Auch im Ruhestand leistet Eberhard Müller noch Entwicklungsarbeit

Über den Senioren-Experten-Service war er jüngst vier Wochen in der Dominikanischen Republik aktiv. Er beriet zu Solaranlagen und Biomasse-Nutzung und stieß Kontakte zu Deutschen Hochschulen an.

„Unsere Aufgabe ist es, unserer Nachwelt, unseren Kindern und Enkelkindern eine lebenswerte Welt zu hinterlassen, und das geht nicht mit Waffengewalt“, sagt Eberhard Müller. Er sagt es eindrücklich, mit für einen kurzen Augenblick beinahe zorniger Miene.

Noch nie hat er es diesbezüglich bei Worten belassen. Vielmehr hat sich der zweifache Vater und vierfache Großvater das gesamte Berufsleben über für praktisch umgesetzten Umwelt- und Naturschutz eingesetzt, sowohl in Deutschland als auch weltweit. Als Rentner handhabt er das noch immer so: Seit dem Jahr 2002 ist der inzwischen 77-Jährige bei dem in Bonn ansässigen Senior-Experten-Service (SES) gemeldet – als Ökologe, Biologe, promovierter Naturwissenschaftler, Bienensachverständiger und als Fachmann für erneuerbare Energien.

SES – das ist laut deren Homepage die größte deutsche Ehrenamtsorganisation für Fach- und Führungskräfte im Ruhestand oder während einer beruflichen Auszeit. Seit 1983 unterstützt sie den Know-How-Transfer in der Entwicklungszusammenarbeit. „SES vermittelt Deutsche zur Beratung in Projekte, die aus Übersee beziehungsweise generell aus dem Ausland angefragt werden“, erläutert Eberhard Müller.

In siebzehn „erfolgreich durchgeführten“ ehrenamtlichen Einsätzen war er in den vergangenen 24 Jahren für den SES unterwegs, für jeweils drei Wochen bis sechs Monate – im Kosovo, in Serbien, Moldawien, Rumänien, Peru, Bulgarien, Kamerun, Armenien, Ghana, Tansania, Laos und Kambodscha. Sein jüngster Einsatz fand heuer vom 04. Februar bis 04. März. statt, in der Dominikanischen Republik.

Wissen nicht „ausgießen“

Seit acht Jahren wohnt Eberhard Müller in Unterharmersbach und damit in der Nähe seiner Tochter – einer Tierärztin, die auf einen Unterharmersbacher Hof geheiratet hat. Geboren wurde er in Stuttgart, als mittleres von acht Kindern. Mit einem Hochbegabtenstipendium der Friedrich-Ebert-Stiftung studierte er Physik, Chemie, Mathematik und Biologie.

Die beiden letztgenannten Disziplinen schloss er mit dem Staatsexamen ab und lehrte sie an berufsbildenden Schulen – ebenso wie Theologie, aufgrund seiner Zusatzausbildung als Religions-Pädagoge. Seit 39 Jahren agiert er überdies als Prädikant, als ehrenamtlicher Pfarrer also.

„Ich mache lieber Entwicklungsarbeit mit Menschen, als dass ich sie mit Wissen abfülle“, betont er, weshalb er bei seinen Entwicklungsdiensten keinen rein technischen Blickwinkel einnimmt: „Entwicklungsarbeit ist für mich ethisch eingebettet in Schöpfungsbewahrung und aktive Friedensarbeit“.

Ein No-Go ist es für ihn in diesem Zusammenhang, vermeintliches Wissen über Menschen auszugießen. Zu behaupten, man wisse alles, sei ein völlig falscher Ansatz von Entwicklungshilfe, moniert er in einer Art, die unbedingte Leidenschaft für sein Tun verrät, „deshalb spreche ich persönlich von EntwicklungsARBEIT.“

1980 bereits hatte er sich – als Lebenszeitbeamter – vom Lehramt beurlauben lassen, um sich über den kenianischen Kirchenrat als Entwicklungsberater für Dorfentwicklung sowie Land- und Meerwirtschaft einzubringen.

Fünf Jahre Papua Neuguinea

Anschließend – bis 1985 – verbrachte er im Auftrag der Evangelisch-Lutherischen Kirche sowie im offiziellen Interesse Deutschlands fünf Jahre mit seiner Familie in Papua-Neuguinea. Dieses Land liegt im Pazifik und wird dem australischen Kontinent zugerechnet. Als bei der Bayerischen Landeskirche angestellter Ökomissionar agierte der fließend englisch (und auch eigenständiges Pidgin) Sprechende dort, war Abteilungsleiter für Dorfentwicklung unter ökologischen und wirtschaftlichen Gesichtspunkten, für Küstenentwicklung, für Meerwirtschaft, für Fischereientwicklung und Subsistenzversorgung.

