Einst harte Arbeit, jetzt Hobby

Ausnahmetalent Theresa Lehmann resümiert: Tischtennis war Lebensschule

Als Jugendliche jagte sie den Ball für die Nationalmannschaft über die Platte, heuer gewann sie im Mixed die Deutschen Hochschulmeisterschaften. »Ich habe viel gelernt, auch für’s Arbeitsleben«, zieht Theresa Lehmann (24) Bilanz in Bezug auf ihre Karriere mit der schnellen Kugel.

Derzeit heißt es Obacht geben, wenn man Theresa Lehmann in ihrer kleinen Wohnung nahe des Oberharmersbacher Elternhauses besuchen möchte – damit die Schar der darin wuselnden Katzenkinder nicht entwischt. Hin und her springen die, wobei sich die kleinen Tatzen ungestüm an Stuhlbeinen erproben, an Sofastoff, Fensterrollo, am Stamm einer Zimmerpflanze. Selbst das Glas der Balkontür ist nicht sicher vor ihnen.

»Dieses eine Mal wollte ich das erleben«, meint die 24-jährige Halterin einer Katzendame. Wer hochkarätigen Tischtennisspielern einmal zugeschaut hat, der mag eine Parallele zum Treiben der Tierkinder erkennen: Diese explodierende Energie bei gleichzeitig absolut fokussierter Konzentration.

Liebevoll nimmt Theresa Lehmann eines der Fellbündel in den Arm. Ruhig wirkt die studierte Gesundheitspädagogin, nahezu abgeklärt. Sie war – unter anderem – Deutsche Meisterin im Schülerinnen-Doppel, mehrfach baden-württembergische Meisterin in der Klasse Schülerinnen und Mädchen. Bei den Top 12 der deutschen Rangliste belegte sie den zweiten Platz, stand auf internationalen Turnieren auf dem Siegertreppchen, während die Nationalhymne spielte. »Das werde ich nie vergessen«, erinnert sich die Sportlerin: »Die ganze Halle guckt nur auf dich und man vertritt das Land im Deutschlandtrikot, das war ein Wahnsinns-Gänsehautgefühl.«

Den Profiweg zu gehen kam für sie in der schlecht bezahlten Randsportart jedoch nicht in Frage. »Mit 18 Jahren muss man sich entscheiden«, erklärt sie, die nach Ringsheim, Karlsruhe und Busenbach seit nun nunmehr neun Jahren für Offenburg spielt, derzeit in der Zweiten Bundesliga. Von September bis Mai ist sie mit ihren Vereinskollegen deutschlandweit zu insgesamt 18 Punktespielen unterwegs, »da geht schon mal ein Wochenende drauf, wenn man bis nach Hamburg fährt.«

Ein Einsatz, den sie zusammen mit drei Trainingseinheiten pro Woche – zusätzlich zum persönlichen Fitnesstraining – lachend als »human« bezeichnet. Zwei Jahre alt sei sie gewesen, als sie das erste Mal auf der Tischtennisplatte gesessen habe, erzählt sie, »mit irgendwie dem Schläger in der Hand und den Ball versucht hin und her zu schlagen.«

Der damalige Ort des Geschehens: die DJK Sportgemeinschaft Oberharmersbach e.V., in der Theresa Lehmanns Vater Horst noch heute spielt und in dem damals auch ihre Mutter Doris und ihre Schwester Pia aktiv waren, »da war ich einfach von klein auf mit in der Halle.« Mit vier Jahren fing die kleine Theresa »richtig mit dem Spielen an«, trainierte einmal in der Woche im Heimatdorf. Wobei ihr zum Einen zu Gute kam, dass sie schon immer sehr groß war. Zum anderen legte man ihr Matten unter, »damit ich über die Platte gucken konnte.«

Eine Talentsichtung brachte der dann Fünfjährigen ein zusätzliches Training pro Woche im Stützpunkt in Offenburg ein, beim Nachwuchs des Bezirkskaders der Ortenau. Es folgte der Baden-Württemberg-Kader und dann der Deutschlandkader, sprich das Spielen in der Nationalmannschaft. Bis hin zu acht- bis neunmal die Woche stand Training an, als sie zwischen 12 und 17 Jahre alt war.

Alles gefragt

Training – das bedeutet in der schnellsten aller Rückschlagsportarten unter anderem, sich intensiv der Beinarbeit am Tisch, der Koordination, Schnelligkeit und Sprungkraft zu widmen. »Im Tischtennis ist wirklich alles gefragt«, stellt die Sportlerin klar, »viele unterschätzen das.« Über allem jedoch stehe eines: das Training der Kondition. Denn bei dieser Sportart extrem wichtig seien der Kopf, die Konzentration.

»Meine ganze Familie war für den Trainings-Fahrdienst eingespannt und es hat von allen sehr viel Organisation gebraucht: Oma war eingespannt, Opa war eingespannt, Mama, Papa – alle.« Mit großer Dankbarkeit erzählt Theresa Lehmann das, auf der Fahrt zum Training direkt nach der Schule verspeiste sie oft genug im Auto das ihr mitgebrachte warme Mittagessen, erledigte im Wagen auch die Hausaufgaben. Wirklich zu viel wurde ihr das nie.

