Ortsmitte ohne Einzelhandel

In aller Stille hat »’s Postfritze« zum Jahresende geschlossen

Es hat sich schnell herumgesprochen: In aller Stille hat Maria Berta Hildegard (»Hildebert«) Boschert zum 31. Dezember 2018 ihr Lebensmittelgeschäft »’s Postfritze« geschlossen. Nach einem schleichenden Niedergang des Einzelhandels ist in der Oberharmersbacher Ortsmitte als einziges Einzelhandels­geschäft nur noch eine Bäckerei übrig geblieben.

Es war abzusehen, dass früher oder später auch »’s Postfritze« nach über einer hundert Jahre währenden Tradition schließen wird. Nicht nur das Problem der Nachfolge ist hier genauso aktuell und problematisch wie beispielsweise im Bereich der Gastronomie. Die Mobilität veränderte das Verbraucherverhalten und hatte schon vor Jahrzehnten in den Dörfern den Einzelhandel in Existenznöte gestürzt. Ein Geschäft nach dem anderen machte die Schotten dicht. Die Nahversorgung ist nur noch eingeschränkt vorhanden. Leidtragende sind ältere und weniger mobile Menschen, die nicht mehr einfach um die Ecke gehen können, um für den alltäglichen Bedarf einzukaufen.

Nahversorgung in den Ortsteilen

Vor einem Jahrhundert zählte Oberharmersbach noch über 30 verschiedene Einzelhandelsgeschäfte, Händler und sonstige Ein- und Verkaufsstellen. Im Bereich der Lebensmittel boten schon länger Bäcker und Metzger ihre Waren an. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts ergänzten und bereicherten »Kolonialwarenhandlungen« das Angebot, nicht nur mit exotischen Nahrungsmitteln, sondern auch mit »Drogen« (Drogerie- und Apothekenartikel).

Das knappe Dutzend Lebensmittelgeschäfte, das sich über die Kriegsjahre hatte retten können, schrumpfte zunehmend. 1972 schloss das Geschäft Stehle im Ortsteil Hub (»Stehli-Beck«), zwei Jahre später die Handlung Brucher in Riersbach (»Pariser Sattler«). 1980 folgte Helene Lehmann im Dorf (»Salzseppe«). 1993 strich Ingrid Hildebrandt ihr Lebensmittelsortiment (»’s Strußmochers«), 1997 hörte die Metzgerei Lehmann auf (»Dorfer Metzg«). 2004 schloss Irene Nock ihre Ladentür zu (»’s Haasers«), 2011 gingen in der Handlung Eppinger die Lichter aus (»’s Lähmonns«), 2013 schloss die Bäckerei/Cafè König (»d’Buhnesbeck«) und 2016 war für die Metzgerei Spinner Schluss (»Obere Metzg«).

Für nicht wenige Oberharmersbacher gehörten in früheren Jahren das Einkaufen ins »’s Postfritze« und der sonntägliche Kirchgang einfach zusammen. Für die Familien in den weitläufigen Seitentälern war dies oft die einzige Möglichkeit, ins Dorf zu kommen, aber auch die zentrale Lage des Lebensmittelgeschäftes unmittelbar neben der Kirche im Dorf hat den Trend nicht stoppen können.

Fast 60 Jahre im Laden Maria Berta Hildegard

Boschert hat sich die Entscheidung, ihr Geschäft zu schließen, nicht leicht gemacht. Nach so langer Zeit falle es einem schwer, loszulassen. »Aber irgendwann muss man die Entscheidung treffen, aufzuhören«, sagt sie bestimmt, obwohl sie sich mit ihren 75 Jahren rüstig und gesund fühlt.

1959 hatte sie ihren beruflichen Werdegang ins »’s Postfritze« begonnen. Sie ging der Besitzerin Pauline Lehmann zu Hand. Nach deren Tod 1979 führte sie das Geschäft mit Lebensmitteln und Textilwaren allein weiter. Fast sechzig Jahre stand Maria Berta Hildegard Boschert hinter dem Tresen, war mit Herzblut bei ihrer Arbeit und bediente freundlich ihre Kundschaft. Nur für jeweils drei bis vier Tage habe sie in all den Jahren ab und an Abstand vom Alltag gewinnen können.

Am 31. Dezember 2018 ratterte zum letzten Mal das Eisengitter an der Eingangstür zu ihrem Ladengeschäft herunter. Es wird etwas fehlen, nach der Schließung des letzten Lebensmittelgeschäftes mitten im Dorf: Es ist um eine Institution ärmer geworden. Das Verschwinden der über ein Jahrhundert so wichtigen und oft abschätzig bezeichneten »Tante-Emma-Läden« ist in Oberharmersbach nunmehr mangels Masse zu einem gewissen traurigen Stillstand gekommen.

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