Von den ersten Siedlern im Zarenreich über Deportation und Zwangsarbeit bis zur Ausreise nach 1989: Die Geschichte der Russlanddeutschen ist geprägt von Hoffnung, Privilegien, Verfolgung und Neubeginn. Eine historische Spurensuche von den Anfängen im 18. Jahrhundert bis in die Gegenwart.
Foto: Repro: Dieter Petri
Foto: Landesarchiv Baden-Württemberg/Hauptstaatsarchiv Stuttgart
Foto: Landesarchiv Baden-Württemberg/Hauptstaatsarchiv Stuttgart
Foto: Landesarchiv Baden-Württemberg/Hauptstaatsarchiv StuttgartDie Russlanddeutschen, die nach 1989 in großer Zahl nach Deutschland kamen, stammen vielfach aus Gebieten, in die sie im Laufe der russischen Geschichte zunächst freiwillig ausgewandert sind und später vertrieben wurden.
Die ersten Deutschen kamen vereinzelt bereits in der Zeit der Reformation und stammten aus dem benachbarten Baltikum. Es handelte sich um Ärzte, Kaufleute, Handwerker und Bauleute. Sie durften ihr lutherisches Bekenntnis behalten, mussten aber in der Vorstadt von Moskau wohnen, worauf die russisch-orthodoxe Kirche Wert legte. Der spätere Zar Peter der Große fand als neugieriger Knabe seine besten Freunde in der deutschen Vorstadt. Als Erwachsener unternahm er inkognito eine Erkundungsreise nach Europa. Als Zar Peter d. Große (Bild 1) gründete er 1703 am Ostrand der Ostsee St. Petersburg und machte die Stadt zu seinem Regierungssitz. Als Leibarzt holte er sich Laurentius Blumentrost an den Hof. Deutschen Einwanderern versprach er bei einer Niederlassung in Moskau fünf Jahre Steuerfreiheit. Wer sich in Städten der Umgebung ansiedelte, sollte zehn Jahre von Steuern befreit sein. Drei Jahre nach Peters Regentschaft gründeten die Deutschen ihre eigene „Petersburger Zeitung“.
Katharina wirbt Bauern an
Wie die Österreicher verfolgten auch die russischen Zaren eine internationale Heiratspolitik. So wurde Zar Peter III. mit einer Deutschen vermählt. Bei seiner Gattin Katharina handelte es sich um eine deutsche Prinzessin von Anhalt-Zerbst. Nach dem Tod ihres Mannes wurde sie Alleinherrscherin mit dem stolzen Titel „Katharina die Große“ (Bild 2). Sie warb insbesondere deutsche Bauern an, um Steppen bei St. Petersburg und Brachland an der unteren Wolga landwirtschaftlich zu nutzen. An der nördlichen Schwarzmeerküste hatte man die osmanische Herrschaft verdrängt und suchte gleichfalls neue Siedler. 1764 folgte eine größere Zahl von Bauern aus Hessen, der Pfalz und Württemberg dem Ruf der deutsch-stämmigen Herrscherin.
Katharina versprach allen Neusiedlern eine freie Ausübung ihrer Religion. Die meisten Einwanderer, etwa drei Viertel, waren evangelisch oder reformiert, etwa ein Viertel katholisch. 1765 kamen Mitglieder „Böhmischer Brüdergemeinden“, „Herrnhuter“ genannt, an die Wolga. Ihre Kolonie Sarepta wurde später durch die Herstellung von Seidentüchern und Baumwollstoffen sowie durch die Unterhaltung von Kurbädern mit Heilwasser bekannt.
100 Kolonien an der Wolga
Jede eingewanderte Familie bekam kostenlos rund 30 Hektar Land zur Bebauung und zur Bestreitung des Lebensunterhaltes. Das Land, das den Neuankömmlingen zugewiesen wurden, gehörte jedoch nicht den einzelnen Familien, sondern blieb im Eigentum der Dorf-Gemeinde. Das Recht zur Nutzung eines Hofgutes ging jeweils auf den jüngsten Sohn über. 1770 gab es an der Wolga etwa 100 deutsche Gemeinschaftsdörfer, Kolonien genannt. Die Gemeinden durften sich weitgehend selbst verwalten, unterstanden daher nicht der staatlichen Gebietsverwaltung, sondern eigens eingerichteten Fürsorgestellen (Tutel-Kanzleien), welche die Neusiedler beraten und unterstützen sollten. Diese Behörde unterstand direkt dem Zaren-Hof.
