Dereinst aus Rüben geschnitzte Leisten

Strohschuhmachen ist harte und penible Arbeit – Inge Brückner beherrscht und liebt sie

Strohschuhe – zur Fasend haben sie Hochkonjunktur. Doch herstellen tut Inge Brückner sie das ganze Jahr über, als Ausgleich zu ihrer Arbeit als Krankenschwester im Oberharmersbacher Hospiz. Schrunden und Hornhaut an den Fingern gehören dazu.

Man nennt sie zwar »Strohschuhe«, hergestellt jedoch werden sie heutzutage meist aus Bast. »Was das ist, wusste ich früher auch nicht«, gesteht Inge Brückner: »Das sind die Fasern zwischen Holz und Rinde, die das Wasser in den Bäumen transportieren.«

Überwiegend von Eiche, Weide und Ulme werde das Material nach dem Fällen der Bäume gewonnen, »früher haben die Bauern die Fasern auch für Seile, Schnüre, grobe Sackstoffe und so weiter verwendet.« Vor allem in wald­reichen Gegenden. »Man hat immer das Material verwendet, das man vor Ort gehabt hat«, weiß Brückner, »und das war ganz oft Stroh oder Maislaub – Strohschuhe, das waren früher Hausschuhe für arme Leut’.«

Beides hingegen ist heutzutage kaum noch erhältlich. Zumindest nicht für die Herstellung jener Schuhe, die für Hästräger unerlässlich sind. Und so gibt es nur noch wenige Fasentszünfte, die die Verwendung von richtigem Stroh vorschreiben. Das nämlich lässt sich nur aus alten Getreidesorten gewinnen, deren Stroh relativ robust ist. Moderne Getreidesorten dagegen sind auf Kornertrag und damit auf schnellwüchsige Halme gezüchtet, die leichter brechen.

Hinzu kommt: Zur Schuhherstellung bestimmtes Stroh darf nicht mit Mähdreschern geerntet werden. Stattdessen müssen die Halme aufwändig mit der Sense geschnitten und die Fruchtstände von Hand gekappt werden. Ganz so also, wie’s früher gang und gebe war.

Auch der Verwendbarkeit von Maislaub stehen die modernen Erntemethoden entgegen. »Der Mais wird schon recht früh gehäckselt. Für die Schuhe benötigt man aber das ausgebildete innere Laub, das die Fruchtkolben umschließt«, erklärt die Nordracherin. Diese relativ weichen Blätter müssen zum einen von Hand geerntet werden. Zum anderen „ist es ganz oft heute auch so, dass dieses Maislaub durch die Witterungsumschwünge von Pilzen befallen und grau wird, dann sieht es halt nimmer schön aus.“

Hier in der Gegend sei an brauchbares Maislaub gar nicht mehr heranzukommen, weiß die 49-Jährige, allenfalls in Elgersweier gäbe es einen Bauern, da könne man noch Glück haben. Doch mit der Ernte wäre es noch lange nicht getan: Die vorsichtig von der Frucht abgeschälten Blätter müssten getrocknet, vor dem Verarbeiten jedoch gewässert werden. Denn die naturgemäß breiten Blätter müssen vor dem Flechten in schmale Streifen zerteilt werden: zu trockenes Laub würde hierbei zerbrechen.

Von der Schwieger­mutter gelernt

»Anschließend ist wieder Trocknen angesagt, das alles ist sehr aufwändig«, erklärt Inge Brückner: »Ich selbst habe Maislaub noch nie verarbeitet, nur mal zugeschaut.« Bast, wie gesagt, verwendet sie. Der muss zunächst zu bis zu sechseinhalb Meter langen Strängen geflochten werden, und zwar sorgsamst, sprich denkbar gleichmäßig. Weil jeder Millimeter Abweichung sich später, beim rundenweisen Aufnähen auf den um den Leisten genähten Stoff, summiert und schließlich zu unschönen und zudem drückenden Dellen und Beulen führt.

