War Orkantief »Lothar« nur ein Vorbote kommender Katastrophen?

Vor 20 Jahren zog »Lothar« eine Schneise der Verwüstung – 256.000 Festmeter Sturmholz im Bereich des ehemaligen Forstamtes Zell a. H. verursachten Millionenschaden – Akute Hilfe- leistung und Schadholz-Aufarbeitung band zahlreiche Hilfskräfte

Alles schien in den letzten Tagen des Jahres 1999 seinen gewohnten Gang zu nehmen. Weihnachtsvorbereitungen standen an, der eine oder die andere freute sich in Feierlaune, obwohl rechnerisch falsch, auf den bevorstehenden »Jahrtausendwechsel«. Doch auf die Stille Nacht folgten stürmische Stunden, die nicht nur so manche Feierstimmung ordentlich durcheinander wirbelte.

Der Gemeinde Oberharmersbach schien das Jahresende 1999 auch eine angenehme Zäsur zu bescheren. Bei Revierförster Hans Lehmann war Anfang Dezember die letzte Abrechnung für die schlimmen Hochwasserschäden vom Dezember 1991 eingegangen. Fast ein Grund zum Feiern, eine Belastung weniger, und niemand ahnte, dass die nächste Katastrophe bereits vor der Tür stand.

Rückblende: Das Unheil braute sich in den Abendstunden des 24. Dezembers 1999 südlich von Neufundland zusammen. In der Frontalzone (vereinfacht gesagt: in der Übergangsschicht zwischen kalten und warmen Luftmassen in der Troposphäre, der untersten Schicht der Erdatmosphäre, in der sich das Wettergeschehen abspielt) des dort schon bestehenden Tiefs »Kurt« entwickelten sich neue, bedrohliche Turbulenzen. An der Vorderseite stieß wärmere Luft nach Norden vor, dahinter kältere nach Süden.

Mit der Strömung dieses Tiefs fand der noch junge Orkan »Lothar« seine Zugbahn über den Atlantik. Weitere Luftmassen aus feucht-warmer und kalter Polarluft verstärkten die angebahnte Entwicklung. Die Veränderung des Zentrumsdrucks deutete aber keineswegs die bevorstehende dramatische Entwicklung an. 1005 Hektopascal (hPa; entspricht dem früheren Millibar) wurden noch um Mitternacht in diesem neu entstandenen Tief vor Neufundland gemessen; am 25. Dezember mittags über dem Atlantik 995 hPa. Als das Tief nach Mitternacht 300 Kilometer südwestlich von Irland angelangt war, lag der Kerndruck schon nur noch bei 985 hPa – fallende Tendenz. Von Süden zuströmende Warmluft verstärkte das Tief »Lothar«.

Fallender Druck

Bei Rouen in Nordwestfrankreich meldete sich die herannahende Katastrophe mit eindeutigen Zahlen: Innerhalb von drei Stunden fiel der Luftdruck um 25 hPa auf 962 hPa. Dieser bis dahin in Europa in derartiger Größenordnung nicht gekannte Druckabfall verlieh »Lothar« seine brachiale Gewalt.

Die Windgeschwindigkeiten nahmen zu und erreichten bereits über Frankreich Orkanstärke. In wenigen Stunden fegte der Weihnachtssturm 1999 über Europa hinweg und schlug Schneisen und Flächen der Verwüstung. Die Wetterstationen maßen Spitzengeschwindigkeiten im Flachland von über 150 km/h und auf den Bergen mit weit über 200 km/h. Manche Messstation versagte wegen Stromausfall. Neben Sturmdauer und Windgeschwindigkeit waren vor allem Böen für das Ausmaß der Zerstörung verantwortlich. Sie vor allem beanspruchten Bäume und Bauwerke in erheblichem Ausmaß.

Diese Entwicklung konnte der Wetterbericht weder vorhersagen und noch entsprechende Warnungen formulieren. Am Nachmittag des 25. Dezembers galt in der Vorhersage die größte Sorge noch gefrierendem Regen, nach 22 Uhr folgte ein Hinweis auf Sturmböen bis zur Stärke 9, tags darauf um 9 Uhr meldete man bis zum totalen Stromausfall Orkanböen auch im Flachland: »Lothar« war angekommen.

