Beim Seniorennachmittag des FORUM älterwerden in Zell wurde Geschichte nicht aus Büchern vorgelesen, sondern persönlich erzählt: von Deportation und Arbeitslagern in Sibirien, der Kindheit in Kasachstan, von Moskau und der Ostukraine – und vom Ankommen im Harmersbachtal.
Foto: Ulla Specken (2), Wolfgang Mössinger (2)
Foto: Ulla Specken (2), Wolfgang Mössinger (2)
Foto: Ulla Specken (2), Wolfgang Mössinger (2)Wenn eine Familie innerhalb weniger Tage Haus, Sprache und Heimat verliert und in einem fremden Land ganz von vorn beginnen muss, bleibt das über Generationen haften. Beim Seniorennachmittag des FORUM älterwerden in Zell erzählten Russlanddeutsche, wie Deportation, Arbeitslager, Kasachstan und die späte Ankunft in Deutschland ihre Lebenswege geprägt haben. Der Pfarrsaal war bis auf den letzten Platz gefüllt.
Einführung und literarischer Auftakt
Nach der Begrüßung stellte das Team die Referenten vor: Dr. h.c. Wolfgang Mössinger, Generalkonsul a.D., Tamara Zeier, Eduard Bernhardt und Marina Matveeva, die den Nachmittag am Klavier begleitete. Besonders begrüßt wurde auch Dr. Dieter Petri, auf dessen Initiative das Thema aufgegriffen worden war. Sein Beitrag „Die wechselhafte Geschichte der Russlanddeutschen“ wurde bereits veröffentlicht.
Den Auftakt gestaltete Lilo Schwarzer mit dem Gedicht „Lied der Deutschen aus Russland“ von Reinhold Frank (1918–2001). Darin beschreibt der russlanddeutsche Schriftsteller das Schicksal der Russlanddeutschen. „Lasst uns starke Wurzeln treiben, fest verankert, nicht im Sand“, heißt es darin – ein Leitmotiv des Nachmittags.
Die ersten Russland-deutschen in Zell
Dieter Petri erinnerte daran, wie er nach dem Fall der Berliner Mauer 1989 den Zustrom russlanddeutscher Familien nach Deutschland und nach Zell wahrnahm. Zunächst ging es ganz praktisch um Wohnraum: Die Stadt stellte bei der Wallfahrtskirche ein Grundstück für ein Mehrfamilienhaus zur Verfügung, Petri nahm selbst eine Familie auf. Viele der Neuankömmlinge bauten später eigene Häuser.
Die zweite Hürde war die Sprache. Die Alltagssprache der Russlanddeutschen war Russisch; von den Großeltern ererbtes Deutsch reichte für Beruf und Schule oft nicht aus. Gleichzeitig konnten Russlanddeutsche, anders als Asylbewerber, von Beginn an arbeiten, weil sie als deutsche Staatsbürger anerkannt wurden. Stand im sowjetischen Pass „Deutsch“ als Volkszugehörigkeit, galten sie in Deutschland als Deutsche.
In der Öffentlichkeit wurden sie dennoch häufig pauschal als „Russen“ bezeichnet. Das habe sich gebessert, sagte Petri, er wünsche sich aber noch mehr Verständnis: „Es wäre schön, wenn unsere Veranstaltung heute Nachmittag auch zu einer wachsenden Akzeptanz beiträgt.“
Deutsche Spuren im Osten
„Warum kümmern sich deutsche Botschaften und Konsulate überhaupt um Auswanderer?“ Mit dieser Frage begann Wolfgang Mössinger seinen Vortrag. Auswanderer wollten den Bezug zu Deutschland behalten, erklärte der frühere Generalkonsul in Russland, der Ukraine und Aserbaidschan; gleichzeitig seien deutsche Minderheiten in der Sowjetunion lange diskriminiert worden. Deutschland erleichterte ihren Nachkommen später die Rückkehr und die Wiedererlangung der Staatsbürgerschaft.
In Moskau, wo Mössinger von 2000 bis 2003 tätig war, lag ein Schwerpunkt auf der Rückgabe historischer Kirchen an russlanddeutsche Gemeinden. In der lutherischen Kathedrale Peter und Paul, zu Sowjetzeiten Studio und Diafabrik, durften seit den 1990er-Jahren wieder Gottesdienste gefeiert werden. Zum 500-jährigen Reformationsjubiläum 2017 wurde sie schließlich der Gemeinde zurückgegeben. Die römisch-katholische Kirche Peter und Paul erinnert nicht mehr an eine Kirche. Eine vollständige Übergabe blieb aus, auch wegen des Widerstands der orthodoxen Kirche. Ein Architekturführer „Deutsche Spuren in Moskau“ und eine mehrbändige Enzyklopädie dokumentieren Orte und Namen deutscher Geschichte in Russland.