Keine Leibeigenen mehr
Auch Katharina gewährte den Neusiedlern für eine bestimmte Zeit, in der Regel zehn Jahre, eine Abgabenfreiheit; wenn Ödland urbar zu machen war, betrug die Steuerfreiheit sogar 30 Jahre. Die Neusiedler waren in Russland keine Leibeigene mehr, wie einst in ihrer deutschen Heimat, sondern freie Bürger. Sie durften zum Beispiel Russland auch wieder verlassen, wenn sie mit den Umständen nicht zufrieden waren. Der Wegzug von steuerpflichtigen Bürgern wurde von den deutschen Fürsten nicht gern gesehen. Die katholischen Kurfürsten von Köln, Mainz und Trier versuchten die Abwanderung auch aus religiösen Gründen zu unterbinden – jedoch ohne Erfolg.
Mennoniten am Fluss Dnjepr
1789 machten sich weitere Aussiedler auf den Weg. Sie wurden nicht an der Wolga, sondern am Fluss Dnjepr sesshaft. Dabei handelte es sich um Mennoniten. Ihr Gründer, Menno Simons (1496-1561), hatte die Kindertaufe zugunsten einer Erwachsenen-Taufe abgelehnt. Die Anhänger verweigerten auch den Eid vor Gericht und den Dienst mit der Waffe. Ursprünglich war die Bewegung in den Niederlanden entstanden. Eine Gruppe der Mennoniten zog in das preußische Danzig. Wegen ihrer Wehrdienstverweigerung wurde ihnen dort der Erwerb von Grund und Boden verwehrt. Deswegen zog ein Teil weiter nach Russland, wo sie von der Wehrpflicht befreit waren und es auch keine Eigentumsbeschränkung für sie gab.
Schwaben auf der Krim
Nach Katharina hat Zar Alexander I. (1801-1825) (Bild 3) deutsche Siedler nach Russland geholt. Alexander war der Sohn von Zar Paul I. Seine deutsche Mutter Sophie war die Schwester von König Friedrich I. von Württemberg. Dementsprechend wurden Schwaben angeworben. Die Neusiedler kamen entweder auf dem Landweg über Polen, dem Seeweg über die Ostsee oder auf der Donau ins Land. Für Letztere begann die Reise in Ulm. Ihre Frachtschiffe wurden daher „Ulmer Schachteln“ genannt. Sechs bis sieben Tausend von ihnen ließen sich in der Ukraine, auf der Halbinsel Krim oder nördlich des Kaukasus-Gebirge nieder.
Städte mit deutschen Namen
Allgemein wurde den deutschen Siedlern erlaubt, ihren neu gebildeten Ortschaften deutsche Namen zu geben. Dass sie dabei Städtenamen ihrer einstigen Heimat wählten, zeigte ihre Wehmut. So konnte man in Russland auch nach „Darmstadt, Stuttgart, Karlsruhe, Basel und Straßburg“ gelangen. Andere Bezeichnungen wie „Gnadenflur“ oder „Mariental“ waren eher Ausdruck religiös gestimmter Dankbarkeit. Die evangelischen und katholischen Christen bauten Gotteshäuser, die den Kirchen ihrer deutschen Heimat ähnlich waren. Die Mennoniten (Brüdergemeinden) begnügten sich ihrer Tradition entsprechend mit einem Predigtsaal.
Napoleon scheitert
Die deutschen Siedlungen unterhielten eigene Schulen. Die Ausbildung der Lehrkräfte erfolgte in deutschsprachigen Zentralschulen. Als sich im 19. Jahrhundert auch in Russland wie in anderen europäischen Ländern der Nationalismus breit machte, musste jedoch in russischer Sprache unterrichtet werden.
Die Großwetterlage in Russland wurde zur Zeit des Zaren Alexander I. (1801 – 1825) vom Scheitern des Eroberungszuges Napoleons bestimmt. Da es sich dabei um die Großmannssucht eines Franzosen und seiner Heerscharen handelte, blieb die Stimmung der Russen gegenüber den Deutschen im Land davon unberührt.
