Das letzte Kriegsjahr in Oberharmersbach

Auszüge aus dem Tagebuch von Pfarrer Johann Busse, Seelsorger in der Pfarrei St. Gallus – Vor 100 Jahren war endlich nach über vier Jahren wieder Frieden eingekehrt

Von 1911 bis 1927 war Pfarrer Johann Busse Seelsorger in der Pfarrei St. Gallus. In diesen Jahren führte er Tagebuch, vor allem über die Jahre des Ersten Weltkrieges. Akribisch notierte er die Meldungen der Gefallenen (auch mit deren tödlichen Verletzungen) oder Vermissten, schilderte die wirtschaftliche Not, die der Bevölkerung herbe Entbehrungen auferlegte, und hatte auch ein Ohr für die Stimmung, die sich von Jahr zu Jahr verschlechterte.

(Die hellgrau gedruckten Textstellen sind aus seinem Tagebuch; ebenso die Zahlen, ergänzt mit Berichten aus der »Schwarzwälder Post« und Auflistungen des Gemeindearchivs).

Vor 100 Jahren war endlich nach über vier Jahren wieder Frieden eingekehrt – äußerlich zumindest seit dem Waffenstillstand am 11.11.1918, doch die physischen und psychischen Wunden sollten noch lange schmerzen. Hüben wie drüben stiegen damals an jenem Tag die Soldaten aus ihren Schützengräben, in denen sie unter erbärmlichen Umständen jahrelang gehaust hatten. Wer in der Lage war, machte sich auf den Weg zurück in die Heimat.

Die Kriegsjahre hatten die Menschen gezeichnet. Zurück blieben nach dieser »Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts«, wie der US-Diplomat George F. Kennan den Ersten Weltkrieg bezeichnet hatte, verstümmelte und traumatisierte Soldaten sowie zerrissene Familien. Und Politiker wie Militärs, die, anscheinend unbelehrbar, schon wieder anfingen, an der Lunte zu zündeln für die nächste, noch größere Katastrophe.

Die Moral, bei Soldaten und Zivilbevölkerung gleichermaßen, lag schon länger am Boden. Von der anfänglichen Euphorie, für »Gott, Kaiser und Vaterland« in den Krieg zu ziehen und sogar dafür zu sterben, war nicht mehr viel zu spüren, sofern sie überhaupt so verbreitet war und die Massen begeisterte hatte, wie die Propaganda das immer darzustellen versuchte. Die ersten Meldungen über Gefallene zeichneten in allen Schattierungen ein Bild über die Brutalität des Krieges im Zeitalter der Materialschlachten und der verheerenden Wirkungen der erstmals breit eingesetzten Waffensysteme (Zeppeline und Flugzeuge, große Kreuzer und U-Boote, Maschinengewehre und schwere Artillerie, Tanks als Vorläufer der Panzer und vor allem der Einsatz von Gas).
Mit der Dauer des Krieges wuchsen die Entbehrungen. Anfangs spendete man noch gerne – das war gute vaterländische Pflicht, auch als vermeintliche Unterstützung der Soldaten an der Front.  Für Kriegskredite stellte die Bevölkerung insgesamt 1.200.000 Mark zur Verfügung, die politische Gemeinde bot insgesamt 650.000 Mark auf, selbst für die Pfarrei ließ Pfarrer Johann Busse rund 6.000 Mark aus dem Bau- und Kirchenfond anlegen (für die versprochene Rendite von fünf Prozent – im Falle eines Sieges). Rohstoffe aus dem Haushalt für die Rüstungsindustrie (z.B. das »Kupferschiff« auf dem Holzherd in der Küche gegen ein Schiff aus Emaille) halfen der Rüstungsindustrie.

Nicht wenige waren – damals schon – allerdings nicht damit einverstanden, dass in der Nacht vom 30. April auf den 1. Mai 1916 die Uhr um eine Stunde vorgestellt und damit erstmals die Sommerzeit eingeführt wurde – genauso wie heute – ohne entscheidenden Einspareffekt.

Dann raubte der Krieg die Orgel in der Pfarrkirche aus und die Glocken aus dem Kirchturm, die Seeblockade schlug voll durch. Viele vertraute Dinge des Alltags waren nur noch für empfindlich höhere Preise zu bekommen. Allenthalben wurde gestohlen, der Schwarzmarkt (em>Schleichhhandel) bestimmte immer spürbarer die Versorgung. Glücklich durfte sich der schätzen, wer über Lebensmittel zum Tausch verfügte – und vor allem über Schnaps.

