»Das ist wie ’ne Kur«

Bis zu 3.000 Stoffteile: Christel Baumann patchworked und quilted mit tief entspannender Leidenschaft

Zu den Zutaten für Christel Baumanns Patchwork-Hobby gehören Fantasie und Akkuratesse. Unter anderem an einem XXL-Stoffbild arbeitet sie – seit fast 30 Jahren. Passend zur Osterzeit geht es dabei teils wunderbar bunt zu.

Gleich neben Christel Baumanns Wohnungseingang hängt ein etwa 60 mal 60 Zentimeter großes, gerahmtes Bild. Ein grafischer Fotodruck von Würfeln, könnte man meinen. Tatsächlich jedoch handelt es sich um eine Patchworkarbeit – so geschickt aus unterschiedlichsten, kleinen Stoffteilen zusammengenäht, dass die Würfel dreidimensional wirken.

Bis zu mehrere Quadratmeter groß hingegen die vielen kunstvollen Quilt-Decken, die in einem Holzschrank verstaut sind. Denn die zweifache Großmutter verkauft ihre Werke nicht, verschenkt sie allenfalls an Herzensmenschen. Lediglich eine Ausstellung könnte sie sich einmal vorstellen.

Die Motive könnten unterschiedlicher nicht sein. Darunter ein Jahreskalender mit zwölf fantasievoll genähten Bildern, die jeweils ihre eigene Geschichte erzählen. Oder ein – jawohl! – digitaler Ton im Riesenformat. Oder eine Weltkarte mit zusätzlich applizierten, für den jeweiligen Kontinent typischen Tieren – als Geschenk für ihren Gatten, einen einstigen Berufspiloten. Oder eine riesige, von der Abendsonne angestrahlte Himmelswolke.

Auch ein Einhorn hat die 60-Jährige geschaffen. »Eigentlich ist ein Einhorn ja weiß«, erzählt die Spring- und Westernreiterin, die bis vor Kurzem noch ein eigenes Pferd besaß. »Aber dieses Einhorn trabt über eine vom Mond beschienene Wiese, deren Blumen sich auf seinem Fell spiegeln.«

Immer mit Sinn

Hinter all ihren Arbeiten stecke ein Sinn, »und ich entwerfe alles selbst«, freut sich Christel Baumann über ein Staunen, aus dem der Betrachter kaum herauskommt. Denn auch, wenn die hoch kreative Stoffkünstlerin in ihrer Bescheidenheit keinesfalls als etwas Besonderes herausgestellt werden will – »es gibt viele, die Patchwork machen« – so geht sie doch auf ihre ganz eigene Art und Weise an das Hobby heran. Wobei sie zu den bereits bestehenden durchaus auch eigene Techniken entwickelt. Und sich ihrem Tun mit unbedingter Liebe und Hingabe widmet.

Auch hochgradige Akku­ratesse gehört dazu. »Wenn ich viel Stoff habe, der zusammentrifft, dann verschiebt sich schon mal eine Naht. Aber ansonsten sollte es natürlich akkurat sein«, erklärt die Unterharmersbacherin, die Quilts mit bis zu sage und schreibe 3.000 teils winzigen Stoffteilen herstellt, »wenn ich da bei jedem
Teil um einen Millimeter danebenliege, und das mal 3.000, dann ist am Ende alles schief.«

Viel Zeit und Geduld benötigt sie zudem für ihr Hobby – brauchte es doch alleine sechs Wochen, um unter einer Unmenge von Blumen das Auge für das Einhorn zu finden, »damit es einen warmen Blick hat.« Diese Zeitspanne ist allerdings nichts gegen die nahezu 30 Jahre, die Christel Baumann an ihrem »Lebenswerk« arbeitet, einem Landschaftsbild, das eng mit ihrer Lebensgeschichte verwoben ist.

