Ein Hauch von Schottland, barocker Glanz und Vogelstimmen: Das Duo „La Vigna“ verzauberte das Publikum in der evangelischen Kirche mit filigranen Klängen und großer Spielfreude.
Vom Anfang bis zum Ende des Konzerts am Mittwochabend spürte man die Leidenschaft der beiden Musiker für die keltischen Lieder und die Epoche des Barocks. Theresia Stahl (Blockflöten) und Christian Stahl (Lauten) setzten bei der 5. Sommermusik ganz auf die dezenten Töne. Es entstanden filigrane Klanggewebe, die in ihrem Farbenreichtum, ihrer technischen Brillanz und der geschliffenen Darbietung jenen „Sweet sounds“ entsprachen, die das Programm vorab verkündet hatte.
Glockenhell und fingerflink
Aus der „Collection of Old Scots Tunes“ spielte das Duo „La Vigna“ vier melodiöse Weisen von Francesco Barsanti, der zwar 1652 in Italien geboren wurde, aber bis zum Tod 1772 die meiste Zeit seines Lebens als Oboist und Komponist in Schottland und England wirkte.
Während Theresia Stahl mit der Blockflöte den Solopart graziös gestaltete und die virtuosen Triller glockenhell strahlten, sorgte die Laute für die präzise Begleitung, wobei Christian Stahl mit fingerflinkem Spiel auf dem Griffbrett wiederholt seine ausgefeilte Technik erkennen ließ.
Facettenreiche Klangsprache
Um den bei Barockkompositionen erforderlichen Generalbass erklingen zu lassen, spielte Christian Stahl auch die Theorbe, ein aus der Renaissancelaute entwickeltes Instrument, das einen zweiten Wirbelkasten für die Basssaiten am verlängerten Hals aufweist.
Theresia Stahl wechselte mehrfach zwischen Sopran- und Bass-Blockflöten, sodass etwa Barsantis „Sonata Bb major“ in der Duo-Darbietung ungemein facettenreich glänzte: sanft fließende Passagen im Kontrast zu rhythmisch-tänzerischen Einschüben. Im Satz Sostenuto berührte die subtil gestaltete moll-Melancholie.
Denis Gaultiers „Suite en La Majeur“ ist typisch für den vom Komponisten vertretenen „Style brisé“. Der erfordert von einem Lautenspieler Feingefühl und interpretatorische Reife, denn Akkorde werden nicht nur angeschlagen, sondern in Arpeggien und kurzen Melodieeinschüben aufgelöst. Christian Stahl beherrscht diese Technik meisterhaft, wie er bei seinem Solostück demonstrierte. Es entstand ein schwebendes, nur von kurzen Tempiwechseln unterbrochenes Klangbild.
Heiteres „Vogelstimmen“-Intermezzo
Bei der „Suite Nr. 2 in D-Dur“ setzte Theresia Stahl die so genannte Voiceflute ein, die klanglich einer Traversflöte vergleichbar ist. Der französische Barockstil, wie er etwa zurzeit des Sonnenkönigs gepflegt wurde, beeindruckt durch die nobel-elegante Klangsprache. Jeder der sechs Sätze der Suite hatte eine eigene emotionale Färbung, wobei vor allem der „singende“ Flötenton in der Sarabande und der fröhliche tänzerische Duktus der Gavotte gefielen.
Für Heiterkeit im Publikum sorgte ein „Vogelstimmen“-Intermezzo („The Bird Fancyer’s Delight“), das Theresia Stahl auf einer winzigen Garkleinflöte intonierte. Ob Star oder Nachtigall, ob Feldlerche oder Kanarienvogel, die perlenden Läufe bezauberten mit täuschend echten Klängen.
Überzeugende Händel-Interpretation
Ein heiter-beschwingter Gestus prägte auch das Flötensolo „Prelude“ aus der Feder von Daniel Purcell, dem jüngeren Bruder des bekannteren englischen Komponisten Henry Purcell. Theresia Stahls nuanciertes und sehr flexibles Spiel wirkte – ganz im Sinne eines Präludiums – wie ein Vorspiel auf das Hauptwerk; in diesem Fall die „Sonate in F-Dur“ von Georg Friedrich Händel.
Die Musik des Barockgroßmeisters steht für Prunk und Festlichkeit jener Zeit, was das Duo mit der Interpretation der vier Sätze überzeugend wiedergab. Besonders Theresia Stahls Melodieführung und ihre perfekte Blas- und Phrasierungstechnik auf der Blockflöte erzeugten einen vielschichtigen, farbigen Klang. Christian Stahl als kongenialer Partner an der Laute sorgte für den atmosphärischen, runden Gesamtklang. Den belohnte das Publikum mit begeistertem Beifall.
Das kulturelle Erbe bewahren
„Ich hoffe, dass wir heute Abend der Barockmusik gemeinsam näher gekommen sind“, erklärte Christian Stahl. Gemeinsam müsse man „das Tor zur Kultur offenhalten“, betonte der Musiker und erinnerte noch einmal an die Lockdowns während der Corona-Pandemie, als keine Konzerte stattfinden konnten. „Wir müssen unser kulturelles Erbe bewahren“, appellierte Stahl nachdrücklich.
Das letzte Stück des Abends aus der Sammlung der alten schottischen Lieder widmete das Duo „La Vigna“ dem Komponisten Francesco Barsanti. Ein vitaler Schlussbeitrag, der reichen Beifall erhielt. Nach der Zugabe verabschiedete Kirchengemeinderätin Martina Wetzel das Duo mit der weißen Sommermusik-Rose.