Seit zehn bis zwölf Jahren widmet sich die Mutter zweier erwachsener Kinder diesem Hobby. Von der vor zwei Jahren verstorbenen Schwiegermama hat sie es gelernt. »Die hatte sich das selbst beigebracht und 40 Jahre lang Strohschuhe gemacht.«

Dass sie allerdings ihren eigenen Stil entwickelt hat, betont sie. Denn der gelernten Krankenschwester ist es wichtig, dass die Schuhe bequem und warm sind. »Die Leute, für die ich die Schuhe mache, sollen zufrieden sein«, erklärt sie die Hingabe zu ihrem Tun. Deswegen polstert sie die Schuhe sorgfältig aus. Dazu ist sie nach einigem Suchen auf das Abdeckmaterial von Matratzen gestoßen, das sie – zwischen zwei Vlieslagen – als Innensohle verwendet.

Warm soll’s sein und bequem

Beim Aufnähen des Bastzopfes für die Sohle durch diese drei Lagen hindurchzukommen, bis hinunter auf den Leisten, »das braucht richtig Kraft in den Fingern«. Um so mehr, als ein Fingerhut beim Hantieren mit der halbrunden Nadel hinderlich wäre. Stattdessen schiebt sie die Nadel mit dem Fingernagel durch all das, durch das sie hindurch muss. Bricht der Nagel ab, wickelt Inge Brückner sich zur Not ein Stück Alufolie um die Fingerkuppe und klebt ein Pflaster darüber.

Ebenfalls lange gesucht hat sie nach einem geeigneten Faden.»Die Schwiegermama hat reine Baumwolle genommen, aber die reißt irgendwann.« Da bei einem glatten Kunststofffaden die Knoten nicht halten, verwendet Inge Brückner inzwischen gewachsten und in sich gedrehten Kunststoffzwirn. Stich für Stich muss der mit Kraft und Geschick „richtig stramm“ gezogen werden, damit alles hält, in Form bleibt und dem Fuß Halt gibt. Wobei das Aufnähen des Zopfendes in der Enge der angrenzenden Zopflagen eine zusätzliche »Friemelei« bedeutet – sowohl an der Sohle als auch an der Lasche.

Auch das Aufnähen der festen Gummisohle ist alles andere als ein Spaziergang für die Finger. Zumal die als Schutz vor Nässe nach oben geschlagene Zugabe in gleichmäßige Falten verteilt sein will: wie alle anderen Arbeitsschritte auch eine Sache der Erfahrung, des Gefühls und der Liebe zum genauen Arbeiten. Wobei der Strohschuhmacherin ihr Können als versierte Hobby-Schneiderin zugute kommt.

Das macht sich ebenfalls bemerkbar, wenn der Vliesüberstand am Schuh-Einschlupf schließlich abgeschnitten und mit farbigem Stoff umsäumt wird. Möglichst robust und somit scheuerresistent sollte der sein. »Darauf weise ich die Zünfte immer hin, wenn sie bei mir Schuhe bestellen, die den Saum aus dem Stoff ihrer Kostüme haben sollen«, sagt Inge Brückner, auf die Langlebigkeit ihrer Schuhe legt sie viel Wert. Die aber sind beileibe nicht nur närrisches Utensil. »Einige Leute wollen sie als Hausschuhe, und einmal habe ich für eine Physiotherapeutin welche gemacht, die trägt sie in ihrer Praxis.«

Leisten aus Futterrüben

In den Größen 19 bis 48 stellt die passionierte Hand-Arbeiterin ihre Strohschuhe her. Da jede Größe eines eigenen Leistens bedarf, besitzt sie eine stolze Sammlung. »Früher haben sich die Bauern ihre Strohschuhe selber gemacht, das war Winterarbeit«, erzählt sie. Dazu lieh man sich vom Dorfschuster die passenden Leisten. »Oder man schnitzte sie sich selbst aus einer Futterrübe«, weiß sie aus Erzählungen alter Leute. »Aber dann musste man schnell arbeiten, bevor die Rübe anfing zu faulen.«

Insgesamt jeweils 10 bis 13 Stunden benötigt Inge Brückner für ein Paar Schuhe. »Wenn ich einmal Urlaub habe und drei Wochen lang keine Schuhe mache, muss ich das büßen«, lacht die gelernte Krankenschwester, »dann ist die Hornhaut weg und ich krieg Blasen an den Fingern.« Was ihren Spaß an dem Handwerk jedoch nicht trübt. »Das Schöne ist, dass ich dabei von meiner Arbeit im Hospiz abschalten und mich entspannen kann und zum Schluss etwas Fertiges in den Händen halte.

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