Das Problem mit der wilden Wutz

Flurschäden und Bedrohung durch Afrikanische Schweinepest: Schwarzwild wird derzeit verstärkt bejagt

Jüngst fanden Drückjagden auf Wildschweine statt, um den überhand gewordenen Bestand mit entsprechenden Schadensbildern zu regulieren. Auch die Afrikanische Schweinepest bereitet Sorgen.

»Gerade im Grenzbereich zwischen Nordrach und Ober­harmersbach halten sich viele Wildschweine auf«, weiß Bernd Zimmermann und zeigt ein Foto von entsprechenden Schäden auf dem Grünland: Auf der Suche nach Insekten haben Schwarzkittel-Rüssel die Grasnarbe tiefgründig umgepflügt.

»Das Ausmaß des Schadens war zirka einen Hektar groß«, berichtet Bernd Zimmermann. Bei einem solchen Schaden könne das Gras nicht mehr als Futter für die Viehhaltung verwendet werden – die Fläche müsse eingeebnet und gemulcht werden, damit sich wieder eine geschlossene, feste Grasdecke bilde.

Der Oberharmersbacher kennt sich aus: Er ist Vorsitzender der örtlichen Jagdgenossenschaft. Diese vertritt Eigentümer von Wäldern und Wiesen und führt in deren Auftrag die Verpachtung des Jagdrechts an Jäger durch. In der letzten Versammlung wies der Vorsitzende darauf hin, dass die Jäger aktiver auf die Schwarzwildbejagung eingehen sollten. Eben wegen der Schäden. Aber auch vorsorglich, wegen der Afrikanischen Schweinepest (ASP).

Für den Menschen ungefährlich, aber …

Für den Menschen zwar (auch beim Verzehr von infiziertem Fleisch) sowie für andere Haustiere ungefährlich, hat ASP im letzten Jahr die Notschlachtung immenser Hausschwein-Bestände in China erfordert, ist nach Europa eingeschleppt worden, hat sich hier vor allem in den östlichen Gebieten ausgebreitet und bedroht nun auch Deutschland. Vor wenigen Tagen erst fand man ein an dem Virus verendetes Wildschwein in Polen, nur 40 Kilometer von der deutschen Grenze entfernt. Wildschweine sind Überträger des auch für Hausschweine tödlichen und extrem ansteckenden Erregers.

Wenngleich Bernd Zimmermann die Minimierung der Wildschweinbestände fordert, mahnt er zu Augenmaß. Wegen der unterschiedlichen Ansichten von Förstern und Jägern. Da ein Förster waldbauliche Ziele verfolge, sei ihm der von Wild verursachte Verbiss an Pflanzen ein Dorn im Auge. »Somit werden Sie von einem Förster grundsätzlich das Feedback kriegen, dass viel zu wenig geschossen wird«, meint der 40-Jährige.

Ein Jäger wiederum verbringe viel Zeit – »Freizeit, muss man sagen« – damit, das Wild aufzuspüren. Wobei gerade die Bejagung von Schwarzwild schwierig ist. Denn über den Tag oder über die Nacht kann es 60 bis 80 Kilometer zurücklegen. Dementsprechend gering ist die Wahrscheinlichkeit, die wilde Wuz in der nächsten Nacht wieder an der Stelle anzutreffen, an der es in der Nacht zuvor Schaden angerichtet hat. Bernd Zimmermann: »Meistens vergehen zwei bis drei Wochen, bis die Rotte wieder zurückkommt auf dem Weg durch ihr Gebiet, in dem sie aktiv ist.«

Hege- und Pflege­aufgabe der Jäger

Kurzum: Während ein Förster oftmals der Meinung sei, der Jäger mache zu wenig, so sehe letzterer den mit der Jagd verbundenen Zeitaufwand – »beides muss man in der Waagschale halten«, resümiert der Jagdgenossenschaftler. Und appelliert an die Bevölkerung, das Tun der Jäger zu respektieren. Denn diese haben die Aufgabe des Hegens und Pflegens des Wildbestandes generell. »Der Jäger schießt auch kranke Tiere und übernimmt so die natürliche Auslese, die früher durch den Wolf und den Bär erfolgt ist«, verdeutlicht Bernd Zimmermann.

Doch zurück zum Wildschwein. Nicht nur mit Einzelabschüssen versucht man dem überbordenden Bestand Herr zu werden, sondern auch mit den jüngst durchgeführten Drückjagden – nun, da die Bäume ihr in diesem Jahr lange getragenes Laub schließlich doch noch verloren haben und im Wald bessere Sicht herrscht.

Bei einer Drückjagd gehen Treiber ruhig durch ein zuvor festgelegtes Gebiet, um das Wild langsam aus der Deckung zu drücken, in Richtung der Schützen in Bewegung zu bringen.

Paradiesische Zustände für Schwarzkittel

Eine solche Treibjagd war in Oberharmersbachs Nachbarort Nordrach schon im September gefordert worden. »Aber solange es im Wald noch so grün war, hatten wir einfach kein Schussfeld«, erklärt der für Nordrach zuständige Förster Josef Nolle. Und betont, dass das Schwarzwild mittlerweile selbst in den Hochlagen des Schwarzwalds zu finden sei, »das war früher eine absolute Seltenheit.«

Warum aber haben sich die wehrhaften und überdies schlauen Borstentiere, die in »Rotten« genannten Gemeinschaften leben, derart vermehrt? Nun: Natürliche Feinde gibt es nicht, und das Nahrungsangebot ist sehr gut. Auch, weil sich die Zahl der Mastjahre der Bäume, die im Wald Nahrung in Form von Bucheckern und Eicheln bringen, erhöht hat. Esskastanien tun ihr Übriges. »Als Ausgleich für die immense Stärkeaufnahme brauchen die Wildschweine Engerlinge, die sie aus den Wiesen ausgraben«, meint Nolle.

Doch es sind nicht nur diese dicken, weißen Larven, auf die es die Schwarzkittel abgesehen haben. »Durch die Klimawandel bedingte Wärme haben wir in den vergangenen Jahren eine Zunahme mancher Insektenarten im Boden beobachtet«, erklärt der Förster, »es gibt deutlich mehr Grillen und Zikaden, und das ist alles Futter für die Säue.«

Das Wildschwein

Der Paarhufer stellt die Stammform des Hausschweins dar. Ein erwachsenes Tier kann eine Schulterhöhe von 1,20 Metern, eine Länge von bis zu zwei Metern und in Europa ein Gewicht von bis zu 100 Kilo erreichen. Ursprünglich von Westeuropa bis Südostasien heimisch, sind die anpassungsfähigen Allesfresser inzwischen nahezu weltweit verbreitet. Wegen milder Winter, Futter im Überfluss und vieler neuer Verstecke insbesondere durch den zunehmenden Maisanbau haben sich die Populationen in den vergangenen Jahrzehnten vervielfacht.

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