Weniger gute Erinnerungen

Bei der Räumung des Rathaus-Speichers präsentierten sich einige erstaunliche Facetten 

Auf manchen Speichern schlummert sicher noch die eine oder andere Rarität mit mehr oder weniger großem Erinnerungswert vor sich hin. Wie sich jüngst bei der Räumung des sanierungsbedürftigen Rathauses zeigte, präsentierte der Dachboden durchaus einige erstaun­liche Facetten.

Der Eindruck drängt sich auf, dass hier ein Auszug der Baugeschichte des 1901 fertigstellten Rathauses exemplarisch gesammelt wurde – und der Ortsgeschichte gleich dazu, allerdings nicht unbedingt nach einem erkennbaren Schema. Eher die Annahme »Des kom mer nomol bruche« oder die Einstellung »Ä Hus verliert nix«, waren wohl die Vorgaben, nach denen man unter dem Dachfirst alles Mögliche gebunkert hatte.

Ein Holzherd aus einer früheren Rathaus-Wohnung fand sich dort ebenso wie Kacheln eines abgebrochenen Ofens aus dem Ratszimmer. Akten verstaubten haufenweise in einem Schrank, diese allerdings sortiert und gebündelt, neben unwiederbringlichen Gerichtsprotokollen aus der Endphase der verblichenen Reichstalzeit. Jede Menge Staub bedeckte Fahnen und restliche Ziegel, ausrangierte Schreib- und Rechenmaschinen, alte Schränke und Truhen. Der Rathausspeicher glich eher einer Rumpelkammer als einem Ort geordneter Lagerung und Aufbewahrung.
Mancher jetzt ausgegrabene Fund erinnerte auch ganz konkret an die schlimmste Epoche der Reichs- und Ortsgeschichte. Immerhin wurden die in einer Kiste aufbewahrten Emaille-Schilder und andere mahnende Beispiele der Terrorherrschaft so der Nachwelt erhalten, als ein Teil der nicht weg zu diskutierenden unmittelbaren Vergangenheit.

Das aufbewahrte NSDAP-Schild zeigte damals jedem unmissverständlich an, wer im Rathaus und anderswo seit 1933 das Sagen hatte. Wobei angemerkt werden muss, dass Oberharmersbach mit seiner stockkatholischen Bevölkerung seit jeher fest in der Hand der katholischen Zentrumspartei war – und länger als andernorts. In der Kaiserzeit (1871-1918) und auch in der Weimarer Republik (1919-1933), die den Frauen das Wahlrecht bescherte, fuhr die Zentrumspartei regelmäßig Wahlergebnisse von 70 bis 80 Prozent ein. Erst 1930, unter dem Eindruck der wachsenden wirtschaftlichen Probleme, wurde der politische Katholizismus deutlich gerupft. Aber selbst bei der letzten keineswegs mehr demokratischen Wahl im März 1933 entfielen immer noch 49,6 Prozent der abgegebenen Stimmen auf die Zentrumspartei. Die NSDAP kam auf 44,1 Prozent.

Die Nationalsozialistische Volkswohlfahrt (NSV), deren Emaille-Schild ebenfalls zum Vorschein kam, versuchte mit ihren Hilfsangeboten unter sozialem Anstrich auch den letzten Oberharmerbacher noch zu überzeugen. Der eine oder andere mag von dieser Unterstützung profitiert haben, die in besagter Kiste ebenfalls aufbewahrten roten Sammelbüchsen mit dem Aufdruck »Gau Baden« sprechen für sich. Verstaubt und etwas angerostet, sind sie noch original verplombt – und leer. Die Spendenaufrufe für das Winterhilfswerk verhallten, nicht zuletzt unter dem Eindruck der drohenden Niederlage, ohne große Resonanz. Das Spendenergebnis im Jahre 1944 notierte »…viele Pfennige in der Sammelkasse.« Möglicherweise hat man gar nicht alle Sammelbüchsen ausgeteilt bzw. aufgestellt, sondern diese gleich auf dem Rathausspeicher »entsorgt«. Nur so ist zu erklären, dass die Plomben erhalten blieben.

Sicher sind diese Fund­stücke keinesfalls Gelegenheiten für politisch eindeutig gepolte Schnäppchenjäger. Die Emaile-Schilder könnten, mit anderen Exemplaren aus dieser Epoche, durchaus in einer Ausstellung präsentiert werden, anschauliche Geschichte eben. Es kommt immer darauf an, was man mit diesen symbolträchtigen Erinnerungen bewirken will.

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