Wenn Menschen die Kontrolle verlieren:

Anna Niederberger informiert über Ess-Störungen

Ein Vortrag eines ehemaligen Models in der Offenburger Klinik »Lindenhöhe« war für Anna Niederberger der Anlass, sich mit Ess-Störungen intensiver zu befassen. Mit nun ihrerseits gehaltenen Vorträgen geht sie gegen die – für sie erstaunlicherweise – noch immer bestehende Tabuisierung dieser Krankheiten vor.

»Das ehemalige Model hat auf unglaublich beeindruckende Weise dargestellt, wie rüde die Modelwelt ist und wie sehr da geschönt wird, dabei sind Models auch nur ganz gewöhnliche Frauen wie Sie und ich« – so beschreibt Niederberger, auf welch wackligen Beinen das sehr schlanke westliche Schönheitsideal steht.

Dennoch bringt es etwa 0,5 Prozent der Mädchen und Frauen zwischen 15 und 35 Jahren dazu, sich auf teils extremes Untergewicht herunterzuhungern. Doch auch dann finden sich die Betroffenen noch immer zu dick, das Bild des eigenen Körpers ist nicht mehr real. »Körperschemastörung« nennen Mediziner dieses Begleitphänomen der Anorexia nervosa, der Magersucht.

»Bei Mädchen ist sie sehr viel häufiger zu finden als bei Jungs«, weiß Niederberger, »vor allem 14- bis 17-Jährige sind betroffen.« Mit dramatischen Folgen, denn die schwerwiegende Mangelernährung verursacht unter anderem Depressionen, Konzentrations- und Gedächtnisstörungen, Störungen im Hormonhaushalt, Muskelschwäche, Abnahme der Knochenstabilität. Und sie schädigt die inneren Organe, kann zu Herz-, Lungen- und Nierenversagen führen. Zwischen erschreckenden vier und 18 Prozent liegt die Sterberate, womit das Sterberisiko Magersüchtiger dem von Drogenabhängigen entspricht.

Von wegen »dumm«

»Betroffene Teenager sind oft hochintelligent und gute Schüler, mit einem extremen Leistungsanspruch an sich selbst«, erklärt die in Zell wohnende Ärztin im Unruhestand. Kurzum, es sind »perfekte« Töchter – in der Regel zudem sehr sportlich, weil ihnen extreme Bewegung bei der Reduzierung ihres Körpergewichts hilft.

»Sie haben eine panische Angst, dick zu sein oder zu werden beziehungsweise wieder zuzunehmen«, beschreibt die 75-Jährige, wie sehr das Thema »Gewicht« den Alltag der Betroffenen bestimmt. Oft beginnt der Einstieg in die Magersucht mit einer Diät. Tricks und Ausreden wie »Ich habe schon gegessen« kommen zum Einsatz und die Nahrung – beispielsweise nur wenige Salatblätter – »wird endlos lange gekaut«.

Fehlgeleitete Problem­lösungs-Strategie

»Essen wird der wichtigste Bereich, den man selbst kontrollieren kann«, erläutert die promovierte Internistin, wie den Erkrankten die Kontrolle über ihren Kontrollwunsch entgleitet. Auch bei einer häufiger vorkommenden Ess-Störung, umgangssprachlich als Ess-Brech-Sucht bezeichnet, geht es um Kontrolle und Kontrollverlust. Schätzungsweise ein bis zwei von 100 Menschen erkranken im Laufe ihres Lebens an der sogenannten Bulimie, auch hier in erster Linie junge Frauen und Mädchen.

Typisches Kennzeichen dieser psychischen Erkrankung mit suchtähnlichem Verhalten sind regelrechte Fressanfälle, die meist mehrmals in der Woche auftreten und bei denen in kürzester Zeit ungeheure Mengen an Kalorien – bis zu 10.000 – aufgenommen werden. Ohne in der Lage zu sein, diese Heißhungerattacken zu beherrschen. »Aus Scham stopfen sich Bulimiker meist im Geheimen voll«, so Niederberger. Um nicht zuzunehmen, erbrechen sie sich nach einem Essanfall, nehmen Abführ- und Entwässerungsmittel sowie Appetitzügler und versuchen, mit Sport und phasenweisem Fasten ihr Gewicht (das in der Regel ein normales ist) zu halten. Häufig führt die Krankheit zu finanziellen Problemen bis hin zu Diebstahl und Verschuldung, denn der Einkauf der enormen Nahrungsmittelmengen reißt ein tiefes Loch ins Portemonnaie.

Ursache ist – wie bei der Magersucht auch – der Versuch, hinter einer möglichst perfekten Fassade verborgene Probleme über die Kontrolle von Nahrungszufuhr und Gewicht zu lösen. Daraus entsteht ein bulimischer Teufelskreis: Die Fressattacken als physiologische Gegenregulation und emotionale Entladung sorgen für eine erhöhte psychische Labilität, die mit Angst vor Gewichtszunahme einhergeht, mit sinkendem Selbstwertgefühl und sozialer Isolation. Gleichzeitig führt die Mangel- und Fehlernährung zu hoch problematischen körperlichen und geistigen Veränderungen.

Selbstakzeptanz lernen

Eine dritte Form der manchmal ineinander übergehenden und daher nicht immer klar voneinander abgrenzbaren Ess-Störungen ist das sogenannte »Binge-Eating«. Hierbei handelt es sich um Essattacken ohne gewichtsreduzierende Maßnahmen – mit der Folge von Übergewicht. »Es ist die häufigste Essstörung der Allgemeinbevölkerung«, betont Niederberger den Umstand, dass es meist 40- bis 65-Jährige sind, die alleine, schnell und ohne Hunger große Mengen essen. Nach einem solchen Anfall werden sie von Ekel, Traurigkeit, Schuld- und Schamgefühlen übermannt, aber auch von Ärger und Wut. Das Selbstwertgefühl sinkt, was erst recht zu Essanfällen führt.

Mit der Kontrolle geht auch das Gefühl für körperliche Sättigung verloren. »Die Betroffenen leiden an einem emotionalen Hunger, den
sie mit Essen zu kompensieren versuchen«, unterstreicht Niederberger, »da hilft nur eine Therapie, alleine kommt man da nicht raus.«
Letzteres gilt für jede Form einer Essstörung, die meist von verschiedenen Faktoren ausgelöst werden, seien sie psychologischer, biologischer, familiärer, erblich bedingter, sozialer oder umgebungsbedingter Art. Unverzichtbare Voraussetzung für eine erfolgreiche Behandlung – auch der jeweils unmittelbaren körperlichen Folgen – sind jedoch die Krankheitseinsicht eines Betroffenen sowie seine anhaltende Motivation zur Veränderung. Wobei es unter anderem zu lernen gilt: »Ich bin okay, so wie ich bin«, fasst Anna Niederberger zusammen.

»Diese Menschen müssen wieder das »richtige« Essen lernen«, beschreibt sie das Grundproblem: »Ein Alkoholiker kann den Alkohol weglassen, ein Essgestörter aber nicht das Essen.«

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