Vom Nationalismus zum Kommunismus
Als in Deutschland 1870/71 das Deutsche Reich neu gegründet wurde, erwachte auch in Russland ein nationalistischer Geist, der Zugeständnisse an völkische Minderheiten widerrief. Fortan durfte in den Schulen der Deutschen nicht mehr Deutsch gesprochen werden. An deren Stelle musste die russische Landessprache treten. Auch die Befreiung der deutschen Männer von der Wehrpflicht wurde aufgehoben. Dafür wurde es ihnen, von Zar Alexander III., freigestellt, Russland zu verlassen. In der Folge beschlossen 300 000 Russlanddeutsche ihre Auswanderung. Sie zogen jedoch nicht in das Deutsche Reich, sondern suchten sich in Amerika eine neue Heimat. Wolgadeutsche wanderten nach Argentinien und Brasilien, Schwarzmeerdeutsche in die USA und Mennoniten nach Kanada und Paraguay.
Bolschewiken übernehmen
Gegen Ende des Ersten Weltkrieges geriet Russland in die Hände kommunistischer Revolutionäre. Mit der Ermordung von Zar Nikolaus II., 1918, machten die Bolschewiken der Zarenherrschaft ein Ende. Die einzelnen Provinzen wurden als Autonome Sozialistische Republiken Teile der Sowjetunion, so auch das Land an der Wolga. In ihm stellten die Deutschen mit etwa 100 Kolonien zwei Drittel der Bevölkerung; nur 20 Prozent der Bevölkerung waren Russen.
Als die Kommunisten die selbständigen Bauern in gemeinschaftlich wirtschaftende Kolchosen zwangen, zogen 14.000 deutsche Bauern nach Moskau, um dagegen zu protestieren. Ohne Erfolg. Der folgende Wunsch nach Auswanderung wurde ihnen größtenteils versagt. Fortan galten die Deutschen gar als Vaterlandsverräter.
Die Abschaffung des landwirtschaftlichen Privateigentums und die Überführung der Privatgüter in Kolchosen und der Staatsgüter in Sowchosen führte im Winter 1920/21 zu einer russlandweiten Hungerkatastrophe, die durch Hilfslieferungen aus dem Westen gemildert werden musste.
Der Hitler-Stalin-Pakt
Am 24. August 1939 sicherten sich Hitler und Stalin den gegenseitigen Nichtangriff zu. Anschließend marschierten beide in Polen ein, der eine von Westen, der andere von Osten. Gegen das Versprechen drangen die Deutschen unter Adolf Hitler im Juni 1941 in Russland ein. Von da an galten die Russlanddeutschen als mögliche Kollaborateure des deutschen Aggressors. Im August 1941 ordnete der Kreml die sofortige militärische Evakuierung der Wolga-Deutschen nach Osten an. Zugewiesen wurde das Umland der Städte Omsk und Nowosibirsk in Sibirien, die kasachische Stadt Karaganda und das Vorland des Altai-Gebirges, das an die Mongolei grenzt. Die Entfernungen von der Wolga betrugen bis zu 4.00 Kilometer. 375.000 russland-deutsche Männer wurden in Zwangsarbeitslager der „Trudarmee“ gesperrt.
Wunsch nach Rückkehr wächst
Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden die Verschleppungen bei nichtdeutschen Minderheiten rückgängig gemacht, nicht jedoch bei den Deutschen. Nach einem Erlass des Präsidiums des Obersten Sowjets der UdSSR von 1948 drohte bei einer Rückkehr in die früheren Wohngebiete eine Bestrafung mit zwanzigjähriger Zwangsarbeit. Mit fünf Jahren Gefängnis wurde belegt, wer widerrechtliche Rückkehrer begünstigte oder beherbergte. Diese Maßnahme führte bei vielen Russlanddeutschen zu einer nachhaltigen Verbitterung und dem Wunsch nach einer Rückkehr in die deutsche Heimat ihrer einstigen Vorfahren, sobald sich dazu eine Gelegenheit auftun würde.
Wer unter Breschnew öffentlich für das Recht auf eine Ausreise nach Deutschland demonstrierte, musste mit dem Verlust des Arbeitsplatzes, einer Hausdurchsuchung oder einer anderen Schikane rechnen.