Die tatsächliche Entwicklung des Krieges an der Front war der Bevölkerung nicht mehr zu verheimlichen. Unmissverständlich belegten die hohen Verlustzahlen, wie es um den viel beschworenen Sieg tatsächlich stand. Bereits Achtzehnjährige wurden über den

Jahreswechsel 1917/18 eingezogen, auch ältere Familienväter; nicht zuletzt dadurch verloren die Durchhalteparolen der Militärs immer mehr ihre Überzeugungskraft.

Nach und nach bröckelte die Heimatfront, schließlich immer schneller. Schilderungen über Hungerrevolten in den größeren Städten und die Fronterlebnisse der auf Heimaturlaub weilenden Soldaten beschleunigten diesen Erosionsprozess. Die früher rauschenden Feste an Großherzogs oder Kaisers Geburtstag verzeichneten immer weniger Teilnehmer, gerade auch bei den auf Heimaturlaub weilenden Soldaten. Sammlungen brachten nur noch kümmerliche Ergebnisse. Feldmarschall Hindenburg, damals mit General Ludendorff die Oberste Heeresleitung (OHL) und »heimliche Regierung« (besser: Militärdiktatur) des Deutschen Reichs, gab zum Jahreswechsel 1917/1918 eine weitere Durchhalteparole heraus: Der Segen Gottes ruhte 1917 auf unseren Waffen; er wird 1918 unsere gerechte Sache zu einem guten Ende führen. Dumm nur, dass die Politiker, Militärs und die Zivilbevölkerung auf der anderen Seite der Fronten ihre Sache für ebenso gerecht hielten und denselben Gott »um ein gutes Ende« anflehten.

Kurzum: Alle sind des Krieges überdrüssig im höchsten Grade, wie Pfarrer Johann Busse in seinem Tagebuch schon 1917 vermerkte. Die Stimmung verschlechterte sich rapide. Kein Wunder: die Grundversorgung mit Lebensmitteln geriet immer mehr in Gefahr und war auf einem extrem niedrigen Niveau angelangt. Vollmilch erhielten nur noch Kinder unter sechs Jahren sowie stillende Mütter und Schwangere in den letzten drei Monaten vor der Geburt. Lebensmittel waren rationiert und wurden nur über entsprechende Karten gegen Bezahlung abgegeben. 1917 lag die Zuteilung von Brot pro Kopf und Woche bei 2.000 Gramm. Selbst wer Kartoffeln anbaute, erhielt zuletzt pro Kopf und Tag nur ein halbes Pfund (alles andere war abzuliefern). Jeder Person standen in der Woche zwei Eier und 65 Gramm Butter zu. Die Ration Fleisch wurde auf 1000 Gramm im Monat gekürzt (für die meisten sowieso schon längst unerschwinglich, da wegen fehlender Futtermittel vor allem die Ferkelpreise durch die Decke schossen). Zwei fleischlose Tage in den Gaststätten – dienstags und freitags – waren schon seit September 1916 obligatorisch.

Die Rückmeldungen vom Grabenkrieg im Westen verhießen zu Beginn des Jahres 1918 nichts Gutes: …die Unzufriedenheit, Verärgerung und geradezu Erbitterung der älteren Leute über die geringe Leistungsfähigkeit der jungen Leute. Letztere hätten keine rechte Disziplin und wenns gilt, strecken sie die Hände in die Höhe oder reißen aus.

Zwar wurde noch einmal im September 1918 die 9. und letzte Kriegsanleihe mit 200.000 Mark gezeichnet, aber selbst den meisten überzeugten Patrioten, zu denen anfangs auch der Oberharmersbacher Pfarrer zählte, waren zwischenzeitlich die Augen aufgegangen. Im August 1918 (nach dem Beginn der »Hunderttageoffensive«, die die erdrückende Überlegenheit der Entente-Mächte Frankreich und Großbritannien zusammen den Truppen der jüngst in den Krieg eingetretenen USA zeigte), äußerte Pfarrer Busse Bedenken, die andere schon länger hegten:  Immer rückwärts müssen unsere Heere, die Übermacht ist ungeheuer, die Überlegenheit der Feinde mit Kriegsmaterial: Tanks, ist so stark, dass sie auch durch die größte Tapferkeit nicht ausgeglichen werden kann. Es wird einem allmählich unheimlich. Wenn es nun dem Winter entgegengeht: uns. Soldaten können doch keinen 5. Winter in den Gräben hausen. Und wenn dieses Unmögliche möglich würde: was dann! Im Frühjahr kann wieder Amerika mit dem größten Erfolg weitere Truppen herüberwerfen. Und dann?