Orkan deckt nicht nur Dächer ab

Im Harmersbachtal wütete der Sturm am späten Vor­mittag des zweiten Weih­nachtsfeiertages. Bei den Gebäuden erwischte es mit am schlimmsten das exponiert stehende Haus des damaligen Oberharmersbacher Bürgermeisters Otmar Ritter. Der Sturm riss den vorderen Teil des Daches weg und warf die Sparren gegen das Haus seines Nachbarn. Dächer wurden im ganzen Tal abgedeckt, herabstürzende Ziegel gefährdeten Bewohner und Helfer. Mülleimer flogen durch die Gegend. Die Feuerwehren des Harmersbach- und Nordrachtals waren schon längst ausgerückt und leisteten mit dem THW und anderen Notdiensten den ganzen Tag über und in die Nacht hinein Schwerstarbeit.

Seitentäler waren von der Außenwelt abgeschnitten, die L94 und sogar die Eisenbahnlinie zeitweise blockiert, Strom- und Telefonleitungen rissen zuhauf unter den fallenden Bäumen, allerorts erloschen die Lichter, Heizungen fielen aus, Melkmaschinen standen still, die Küche blieb kalt, Veranstaltungen wurden abgesagt. Die Zivilisation zeigte sich von ihrer anfälligen Seite.

Wie Streichhölzer abgeknickt

Nicht nur in diesen Vormittagsstunden gab es eindringliche Warnungen, keine Spaziergänge oder »vorwitzige Erkundungen« im geschundenen Wald zu unternehmen, denn sich dorthin zu wagen war lebensgefährlich. Wie selten zuvor hatte der Sturm Stämme wie Streichhölzer geknickt, auf weiten Flächen Fichtenkulturen entwurzelt. Doch der Sturm suchte nicht nur nach besonders anfälligen Baumarten. Böen und Wirbel machten auch vor Ahorn und Buchen oder Tannen nicht Halt. Kreuz und quer lagen Bäume meterhoch übereinander, gebrochen oder unter unberechenbarer Spannung, ganze Kuppen waren abgeräumt und da an vielen Stellen die exponierte Kammlinie eine ideale Angriffsfläche bot, war das Erscheinungsbild der ehemals stolzen Waldungen innerhalb kürzester Zeit übelst zerrupft.

In zwei Stunden vernichtet

Das ganze Ausmaß des Schadens zeigte sich erst in den folgenden Tagen. Wie beim herannahenden »Lothar« die Windgeschwindigkeiten nach oben korrigiert wurden, so jagte eine Horrormeldung über das angefallene Sturmholzes die andere. Die Skala hierfür schien nach oben offen. Dabei war der Bereich des ehemaligen Forstamtes Zell a.H. noch längst nicht am stärksten betroffen. Doch zu sagen, man sei mit einem blauen Auge davongekommen, wäre für die Geschädigten ein Schlag ins Gesicht. Die aufwendige Pflege von Jahren und Jahrzehnten, das Werk von Generationen war innerhalb von knapp zwei Stunden zerstört, enorme Werte vernichtet, die »Sparkasse« vieler Waldbauern und der Kommunen wie von Geisterhand geplündert.

Millionen-Schaden

Die Revierleiter waren – wie hilfreich wären doch da Drohnen gewesen – in den folgenden Tagen damit beschäftigt, mühsamst durch stundenlange Begehungen einigermaßen verlässlich den entstandenen Schaden zu erfassen. Dabei trat Erstaunliches zu Tage. Der eine schätzte ein bisschen mehr, der andere ein bisschen weniger, so gut das eben in dem Wirrwarr der kaum überschaubaren Holzmenge möglich war. Unterm Strich trafen die Revierleiter fast genau die tatsächlich geworfene Holzmenge: 256.000 Festmeter im ge­samten Bereich des ehemaligen Forstamtes Zell a. H. – ein Mehrfaches der jährlichen Einschlagsmenge. 150.000 Festmeter davon lagen in den Privatwaldungen auf dem Boden, rund 395 Hektar Wald, davon 233 im Privatwald, waren flächenhaft vernichtet.