Subsistenzversorgung? Diese Wirtschaftsform dient der Selbstversorgung und damit – um der Unabhängigkeit willen – der Deckung des Eigenbedarfs einer Familie oder einer Gemeinschaft, eher ohne Gewinn- oder Marktorientierung.

Jene Jahre in Papua-Neuguinea allerdings forderten ihren körperlichen Tribut. „Nicht in den ersten zwei, drei Jahren“, berichtet Eberhard Müller, „aber dann waren meine Frau und ich mehrfach krank.“ Einmal wurden beide heftig von Malaria und Hepatitis erwischt, so dass eine andere Missionsfamilie sich immer wieder der Betreuung des Sohnes und der Tochter annahm. Auch Filiarose spielte dem Ehepaar übel mit – eine durch parasitische Fadenwürmer verursachte tropische Infektionskrankheit, die durch Mücken- oder Bremsenstiche übertragen wird.

Es muss passen

Als Beispiel nennt der für soziale Gerechtigkeit Engagierte eine Projektanfrage aus Kerala in Südindien, „nach dem großen Tsunami im Indischen Meer dort.“ Als Fischerei-Spezialist sollte er zur Beratung herangezogen werden. „Da habe ich zurückgefragt, ob bei dem Projekt auch die Kastenlosen mit einbezogen würden.“ Das aber sei wohl nicht vorgesehen gewesen, erinnert sich Eberhard Müller mit tief gerunzelter Stirn, nur die höheren Mittelstandskasten hätten profitieren sollen: „Da war ich fehl am Platz.“ Kastenlose bilden mit 200 bis 300 Millionen Menschen die unterste Schicht in Indien. In weiten Teilen des Landes erleben sie extreme Diskriminierung, Armut und sexuelle Gewalt.

Bei seinem jüngsten Einsatz in der Dominikanischen Republik hingegen fühlte Eberhard Müller sich goldrichtig. Auftraggeber war die Universidad ISA in Santiago de los Caballeros. Dies ist die zweitgrößte Stadt des von hoher Armut und schwacher Infrastruktur geprägten Karibikstaats mit parlamentarischer Demokratie. Die Universität sei zwar privat, aber nicht elitär ausgerichtet, erläutert der Freiwilligendienstler, „ihre 1000 Studenten erhalten staatlich finanzierte Stipendien.“ Weitere 400 Studenten bildet eine vor zwei Jahren neu gebaute Außenstelle aus, „mit neuen Labors, neuen Geräten und allem Drum und Dran.“

Weiterbildung des Lehrpersonals

Das ISA (Instituto Superior de Agricultura) ist unter anderem spezialisiert auf Agrarwissenschaften und Umweltmanagement. Es bietet Studiengänge in Bereichen wie agronomische Produktion, Agrarökonomie und natürliche Ressourcen an, um die landwirtschaftliche Entwicklung zu fördern. „Dort habe ich einige Vorlesungen und Workshops mit Studenten gemacht, aber der Schwerpunkt meiner Tätigkeit lag auf der Weiterbildung der Professoren, also des Lehrpersonals“, so Eberhard Müller.

Seine Aufgabe sah er darin, den Lehrern und Studenten an der Uni sowie der ganzen Republik klarzumachen, dass man am Klima- und Artenschutz nicht vorbeikomme. „In diesem Rahmen habe ich mit ihnen zusammen dann Schritte definiert, fixiert oder angeregt, damit das, was sie bereits an wirklich guten Ansätzen hatten, nicht im Theoretischen bleibt, sondern praktisch umgesetzt wird.“

Die behandelten Bereiche bezogen sich auf Solaranlagen sowie die Nutzung von Biomasse. Als er über das Thema Solaranlagen zu sprechen beginnt, ist der europäische Solarpreisträger ganz Feuer und Flamme. Die Auszeichnung erhielt er für die praktische Umsetzung seiner eigenen Photovoltaikanlage, Wasserkraft, Thermischer Solaranlage und Biomasseheizung bereits 1994. „Meine erste Sonnenenergieausstellung als Stuttgarter Kreisvorsitzender des Bundes für Natur- und Umweltschutz (BUND) hatte ich im Jahr 1979 gemacht, mit 3000 Besuchern.“ Die Leute hatten sich an die Stirn getippt nach dem Motto „ihr spinnt doch, von wegen Strom vom Dach!“, schmunzelt der Fachmann im Nachhinein.