Ein Zeller in Baku
In Aserbaidschan, berichtete Mössinger, gibt es keine deutschen Nachfahren mehr – geblieben sind Spuren. In Göygöl (ehemals Helenendorf) wurde die frühere lutherische Kirche, die zu Sowjetzeiten als Sporthalle diente, restauriert und ist heute ein Museum. Auch im benachbarten Schämkir (früher Annenfeld) wurde eine Kirche samt Orgel erneuert, in der Hauptstadt Baku nutzt die Deutsche Botschaft das „Kapellhaus“ für kulturelle Veranstaltungen. Ein Höhepunkt seiner Zeit in Baku war für Mössinger die Premiere des Films „Sterben mit Revanche“ über die Deportation der Deutschen 1941.
Diplomat in der Ukraine
Besonders sensibel sei seine Arbeit 2015 in der Ostukraine gewesen. Die Region war im Zweiten Weltkrieg jahrelang von der Wehrmacht besetzt, an vielen Orten wurden erschossene Juden in Massengräbern vergraben. Vor diesem Hintergrund sollte die Geschichte deutscher Architekten und Kaufleute des 19. Jahrhunderts erzählt werden – ohne das Leid zu relativieren. Architekturführer für Charkiw und Dnipropetrowsk sowie ein Buch über deutsche Konsuln in Berdjansk und Mariupol zeigen, wie eng die wirtschaftlichen Beziehungen schon im 19. Jahrhundert waren.
Mit einem „Deutschen Tag“ in Dnipro versuchte die Botschaft, das Bewusstsein der kleinen deutschen Gemeinde zu stärken: Chor, Trachten, deutsche Lieder. Und ein kulinarischer Versuch mit Zeller Unterstützung: „Wir haben versucht, dort Fleischkäse machen zu lassen“, erzählte Mössinger schmunzelnd. „Das Ergebnis war allerdings eher Hackbraten.“
Eine Familiengeschichte aus Kasachstan
Besonders leise wurde es im Saal, als Tamara Zeier von ihrer Familie erzählte. Seit über 20 Jahren arbeitet sie an ihrem Stammbaum, dessen Linien von Ende des 18. Jahrhunderts bis 1941 in die deutsche Wolgarepublik zurückreichen. Im Mittelpunkt stand ihr Großvater Philipp Weigandt (1911–1989). 1941 starb seine Frau mit 29 Jahren und hinterließ drei kleine Töchter. Im selben Jahr begann mit dem deutschen Angriff auf die Sowjetunion eine neue, brutale Phase.
Am 28. August 1941 wurde die Aussiedlung der Deutschen aus den Wolgaregionen angeordnet, sämtliche deutsche kulturelle Einrichtungen geschlossen, Unterricht auf Deutsch verboten. Russisch war bis dahin nur Fremdsprache, viele beherrschten sie kaum. Die Familie Weigandt wurde wie Tausende andere nach Kasachstan deportiert – rund 1100 Kilometer weit, in ein Land, das den Neuankömmlingen zunächst misstrauisch begegnete.
Vierjährige als Verbrecher registriert
Viele Familien bauten sich einfache Häuser aus Erde, lebten provisorisch, passten sich an. Die Brüder des Großvaters wurden zur Arbeitsarmee eingezogen und starben 1943, im gleichen Jahr verstarb seine Mutter. Strenge Meldepflichten galten für alle, sogar für Kinder: Tamara Zeiers Mutter war mit vier Jahren offiziell als „Verbrecherin“ registriert und durfte den Ort der Zwangsansiedlung nicht ohne Erlaubnis verlassen. Die entsprechende Bescheinigung besitzt die Familie bis heute.
Tamara Zeier selbst wurde in den 1960er-Jahren in Kasachstan geboren. Trotz der Geschichte erlebte sie eine Kindheit, die sie als „normal“ beschreibt. Nach der Schule studierte sie an der Pädagogischen Hochschule in Omsk, unterrichtete Russisch und russische Literatur, lebte später in Tscheljabinsk, Moskau und St. Petersburg und war als Lehrerin an verschiedenen Schulen tätig.