Bezug zur Lebensgeschichte

»Da arbeite ich immer mal wieder dran und leg’s dann wieder weg damit ich bloß nichts versaue«, erklärt die Künstlerin und erzählt: Die für besagte Landschaft verwendeten Stoffe hat sie alle­samt vor drei Jahrzehnten in den USA gekauft, in Texas. Dort lebte sie eine Weile mit ihrem heutigen Mann, pendelte ihrer beider Kinder aus erster Ehe wegen zwischen Deutschland und Austin hin und her. Und dort trat sie eines Tages in eines der vielen kleinen Stoffgeschäfte, in denen sich Frauen zum Patchworken und Quilten trafen und die die Deutsche trotz ihrer »damals miserablen« Englischkenntnisse sofort in ihren Kreis aufnahmen. Und die sich über jeden erneuten Besuch Christel Baumanns freuten, über »the crazy lady aus Germany«, wie sich die Agile lachend erinnert.

Quilten bedeutet, dass als Zwischenlage ein wärmendes Vlies unter der Patchworkarbeit fixiert wird und darunter ein Rückseitenstoff. Mit kleinen Quiltstichen werden die drei Lagen dann so zusammengenäht, das verschiedene, dreidimensionale Muster entstehen.

Das Quilten

Der Ursprung dieser Kunst liegt entweder in China oder im Vorderen Orient, die ältesten erhaltenen Patchwork-Quilts entstanden vor 3.000 Jahren und sind in einem Museum in Kairo ausgestellt. Wahrscheinlich waren es Kreuzritter, die diese Art der Handarbeit im nördlichen Europa verbreiteten, von wo aus Siedler sie nach Amerika brachten. Wenn die zierliche Unterharmersbacherin ihre teils riesigen Decken an der Nähmaschine zum Schluss schließlich quiltet, dann verschwindet sie nahezu unter den über ihren Schultern liegenden Stoffmassen. Unzählige Sicherheitsnadeln halten die Stofflagen dabei so zusammen, dass während des »Modellierens« nichts verrutscht.

»In der Schule war ich als Jugendliche im Turnen ’ne Eins und in Handarbeit ’ne Fünf«, lacht sie, »ich bin wirklich erst durch die Herzlichkeit der Frauen damals dazu gekommen – und dermaßen entspannend war das für mich dort!« Wie eine Kur sei es für sie noch heute, wenn sie zu Musik aus der umfang­reichen Schallplattensammlung ihres aus Jugoslawien stammenden Vaters im heimischen Nähzimmer kreativ sein und dabei komplett abschalten könne.

Unzählige Arbeitsgänge

Und das, obwohl ihre Werke »unheimlich viele Arbeitsgänge« beinhalten. Wie bei dem alleine aus mehreren hundert Vierecken bestehenden Landschaftsbild, dessen Wirkung sich »watercolour« nennt, »Wasserfarbe« also – weil das Pixelartige mit zunehmender Entfernung verschwindet, zu einem Gesamten verschwimmt.

Das Patchworken selbst beginnt mit einem eigenhändig gezeichneten Plan auf Millimeterpapier, bei dem allerhand ge- und berechnet werden muss – bei aus Dreiecken bestehenden Mustern zudem die jeweiligen Winkel, »damit alles passt.«

Auch die Nahtzugabe gilt es zu berücksichtigen. Pfeile zeigen an, »in welche Richtung sie jeweils geht.« Zudem erhält jede Farbe und jedes Stoffmuster eine Nummer, wobei schon alleine die Auswahl und das Komponieren eine langwierige Sache für sich ist, ebenso das Schneiden und Sortieren der unzähligen Stoffteile. »Zig hundert Mal nehme ich ein Stoffteil in die Hand und lege es wieder weg.«

Sämtliche Einzelteile werden zunächst mit Sicherheitsnadeln auf ein Leintuch als Unterlage gesteckt, »wegen der Nahtzugaben ist alles am Anfang noch viel, viel größer. Und jedes Teil muss ich dann einzeln von der Unterlage wieder runternehmen und zusammennähen, und immer und immer wieder muss alles an die Wand gehängt und wieder abgehängt werden«, erklärt Christel Baumann – strahlend wie bei einem Hauptgewinn.

 

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