern sie mit ihren Schnäbeln wieder munter. Herausgenommen werden können die Kleinen nur, wenn mindestens noch ein Geschwisterchen im Nest verbleibt. Sonst könnte es sein, dass die Eltern das Nest vorzeitig aufgeben. Sobald die Brut flügge geworden ist, verlieren nämlich auch die Elterntiere die Nestbindung. Diesen Eindruck gilt es tunlichst zu vermeiden. Am Geruch stören sich Storchenmama und –papa anders als andere Wildtiere nicht. »Sie riechen nichts, hören schlecht«, erklärt Gérard Mercier. »Dafür sehen sie kilometerweit.«

Fruchtbarer Flutlichtmast

Im Nest der wagemutigen »Sportsfreunde« am Unterentersbacher Kunstrasenplatz wachsen zwei junge Störche auf. Sie wirken gesund, sind jedoch einige Wochen jünger als die anderen – geschätzt erst vier Wochen alt. Die Experten haben das am flaumigen Gefieder erkannt. Die Storcheneltern, die den Neubau auf dem Flutlichtmasten im Alleingang gestemmt hatten, waren im Frühjahr vom Kaiserstuhl zugezogen.

Storchenturm-Nest bleibt 2018 leer

Große Spannung herrschte dann am Storchenturm nicht nur, weil gerade das WM-Spiel Marokko – Iran auf der Großleinwand lief. Wie groß ist die Familie im Nest auf Zells Wahrzeichen? Karl-Heinz Schmieder hatte von regem Verkehr vom und zum Turm berichtet. »Abends ist da immer Betrieb«, sagte er, nicht ohne hinzuzufügen, dass irgendetwas komisch sei. Sein Gefühl sollte ihn nicht trügen. Auf dem Storchenturm konnte in diesem Jahr kein einziger Jungstorch beringt werden. Es lagen zwar zwei Eier des jungen Paares im Nest, geschlüpft war jedoch kein Junges. »Vielleicht waren die Eier nicht befruchtet«, mutmaßt Gérard Mercier, »oder die noch unerfahrenen Störche haben das Nest zwischendurch einmal zu lange verlassen.«

Großfamilie auf dem Rathaus

Auch wenn es im Immobilien-Sektor normalerweise heißt, allein die Lage zählt, ist das Nest auf dem Rathaus-Dach nach wie vor nur für Storcheneltern mit starken Nerven geeignet. Eine Baugenehmigung hätten sie für das Bauwerk nie und nimmer erhalten. Trotzdem fühlen sich Storchenpapa und Storchenmama so wohl, dass sie dort zur Zeit gleich drei kleine Mäuler stopfen. Bei der Storchenfamilie auf der Alten Kanzlei geht es beschaulicher zu. Dort wird ein Jungstorch von seinen Eltern gehegt und gepflegt.

Schon bald werden die jungen Störche flügge werden. »Das ist mit etwa acht Wochen der Fall«, informiert Gérard Mercier. Bevor die Jungen zum ersten Flug aufbrechen, sind erst einmal noch Flugübungen im sicheren Nest dran.

Ein großer Dank gilt der Zeller Feuerwehr und ihren Feuerwehrmännern, ohne die die Beringungsaktion nicht möglich wäre. Sie steuern in ihrer Freizeit und mit großer Umsicht die Drehleiter. Aus Versehen nach unten gesegelt und sanft auf Unterentersbacher Erde im Riedacker Stadtion gelandet ist nämlich nur Franz Trautweins Hut.

Foto: Susanne Vollrath
Living on the edge – die „Bauherren“ des Rathaus-Nestes haben keinen Platz verschwendet. Trotz der außergewöhnlichen Lage gilt es für die Storcheneltern dort momentan drei hungrige Mäuler zu stopfen.
Foto: Susanne Vollrath
Der Storch von der „Alten Kanzlei“ schaut zum Nachbarn und wundert sich, was dort schon wieder los ist. Nur kurze Zeit später besucht der Drehleiterkorb auch sein Nest und beringt das Jungtier.
Foto: Susanne Vollrath
Während der Beringung verlassen die Altvögel das Nest, bleiben jedoch immer in der Nähe und beobachten das Treiben.
Foto: Susanne Vollrath
Wieder vereint stellen sich die Jungtiere im Nest noch tot. Sobald die Eltern kommen, werden sie quicklebendig.
Foto: Susanne Vollrath
Paulette Gawron (links) und Gérard Mercier (rechts) mit zwei Eiern vom Storchenturm, aus denen sich kein neues Leben entwickelte.
Foto: Susanne Vollrath
Wieviel Nachwuchs im Nest am Riedacker-Stadion zu erwarten ist, wusste keiner. Die Spannung war deshalb bei allen groß.
Foto: Susanne Vollrath
Zwischen Streuobstbäumen war die Zeller Drehleiter positioniert, als die Storchenbabys in Unterentersbach beringt werden sollten.
Foto: Susanne Vollrath
Auf dem Flutlichtmast hatte im Frühjahr ein zugereistes Paar vom Kaiserstuhl gebaut. Es zieht zwei Jungtiere groß.
Foto: Susanne Vollrath
A2H91 – das ist Ringnummer, die „Finn“ seit Freitag trägt. Sein Bruder „Luis“ ist an der Nummer A2H92 zu erkennen.
Foto: Susanne Vollrath
In einem Weidekorb sanft auf Heu gebettet, „betraten“ Finn und Luis das erste Mal Biberacher Boden. Zahlreiche naturinteressierte Bürger nahmen die Vogelkinder in Empfang.
Foto: Susanne Vollrath
Drei schwarz-weiße Federknäuel erwarteten die Beringer auf dem Zeller Rathaus-Dach.
Foto: Susanne Vollrath
Der freistehende Rietsche-Kamin ist eines der Objekte, das die Feuerwehr mit ihrer Drehleiter sehr leicht anfahren kann.
Foto: Susanne Vollrath
Storchenvater Franz Trautwein und Storchenpatin Doris Rappenecker mit ihren Schützlingen in der Ortsmitte in Biberach.
Foto: Susanne Vollrath
Doris Rappenecker ist Patentante von zwei der vier Jungtiere im Nest auf dem Rietsche-Kamin. Sie widmet die Patenschaft ihren Enkelkindern Finn und Luis.

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