Weit verzweigter Stammbaum
Der Weg nach Deutschland führte über das Grenzdurchgangslager Friedland in Niedersachsen, das viele als „Tor zur Freiheit“ kennen. Hinter der Familie lagen Antragstellung im Konsulat, Jahre des Wartens und ein Deutschtest. Zeiers Eltern lebten bereits in der Ortenau, daher kam die Familie zunächst nach Offenburg und schließlich nach Zell am Harmersbach. Seit 2003 kam sie nach Unterharmersbach; 20 Jahre lang unterrichtete Tamara Zeier an der Grundschule, inzwischen ist sie im Ruhestand.
„Nicht immer war alles gut, jeder Anfang ist schwer. Aber wir haben uns eingelebt in diesem Land“, zog sie Bilanz. Der Vater ist inzwischen auf einem deutschen Friedhof beerdigt, der Stammbaum hat Äste in Deutschland, Russland, der Schweiz, Kanada und Kasachstan. Am Ende zitierte sie Goethe: Kinder bräuchten „Wurzeln und Flügel“ – und Geschichten wie diese, die man weitergibt.
Leben zwischen Zwang und Hoffnung
Eine zweite Familiengeschichte brachte Eduard Bernhardt mit: das Leben seines Vaters Heinrich Bernhardt (1923–2009). Sein Leitwort dazu stammt von Arthur Schopenhauer: „Das Schicksal mischt die Karten, und wir spielen.“ Geboren im wolgadeutschen Neu-Galka, erlebte Heinrich Bernhardt Hungersnot, politische Säuberungen und wachsenden Druck auf die deutsche Minderheit. Der spätere Schriftsteller Edmund Arnold, ein Schulfreund, beschrieb ihn als Klassenbesten mit erstaunlichem Gedächtnis – in einem Umfeld, in dem der Name Stalin allgegenwärtig war und Begriffe wie „Feinde des Volkes“ in den Alltag einsickerten, ohne wirklich verstanden zu werden.
Deportation nach Sibirien
1941 wurde die Familie nach Sibirien deportiert, 1942 kam Heinrich Bernhardt in ein Lager für Deutsche nach Kotlas in Nordrussland. Dort arbeitete er in der Arbeitsarmee am Bau einer Eisenbahnlinie. Eduard Bernhardt schilderte eindrückliche Szenen aus Erzählungen seines Vaters: Zwangsarbeit, Hunger, ein Bestattungskommando, bei dem der junge Mann auf einen Anhänger voller Toter aufpassen musste – und dennoch Humor bewahrte. Auf die Frage einer alten Frau, ob er aufpasse, dass die Toten nicht davonliefen, antwortete er: „Ich passe auf, dass die Lebenden nicht neidisch werden.“
Tödliche Zwangsarbeit
Viele seiner Kameraden überlebten die Lager nicht, auch sein Freund Willi Geißler, ein Sudetendeutscher, der über seine tägliche Arbeit im Schnee das Gedicht „Trudarmee-Stunden“ schrieb. Heinrich Bernhardt überstand Lager und Zwangsarbeit, blieb aber auch nach Kriegsende zunächst nicht frei: Die Russlanddeutschen wurden aus den Lagern in sogenannte Spezialansiedlungen verlegt, mit Meldepflicht und strengen Auflagen.
Mit über 80 Jahren nach Deutschland
Ende Februar 1947 stand er mit ehemaligen Lagerkameraden in Bodajbo in Ostsibirien auf einem regelrechten „Sklavenmarkt“, auf dem Betriebe Arbeitskräfte auswählten. Bernhardt kam an die Goldmine „Sergo“. Stacheldraht gab es dort nicht mehr, doch das Verlassen des Ortes ohne Erlaubnis blieb verboten und konnte mit bis zu 20 Jahren Haft bestraft werden. 1956 wurde die Familie rehabilitiert, eine Rückkehr wäre möglich gewesen; Heinrich Bernhardt blieb jedoch, machte eine Ausbildung zum Techniker und Elektromechaniker und leitete später mehrere Minen. 2003 kam er nach Deutschland und starb 2009 im Alter von 86 Jahren.
Lieder, die verbinden
Zwischen den dichten Geschichten sorgten bekannte Volkslieder für Momente des Aufatmens. Marina Matveeva begleitete „Ännchen von Tharau“, „Schön ist die Jugend“, „Muss i denn, muss i denn“ und „Müde bin ich, geh zur Ruh“ am Klavier – Lieder, die viele Russlanddeutsche aus ihrer Kindheit kennen und die von Generation zu Generation weitergegeben wurden.
Am Ende des Nachmittags bedankte sich das Team FORUM älterwerden bei den Referentinnen und Referenten mit einem Präsent – und viele Besucher nahmen mehr mit nach Hause als nur Informationen: ein Stück gelebte Geschichte, das hier, zwischen Zell, Wolga und Kasachstan, weitererzählt wird.





