Historische Instrumente, Eigenkompositionen und ein perfekt abgestimmter Duettgesang prägten den ersten Abend der „Sommermusik“. Das Duo „Pipes & Reeds“ überzeugte mit musikalischer Vielfalt und hoher Virtuosität.
Dem Auftakt einer Konzertreihe wohnt meist etwas Besonderes inne, vor allem, wenn das Programm nicht bekannt ist und der Abend somit einer Entdeckungsreise gleichkommt. Insofern war man gespannt auf die erste „Sommermusik“ am vergangenen Mittwochabend in der Evangelischen Kirche.
Michael Horst begrüßte die Gäste in der gut gefüllten Kirche im Namen der Evangelischen Gemeinde und der Stadt Zell a. H. als Mitveranstalter.
Bunt gemischtes Instrumentarium
„Pipes & Reeds“, das sind Ulrike und Claus von Weiß, die mit „bunt gemischtem Instrumentarium“ seit vielen Jahren durch die Lande ziehen und dabei einen eigenen atmosphärischen Sound pflegen, der aus unterschiedlichen musikalischen Traditionen schöpft.
Klang es beim Auftakt mit „Frederick’s Tune“ und „Carolan Bells“ noch nach gälisch-keltischer Folklore mit dem Dudelsack als Hauptinstrument, waren „Lonesome River“ und „Wonderous Love“ reinster Hillbilly-Sound aus den Appalachen. Letzterer war kein Love-Song im profanen Sinn, sondern musikalisches Gotteslob.
Perfekter Zusammenklang der Stimmen
Die Stimmen der beiden Interpreten berührten. Während Claus von Weiß’ rauer, erzählender Bariton die Strophen intonierte, stimmte seine Partnerin beim Refrain mit ein oder sang die glockenhelle zweite Stimme. Der perfekte Zusammenklang erinnerte unmittelbar an die ikonischen Folkbarden Richard und Linda Thompson, die in den 1970er Jahren schottisches und irisches Liedgut einem breiten Publikum nahebrachten und bis heute als Musiker erfolgreich sind.
Auch der Humor kam beim Kirchenkonzert nicht zu kurz: „Garlick Surprise“ beschreibt die Vorzüge von Knoblauch und beruht – ungeachtet des englischen Titels – auf einem französischen Volkstanz mit vorwärtstreibenden Rhythmen. Claus von Weiß glänzte mit einem virtuosen Mundharmonikasolo, wobei er – blitzschnell wechselnd – zwei Instrumente in unterschiedlichen Tonarten einsetzte. Man wippte im Takt unwillkürlich mit. Der Vortrag erhielt reichen Beifall.
Portativ und Hümmelchen
Sind im „bunt gemischten Instrumentarium“ des Duos Dudelsack und Harmonika durchaus gängige Instrumente, bevorzugt Ulrike von Weiß das Portativ, das seine Blütezeit im Mittelalter und in der Renaissance hatte.
Die Musikerin platziert das Instrument beim Spiel auf dem Oberschenkel und betätigt einen Balg auf der Rückseite, um einen Luftstrom zu erzeugen. Mit der anderen Hand spielt sie die Tastatur auf der Vorderseite. Das erzeugt einen beinahe flötenartigen Klang.
Dieser harmonierte wunderbar mit den perlenden Tönen des Hümmelchens, mit denen Claus von Weiß bei den „Schwedischen Tänzen I und II“ den Melodienreigen filigran ausschmückte. Beim Hümmelchen handelt es sich um einen kleinen Dudelsack, der im 16. Jahrhundert aufkam. Im Vergleich mit seinem schottischen „Vetter“ ist der Klang leiser, kammermusikalischer und leicht summend.
Mit tänzerischem Duktus
Die gelungene Verbindung von historischer Musik und Eigenkompositionen zeichnet das Duo aus. „Past Time in Good Company“, eine Komposition des englischen Königs Heinrich VIII., begann mit A-cappella-Gesang. Das Portativ übernahm anschließend die Melodie der Gesangsstimme, was den romantischen Song besonders stimmungsvoll wirken ließ.
Die Eigenkomposition „Pirates of the Sky“ erklang temperamentvoll und mit tänzerischem Duktus. Sie ist von der Beobachtung der aus dem Winterquartier zurückkehrenden Mauersegler inspiriert, wie Ulrike von Weiß erzählte.
„Big Little Brother“ beeindruckte ein weiteres Mal durch das fulminante Harmonikaspiel, mit dem Claus von Weiß die Eigenkomposition detailreich veredelte. Das Stück habe er für seinen Patensohn geschrieben, erklärte der Musiker – eines von vielen, weil er dies zu jedem Geburtstag des mittlerweile erwachsenen jungen Mannes getan habe.
Shanty-Tradition und spürbare Spielfreude
„The Sailor Boy“ mit Wurzeln in der Shanty-Tradition überraschte mit harmonischem Duettgesang, der mit dem eher düsteren Text kontrastierte. Erzählt wird die Geschichte eines Jungen, der zur See fahren will, aber mit seinem Schiff untergeht. Der melancholisch-klagende Ton des indischen Harmoniums berührte zutiefst.
Ulrike von Weiß spielt dieses Instrument, indem sie mit der linken Hand über einen rückseitigen Balg Luft in das Innere pumpt, die dort freischwingende Metallzungen vibrieren lässt – vergleichbar mit einer Mundharmonika. Die Akustik der Evangelischen Kirche unterstützte den schwebenden Klang enorm.
Keine Wünsche offen
Die musikalische Reise des Duos führte weiter durch Europa und verschiedene Kulturräume: Polkarhythmen, Trinklieder aus Schweden, Barockmusik aus dem deutschsprachigen Raum und ein Tanzlied aus dem „English Dancing Master“ von 1651 ließen beim Publikum keine Wünsche offen. Hinzu kamen die spürbare Spielfreude der beiden Interpreten und ihre langjährige gemeinsame Spielpraxis.
Lang anhaltender Applaus belohnte die Musiker am Ende eines herausragenden Kirchenkonzerts.