Für den Oberharmersbacher Wald bedeutete dies: über 60.000 Festmeter (davon ca. 47 Prozent im Gemeindewald und 53 Prozent im Privatwald) hatte der Sturm geworfen, ein geschätzter Wert von damals rund 5 Millionen DM (ca. 2,5 Millionen Euro). Im Gemeindewald hat es vor allem die Region Zuwald/Urselstein/Hermersberg (Abt. 17/18/19) getroffen, 50 Hektar Wald in der Fläche waren hier vernichtet.

THW im Einsatz

Während die Aufräumungsarbeiten anliefen, um wenigstens die Hofzufahrten und die wichtigsten Wege frei zu räumen, stellten Stromanbieter und das Technische Hilfswerk (THW) Aggregate auf, um abgelegene Höfe zumindest mit dem lebens- und überlebenswichtigem Strom zu versorgen.

Rasche Hilfe tat Not, und das Krisenmanagement funktionierte. Forstamt und Revierleiter arbeiteten Hand in Hand mit den Gemeinden und den Waldarbeiten sowie den Privatwaldbesitzern. Die erst jüngst gegründeten Forstbetriebsgemeinschaften erlebten ihre erste, große Bewährungsprobe, denn allmählich stellte sich heraus, dass der Sturm »Wiebke« (28. Februar/01. März 1990), gemessen an den jetzt aktuell festgestellten Schäden, nur »ein laues Lüftchen« war, wie mehrfach von berufener Stelle wiederholt wurde. Solidarität war jetzt gefragt und der verweigerte sich niemand.

Gegenseitige Hilfeleistung

In den folgenden Monaten lief eine Maschinerie an, ohne größere Reibungsverluste, fürwahr eine logistische Meisterleistung, die bis dahin ohne Beispiel oder Vorbild war. Für die Aufbereitung des Sturmholzes war Sicherheit oberstes Gebot. Es ist der Umsicht der Revierleiter und der Erfahrung der Waldarbeiter und Privatwaldbesitzern zu verdanken, dass es bei der Aufbereitung des Sturmholzes in Oberharmersbach keine schwereren oder gar tödliche Unfälle gab, trotz der Gefährlichkeit der Arbeit in dem vom Sturm hinterlassenen Wirrwarr an Stämmen und Ästen.

Kleinere Rotten halfen sich gegenseitig und ermöglichten einen effektiven Maschineneinsatz. Die Räumung und Unterhaltung der Abfuhrwege hatte Priorität, die vorgegebene Reihenfolge für die Aufbereitung – Laubholz vor Nadelholz – der Transport und die entsprechende Lagerung der Sortimente waren weitere wichtige Anhaltspunkte.

Während der Aufbereitung des Sturmholzes wurde ein gemeinsamer Pool für die Vermarktung gebildet. Nasslager nahmen die anfallenden Holzmassen auf. Dabei wurde das Sturmholz entsprechend sortiert: Tanne/Fichte, Stärke, Qualität/Güteklasse. Auf Oberharmersbacher Gemarkung hat man die Nasslager so angelegt, dass die Berieselung mit Wasser ohne Pumpen möglich war. Dafür wurden in den Seitentälern insgesamt rund drei Kilometer Zuleitungen verlegt, um aufgrund des Gefälles den erforderlichen Druck zu erreichen. Ein speziell konstruierter »Sandfang« an der Entnahmestelle verhinderte das ständige Verstopfen der Berieselungsdüsen.

In den Nasslagern von Oberharmersbach und Nordrach bis Biberach türmten sich insgesamt 102.500 Festmeter. Im Laufe des Jahres 2001 war das letzte Sturmholz aus dem Wald geschafft, im Jahre 2005 der letzte Stamm aus den Nasslagern verkauft.