Unter anderem regelmäßig nach Freiburg pendelte sie für das Training, nahm bis zu dreimal im Monat für vier Tage im Deutschen Leistungszentrum in Düsseldorf an den Lehrgängen des Bundeskaders teil, spielte auf dem Höhepunkt dieser Zeit alle ein bis zwei Monate auf einem internationalen Turnier, in ganz Europa verteilt. Auch wenn sie von den vielen Ländern letztendlich jeweils nur den Flughafen sah und die Halle, in der gespielt wurde.

Von der Zeller Realschule erhielt sie jede erdenkliche Unterstützung, »ohne dass mir aber etwas geschenkt worden wäre«, unterstreicht die junge Frau mit leisem Stolz. Freundinnen faxten ihr Schulunterlagen ins Trainingslager nach Düsseldorf, verpasste Klausuren durfte sie in Absprache mit den Lehrern nachschreiben. Ein Jahr in einem Freiburger Sportinternat folgte, in Wolfach legte sie dann ihr Abitur ab. Mit der Note 2,1 – trotz der enormen Beanspruchung durch das Tischtennis.

»Heute frage ich mich manchmal schon, wie ich das alles geschafft habe«, meint die junge Frau, und doch bereut sie ihre Jugendzeit nicht, »das war alles gut so.« So stressig es teils auch gewesen sei, Hochleistungssport und Schule unter einen Hut zu bringen. Hinzu kam der Leistungsdruck, um auf internationalen Turnieren und in der Nationalmannschaft spielen zu dürfen.

Konkurrenz aus China

»Es ist ein sehr, sehr harter Weg, im Tischtennis an die Spitze zu kommen und da Geld zu verdienen«, betont sie. Weswegen für sie in der Entscheidungsphase schnell klar war: »Ab 18 mache ich das nur noch nebenher im Verein, als Hobby.« So handhaben es die meisten, die mit ihr in der Nationalmannschaft gespielt haben, weiß das Ausnahmetalent.

Weiß auch: Von einem Jahrgang gibt es vielleicht ein oder zwei Spielerinnen, die versuchen, den Profiweg zumindest ein paar Jahre lang zu gehen. Ob sie dann aber auch tatsächlich ganz nach oben kommen, ist eine andere Frage. Nicht zuletzt der Chinesinnen wegen, die mit deutschem Pass in deutschen Vereinen spielen. Denn die Chinesen, »die sind im Tischtennis einfach die besten«, so die Insiderin, »an die heranzukommen ist extrem schwer.«

Warum dem so ist, hat sie zweimal live in einem Trainingslager in China erlebt. Einmal mit elf und einmal mit 15 Jahren, zunächst mit dem Baden-Württemberg-Kader, später mit dem Bundeskader. »Die Kinder gehen zum Teil nicht in den Kindergarten, stattdessen heißt es: Training, Training, Training«, erinnert sie sich an das Erlebte. Erinnert sich an Fünfjährige, die täglich sechs bis acht Stunden Tischtennistraining absolvierten. Die bei schlechter Leistung zur Strafe in die Ecke gestellt oder geschlagen wurden.

»Da geht’s einfach anders zu als in Deutschland, das wäre hier gar nicht erlaubt«, ist die Oberharmersbacherin, die vor ihrem Studium ein Freiwilliges Soziales Jahr in einem Kindergarten ableistete, noch immer entsetzt. Doch nicht nur, dass diese Kinder keine Kindheit haben, wenn sie den Sportweg gehen: »Auch Schule und damit die Bildung fallen flach«, beziehungsweise im wahrsten Sinne des Wortes unter den (Tischtennis-)Tisch.

»Wenn wir in die Schule gehen, können wir vielleicht fünf Stunden am Tag trainieren«, so die junge Deutsche, »in China aber trainieren sie den ganzen Tag.« Mit elf Jahren habe ihre Mannschaft gegen sechsjährige Chinesen im Wettkampf gespielt. »Die waren mit uns ungefähr auf Augenhöhe – das war völlig wahnsinnig.«

Charakterschmiede

Angesichts ihrer Absage an den Profisport freut sich Theresa Lehmann umso mehr, im Mai noch einmal bei einem Turnier auf dem Siegertreppchen gestanden zu haben. Zwar hat sie ihr Studium bereits im Sommer 2018 abgeschlossen, »aber ein Jahr danach darf man noch an den Deutschen Hochschulmeisterschaften teilnehmen.«

Seit Juni arbeitet sie in Offenburg – wobei ihr in den vorherigen Bewerbungsgesprächen als auch nun im Beruf bewusst geworden ist, wie viel sie durch ihren Tischtennissport fürs Leben gelernt hat. Das geht mit Organisation und Zeitplanung los – beides hat sie von klein auf in punkto Hausaufgaben und Kofferpacken gelernt. Hinzu kommen Eigenschaften wie beispielsweise Teamfähigkeit, Zielstrebigkeit, Ordnungsliebe. »Erst jetzt habe ich gemerkt, dass vieles für mich ganz automatisch ist, was es für andere vielleicht nicht ist«, schlussfolgert die rundherum Durchtrainierte und freut sich auf den kommenden Monat, wenn die nächste Spielsaison startet.

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