Solarenergie

Auf seinem Haus in Unterharmersbach stehen vier Anlagen mit 42 kWp: „Ich habe keine Stromrechnung einschließlich Heizung, und unterm Strich krieg´ ich im Jahr noch was raus“, freut er sich und zitiert den Journalisten Franz Alt: „Die Sonne schickt keine Rechnung.“

Das deutsche „Erneuerbare Energien Gesetz“ (EEG) von 2000 sieht er als beispielhaft für die Entwicklungsarbeit weltweit. Auch für die Universidad ISA spielen Solaranlagen eine wichtige Rolle. In dem Karibikstaat wird der Strom vor allem auch für kühlende Klimaanlagen benötigt. Da bei heißer Witterung in der Regel die Sonne scheint, bietet sich der Einsatz von Solaranlagen selbstredend an. Weil aber immer wieder der Strom ausfällt, „habe ich sie auf die Idee gebracht, dass sie die Anlagen unabhängig vom landesweiten Stromnetz betreiben können, als Inselanlagen mit Batterien zum Beispiel.“

Kompostieranlagen und Biogas

Überdies regte er dringend die Nutzung von Biomasse an. Denn wenn man diese ungenutzt verrotten lasse, entstehe klimaschädliches Kohlendioxid (CO2) und Methan, wobei letzteres „80 oder 85 mal schädlicher ist als CO2“. Drei Dinge habe er daher empfohlen, erklärt der Entwicklungsdienstler: Erstens solle man mit Pflanzenschnitt Kompost machen: Zwar entsteht auch hier durch die Zersetzung CO2, „aber dann ist wertvoller Dünger übrig für Pflanzenerde, und dort wird CO2 länger konserviert.“

Zum zweiten empfahl er, das aus Fäkalien entstehende Biogas zur Stromproduktion zu nutzen. Zur Verdeutlichung verweist Eberhard Müller auf die Biogasanlage auf dem Hof seines Unterharmersbacher Schwiegersohnes. Dessen Anlage wird zu knapp der Hälfte mit dem Mist und der Gülle von 70 Milchkühen befüllt, darüber hinaus mit Grasschnitt und Maissilage. Das Gas betreibt einen Generator, der tagein, tagaus läuft.

In der Dominikanischen Republik werde in den flachen Landesteilen viel Reis angebaut, berichtet Eberhard Müller. In den bergigen Teilen hingegen werde meist vielfältige Mischkulturen von Kleinbauern betrieben (mit beispielsweise Papaya, vielen Kartoffelsorten, Bananen, Kaffee), um die ausgeprägten Steilhänge vor Erosion zu schützen. „Wo aber intensiv Kaffee angebaut wird, gibt es Probleme mit der Monokultur, unter anderem durch Schädlingsbefall.“

Die Universität ISA will Landwirten nun die Nutzung kleiner Biogas- und Kompostanlagen nahebringen. „Noch während ich dort war, haben wir gemeinsam mit einer Firma einen Standort für eine Biogasanlage ausgesucht“, erzählt Eberhard Müller. So können die jungen Studenten, die in der Regel Agrarbetriebe ihrer Eltern übernehmen, das Prozedere lernen. In der Hoffnung, dass sie in ihren Dörfern als Multiplikatoren wirken. Mit dem Doppelnutzen, dass Biogas zum einen der Energiegewinnung dient, zum anderen ist das dabei entstehende vergorene Substrat als Dünger pflanzen- und bodenverträglicher als die direkte Ausbringung von Mist und Gülle.

Holzkohle zur Klimarettung

Als dritten wichtigen Punkt empfahl der Fachmann, aus Biomasse wie beispielsweise Holz oder Kokosnussschalen durch Pyrolyse Holzkohle herzustellen. Denn: Verrottet das Holz „einfach so“, dann entstehen die genannten klimaschädlichen Gase. Wird das Holz verbrannt, „gehen die Gase noch schneller in die Luft.“ Die bei der Pyrolyse entstehenden Gase und Öle hingegen können energetisch verwertet werden, die Holzkohle selbst besteht aus reinem Kohlenstoff, „da steckt das CO2 drin, ist also erst mal gebunden.“

Die Holzkohle soll jedoch nicht verbrannt werden: Ob ihrer großen Oberfläche, an der Schmutzpartikel und Fremdstoffe haften können, kann sie in den unterschiedlichsten Filtern eingesetzt werden, wie beispielsweise bei der Trinkwasseraufbereitung oder bei Abzügen. Neben ihrer technischen Verwendung kann sie in der Landwirtschaft zur Bodenverbesserung eingesetzt werden, da sie Wasser speichert – aber auch Nährstoffe, was durch deren verzögerte Freigabe Überdüngung entgegenwirkt. Und vor allem: Weil der Abbau von Holzkohle 20 bis 30 Jahre dauert, wird das in ihr gespeicherte CO2 nur sehr langsam freigesetzt.
„Wenn es eine Klimarettung gibt, dann ist Holzkohle der Weg“, meint Eberhard Müller. Da in der Dominikanischen Republik dieser Weg noch nicht beschritten wird, die Hochschule Offenburg jedoch daran arbeitet, hat er deren Zusammenarbeit mit der Universidad ISA angeregt.

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