November 1989 – die Wende
Erst unter Gorbatschow, ab November 1989, durften Russlanddeutsche legal ausreisen. Auch für die, welche bleiben wollten, wurden Maßnahmen genehmigt, die sie zum Bleiben veranlassen sollten. Beispielsweise durfte für die 160.000 Deutschen in der sibirischen Millionenstadt Omsk eine evangelisch-lutherische Kirche mit Gemeinschaftszentrum erbaut werden. Am Auswanderungswunsch vieler Russlanddeutscher änderten solche Maßnahmen jedoch nichts mehr.
2001 wurden die rund 100.000 in die BRD zurückgekehrten Russlanddeutschen vorrangig auf die Bundesländer Nordrhein-Westfalen (22 Prozent) Bayern (14 Prozent) und Baden-Württemberg (12 Prozent) verteilt. Ein vorrangiger Gesichtspunkt war dabei die bessere Wirtschaftskraft dieser Bundesländer.
Literatur:
Russlanddeutsche gestern und heute. Herausgeber. Bundesinnenministerium 2002.
In Zusammenarbeit mit der „Landsmannschaft der Deutschen aus Russland e. V.“
Der Lohn für die Treue.
Geschichte der Wolgadeutschen. Von Robert Korn
Heimatbuch der Stadt Korntal (1969)
Die Brüdergemeinde von Korntal
1816/17 wollten 500 schwäbische Familien über die Donau nach Tiflis im Kaukasus ziehen, um dort Siedlungen zu errichten. Die württembergische Regierung verweigerte jedoch die Ausreise. 1819 kam der württembergische König Wilhelm der frommen Sondergruppe in gewisser Weise entgegen. Sie durften auf der Gemarkung Korntal bei Stuttgart das Hofgut zweier Grafen erwerben und dort eine eigene religiöse und politisch selbständige Gemeinde gründen.
Reformen abgelehnt
Auslöser für das Auswanderungsbegehren der Brüder war ihre Ablehnung gottesdienstlicher Reformen in der württembergischen Landeskirche, unter anderem die Einführung eines neuen evangelischen Gesangbuchs. Auch beim Schwören vor Gericht durften sie nach biblischem Gehorsam die Anrufung des Namens Gottes unterlassen. Es genügte, wenn sie dabei wortlos die Hand hoben. Nicht erlaubt wurde ihnen die Einführung eines gemeinsamen Eigentums anstelle des privaten Eigentums, wie es vorgeblich von den ersten Christen praktiziert wurde (vgl. Apg 2,24).
Hatten die frühen Christen die baldige Wiederkunft Jesu Christi zum letzten Gericht erwartet, so sagte einer der pietistischen Propheten dies für das Jahr 1836 voraus. Zwar gab es in der Gemeinde einen weltlichen und einen religiösen Leiter, die Entscheidungen sollten aber durch Abstimmungen der Gemeindemitglieder gefällt werden. Zur religiös verwandten Herrnhuter Brüdergemeinde wurden Kontakte gepflegt.
Die Gemeinde in Korntal errichtete für Knaben eine Lateinschule und für Mädchen eine Haushaltungsschule. Auch ein Kindergarten, ein Altersheim und ein kleines Krankenhaus wurden gebaut. Die heutige Landwirtschaftliche Hochschule Hohenheim geht auf die Initiative der Brüdergemeinde Korntal zurück.
Spuren in Stuttgart
An die einstige Verbindung Württembergs mit Russland erinnert in Stuttgart das Katharinenstift, ein Gymnasium für Mädchen, und das Katharinen-Hospital. Katharina war eine russische Großfürstin und Zarentochter aus dem russisch-deutschen Haus Romanow-Holstein-Gottorp. Sie heiratete in zweiter Ehe ihren Cousin, den Kronprinzen und späteren König Wilhelm von Württemberg (1781-1864). Zur Unterstützung der Armen gründete sie einen Wohltätigkeitsverein für bürgerliche Frauen.
Auch das Olga-Hospital in Stuttgart weist auf eine russische Wohltäterin hin. Königin Olga war die Tochter von Zar Nikolaus I. (1796-1855) und der deutschen Mutter Charlotte von Preußen. Olga wurde vermählt mit dem württembergischen Thronfolger und späteren König Karl I. von Württemberg. Sie unterstützte die Ausbildung von Krankenschwestern, „Olga-Schwestern“ genannt, und den Bau eines Krankenhauses.





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