Das letzte Aufbäumen des kaiserlichen Heeres gegen die immer heftigeren Angriffe ließ die Verlustmeldungen nicht abreißen. Zu den zahlreichen Entbehrungen im Alltag kam die Trauer um die 13 Gefallenen und drei Vermissten, die Pfarrer Busse für die gerademal 10 Monate des letzten Kriegsjahres notierte.

Es kam nicht mehr, wie vom Ortspfarrer befürchtet, zum fünften Winter in den Gräben. Die Ereignisse überstürzten sich. Pfarrer Johann Busse notierte einen Waffenstillstandsvertrag nach dem anderen (zwischen den Verbündeten der Mittelmächte auf der einen und der Entente auf der anderen Seite) und schimpfte auf die preußischen Junker, die anscheinend die Küste von Calais bis Petersburg wollten. (Extrem rechtskonservative Kräfte favorisierten bis zuletzt einen »Siegfrieden« mit weitgehend territorialem Zugewinn – so wie es die Gegenseite im Versailler Vertrag dem Deutsche Reich im Juni 1919 diktierte). So könne man keine angenehmen Friedensbedingungen erwarten. Und ihm waren die Offiziere und Geschäftsleute ein Dorn im Auge, die als vermeintliche Vorbilder ihre Schäfchen schon ins Trockene gebracht haben.

Für viele war eine Welt zusammengebrochen: ein Millionen-Heer, das den Krieg nicht gewinnen konnte, ein Kaiser, der durch Sozialdemokraten zum Abdanken gezwungen wurde, Städte, in denen Arbeiter- und Soldatenräte die Herrschaft übernahmen, ein Deutschland, in dem sich eine Republik nach der anderen proklamierte.

In diese allgemeine Unsicherheit platzte eine letzte Todesnachricht. Am letzten Tag des Krieges wurde Steinhauer Johann Georg Nock verletzt und starb am 13. November 1918 im Lazarett in Metz. Der 44 Jahre alte Familienvater hinterließ Frau und drei Kinder zwischen 12¾ und 8 ¾ Jahren.

Den heimkehrenden Soldaten wurde dennoch ein triumphaler Empfang bereitet. Zwei die Dorfstraße überspannende Bögen mit der Aufschrift Herzlich willkommen sowie Dank Euch Ihr mutigen Krieger, herzlich willkommen in der Heimat begrüßten die Überlebenden. Häuser waren geschmückt, ein Requiem erinnerte an die Gefallenen und Vermissten. Der lang ersehnte Frieden war da, die individuelle Not allerdings auch – und blieb für viele noch Jahre bestehen.

Der Krieg hatte seinen Tribut gefordert. Gemustert und eingezogen waren die Jahrgänge 1869-1900. Insgesamt 416 Männer aus Oberharmersbach standen an den Fronten. 35 gerieten in Gefangenschaft, von denen bis 1920 15 noch nicht entlassen waren. 74 Gefallene und 10 Vermisste wurden letzt­endlich gezählt und sind auf dem 1922 errichteten Kriegerdenkmal in Stein gemeißelt (unmittelbar nach Kriegs­ende waren 72 Gefallene und 12 Vermisste registriert; zwei Vermisste wurden jedoch in der Folgezeit von heimkehrenden Soldaten auch als gefallen gemeldet).

20 Kriegerwitwen standen mit 47 unmündigen Kindern alleine da. Die geringen Beihilfen, die die Hinterbliebenen beispielsweise zur Kommunion oder zur Ausbildung erhielten, zehrte die ausufernde Teuerung rasch auf.

25 Elternpaare trauerten um einen oder mehrere Söhne. 31 ehemalige Soldaten waren Rentenempfänger. Sie mussten in einem teilweise demütigenden Papierkrieg um ihre Anerkennung auf Erwerbsunfähigkeit  oder zumindest deren Einschränkung wegen Kriegsverletzungen kämpfen.

Pfarrer Johann Busse zeichnete zum Jahresende 1918 ein düsteres Bild: Das Jahr 1918 hat uns die bittersten Enttäuschungen gebracht, einen Umschwung und Entwicklungsgang des Krieges u.d. Politik, die kein gewöhnlicher Mensch ahnen konnte. Kaiser weg, Könige weg, Landesfürsten weg, die Militärmacht zusammengebrochen, alles wankt und schwankt unter d. Füßen. Was soll noch aus uns werden?