Aufwändige Erfassung

Auch die finanzielle Abwicklung war gut durchdacht. Um den Geschädigten zu helfen, wurden von Anfang an in regelmäßigen Abständen Abschlagszahlungen geleistet, die man mit dem Verkauf des Holzes aus dem gemeinsamen Pool erzielt hatte. Dazu waren laufend Verhandlungen mit den Abnehmern erforderlich. Nicht minder aufwendig war die Ermittlung, wer welche Holzmenge mit welcher Qualität in den Pool eingelagert hatte. Eine umfangreiche Datenbank ermöglichte die Gleichbehandlung. Auf Oberharmersbacher Gemarkung bedeutete dies 1.042 Einzellose, um das eingelagerte Holz detailliert zu erfassen. Die endgültige Abrechnung erfolgte nach der Räumung der Nasslager anhand des Durchschnittserlöses.

Lehren aus »Lothar«

Man hat aus »Lothar« gelernt. Der Naturverjüngung auf den freien Flächen wurde Vorrang eingeräumt, Monokulturen wurden zurückgedrängt. Doch der Wald hat als Erholungs- und Wirtschaftsfaktor damals erheblich gelitten. Zwar erlebte der Wanderer mitunter den kleinen (scheinbaren) Vorteil, an zahlreichen Punkten eine ganz neue Aussicht zu genießen. Aber er hatte wohl keinen Schimmer, wie kostspielig das Öffnen dieser Aussichtsfenster und mit welchen Folgen dies verbunden war. Die aufgerissenen Flächen, obwohl zwischenzeitlich zum Teil wieder zugewachsen, bieten zusätzliche Angriffspunkte für kommende Stürme, die sicherlich nicht ausbleiben werden.

Die Warnungen der Wetterdienste wurden verfeinert. Doch was nützt dies, wenn Stürme zunehmen? Das Or­kantief »Lothar« wurde vorschnell als »Jahrhundertereignis« klassifiziert. Das galt sicher für das 20. Jahrhundert. Was im 21. folgen wird, könnte wegen des Klimawandels, in dem wir mitten drin sind, noch heftiger werden. Die Erwärmung der Atmosphäre insgesamt, und das ist unumstößlich Fakt, spricht eher für weitere Wetter-Extreme und somit für ein häufigeres und stärkeres Auftreten von (Winter-)Stürmen.

Warnungen wurden ignoriert

Seit der ersten Klimakonferenz im Februar 1979, also schon vor über vierzig Jahren, haben seriöse Wissenschaftler immer wieder und eindringlich vor den katastrophalen Auswirkungen der Klimaveränderung gewarnt. Die Politik hingegen warnte ihrerseits, uneinsichtig, arrogant und hilflos, vor Panikmache. Sie flüchtete sich in die irrige Annahme, das sei alles durch technische Innovationen in den Griff zu bekommen.

Nicht nur »Lothar« hat gezeigt, dass dies im wahrsten Sinne des Wortes ein Holzweg war. Und trotz der aktuellen dramatischen Entwicklung mit den spürbaren Folgen unmittelbar vor der Haustür leben die meisten Politiker – auch diejenigen, die wegen ihres Parteinamens sich der Schöpfung besonders verpflichten fühlen sollten – immer noch in einem Paralleluniversum.

Kipp-Punkt erreicht?

Da helfen auch deren gebetsmühlenartig wiederholten Forderungen nicht, den Temperaturanstieg auf 1,5 Grad (den haben wir schon erreicht) bzw. 2 Grad (das ist die irreale Forderung der Politiker an das Klima, das sich natürlich artig danach richten wird) zu begrenzen. Nicht wenige Klimaforscher befürchten, dass die »Kipp-Punkte« – oder: »point of no return«, also keine (Umkehr-) möglichkeit mehr, etwas Entscheidendes zu ändern – schon eher erreicht sein werden, als selbst Pessimisten das bisher beschrieben oder für möglich gehalten haben.

Wie die beiden trockenen Sommer 2018 und 2019 zeigten, bedarf es nicht unbedingt eines Sturmereignisses, um den Wald weiter zu schädigen. Die Gefahr droht auch von ganz anderer Seite, denn der Klimawandel wird unseren Wald zusätzlich schwächen. Man kann dem Wald zusehen, wie lange er den von Menschenhand gemachten Belastungen noch standhalten wird, oder man kann entsprechend reagieren, um weitere schlimme Folgen zu minimieren.

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