Seine weitere Ursachenforschung schien die Verantwortlichen ausgemacht zu haben: In Eintracht war das Volk seinen Führern gefolgt…Bald begann sich das Misstrauen zu regen…Das Parteiwesen schoss üppig und immer üppiger in die Halme…

Für Pfarrer Johann Busse schien auch bald festzustehen, wer die Schuld an der deutschen Niederlage trägt. Vorurteile und das stets wiederkehrende Ritual, Minderheiten für Not und Unheil verantwortlich zu machen, lenkten wie schon so oft in der Vergangenheit, wider besseren Wissens, den Blick auf die im Deutschen Reich lebenden Juden. So zog er für sich ein einfaches Fazit. Die Auswirkungen seines Gedankengangs, den so viele – in der einen oder anderen Variante abgewandelt oder gar schärfer formuliert – auch verinnerlicht hatten, sollte den weiteren Gang der deutschen Geschichte entscheidend prägen: Die Juden vor allem sind es, die den Lederhandel und die Kleiderstoffe in den Händen halten … Die Juden sind unser Unglück. Manche behaupten, sie haben viel am Krieg verschuldet, sie haben die Verlängerung des Krieges verschuldet, haben die Revolution gemacht (gemeint sind die Gründungen der Arbeiter- und Soldatenräte im November 1918; der Verf.), den Geiz und Habsuchtsschwindel in die Christen hineingesetzt und während des Krieges ungeheure Gewinne gemacht und machen sie jetzt erst recht – und dann schieben sie ihr Geld ins Ausland ab.

Nachwort

Die Weimarer Republik, die auf das zusammengebrochene Kaiserreich folgte, brachte als erste deutsche Demokratie den Menschen einen Grundrechtskatalog (wenn auch nicht in der unverbrüchlichen Garantie wie seit 1949), das Frauenwahlrecht, mit dem Stinnes-Legien-Abkommen die Tarifautonomie und den 8-Stunden-Tag (allerdings sehr bald von den realen wirtschaftlichen Machtverhältnissen »ausgehöhlt«) und vor allem eine Verfassung mit Gewaltenteilung.

Aber diese junge Republik hatte mit schweren Belastungen zu kämpfen. Die Militärs hinterließen ihr die »Dolchstoßlegende« (das Deutsche Reich hätte den Krieg nicht verloren, wenn Streiks und Unruhen in der Heimat das Heer nicht »von hinten erdolcht hätten«), die Wirtschaft war zerrüttet, die Inflation begann zu galoppieren und die Friedensbedingungen der Siegermächte taten mit den harten Auflagen – Reparationen und Gebietsabtretungen – ein Übriges, um Deutschland auf Jahre hinaus zu schwächen.
Die Weimarer Republik hätte mit ihren Neuerungen eine Chance verdient gehabt, aber es wurde ihr nicht gedankt. Dabei funktionierte das politische Gemeinwesen in Zeiten der allmählichen wirtschaftlichen Erholung nach der Währungsreform Mitte der 1920-er Jahre (»Goldene Zwanziger«). Aber es war weitgehend eine Demokratie ohne Demokraten, die sich nicht zu wehren verstand und schließlich unter den Schlägen der radikalen Parteien  zusammenbrach. Die permanente Agitation der Kommunisten, denen immer noch eine Revolution nach stalinistischem Vorbild wie in der damals jungen Sowjetunion vorschwebte, und die ständige Hetze der radikalen Rechten, weit­gehend geduldet vom katholischen Zentrum, und massiv »unterfüttert« mit einer entsprechend monarchisch-konservativen und völkisch orientierten Presse, erwiesen sich alsbald als Totengräber der ersten deutschen Demokratie. Als hier vielen die Augen aufgingen, war es wieder zu spät, um die nächste Katastrophe zu verhindern.

Martin Niemöller, im KZ inhaftiert von 1938 bis 1945, brachte es auf den Punkt:

»Als die Nazis die Kommunisten holten, habe ich geschwiegen, ich war ja kein Kommunist.

Als sie die Sozialdemokraten einsperrten, habe ich geschwiegen, ich war ja kein Sozialdemokrat.

Als sie die Gewerkschafter holten, habe ich geschwiegen, ich war ja kein Gewerkschafter.

Als sie mich holten, gab es keinen mehr, der protestieren konnte.«

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