Lenzianer und Burgianer lieferten sich einst erbitterte Kämpfe

Daran erinnert die »Ehrensul« in der Jahnstraße – Der Denkmalerstellung waren heftige Wortgefechte voraus gegangen und Zell in zwei Lager gespalten

Ein wenig vergessen und vom Zahn der Zeit angenagt, steht in der Jahnstraße in einer kleiner Einfriedung die Ehrensäule, auf Zellerisch »Ehrensul« genannt. Als sie 1829 vom Oberharmersbacher Steinhauer Marzell Isenmann geschaffen wurde, herrschte in Zell nicht nur eitel Freude über das Bauwerk. Wie so oft, waren der Denkmalerstellung heftige Wortgefechte vorausgegangen. Das sonst so ruhige Städtchen war in zwei Lager gespalten.

Wie die Inschrift auf dem Denkmal der Nachwelt verkündet, ist es dem Lahrer Handelsherrn Jakob Ferdinand Lenz »dem glücklichen Gründer der hiesigen Steingutfabrik« gewidmet. Gerade dieser Satz war es, der die Zeller in Rage brachte. Denn der eigentliche Fabrikbegründer war der Unterentersbacher Bürgersohn Joseph Anton Burger. Er hatte aus kleinsten Anfängen vor dem »Oberen Tor« auf dem Anwesen des Färbers Vetter 1792 einen Brennofen errichtet. Schon 1794 am 22. Oktober schloss er mit dem Magistrat der Stadt Zell einen Vertrag, dass er auf dem Anwesen eine »Fayenzefabrik« errichten durfte.

Der ungemein begabte Hafner J. A. Burger schaffte es in kurzer Zeit, hervorragendes Steingut herzustellen, das der damals berühmten englischen Ware nicht nachstand. Die junge Fabrik lief prächtig, und Burger konnte gar nicht so viel produzieren, wie er hätte verkaufen können. Doch für die notwendige Betriebserweiterung fehlten ihm die Mittel. Da trat als »rettender Engel« 1802 der Lahrer Handelsherr Jakob Ferdinand Lenz in die Firma ein.

Er hatte das Geld, so dass die Steingutfabrik mit den Ideen und dem Fachwissen von Burger blühen und ge deihen konnte. Doch es war schon immer so, dass der, der das Geld hat, auch das Sagen hat. Bei der jungen Steingutfabrik war es nicht anders.

So verkaufte Burger 1819 seinen Anteil an Lenz. Der Kampf um den Erhalt der jungen Firma hatte ihn aufgerieben. Zudem hatte er privat viel Leid erfahren müssen. Acht seiner zehn Kinder waren jung gestorben; sein Lieblingssohn war sogar im Gewerbekanal ertrunken. Burger selbst zog nach dem Verkauf der Fabrik nach Haslach, wo er auf Grund seiner Tüchtigkeit sogar zum Bürgermeister gewählt wurde. 1830 starb er, bei der Haslacher Friedhofkapelle wurde er zur letzten Ruhe gebettet. Lenz war als Alleininhaber ein guter Fabrikherr und bei seinen Arbeitern sehr beliebt. Er hatte Verständnis für ihre Sorgen und er bezahlte gerechte Löhne. Bis spät in die Nacht brannte in seinem Arbeitszimmer das Licht.

So kam es, dass schon zu Lebzeiten ein Teil der Bevölkerung ihm ein Denkmal setzen wollte. Doch Lenz wollte von dem Vorhaben nichts wissen. Im Gegenteil: Er ließ alle Bilder von sich verbrennen, weil er nicht wollte, dass nach ihnen eine Büste angefertigt wurde. Auch die Bürger waren sich über das geplante Denkmal keineswegs einig. Wenn schon ein Denkmal für den Gründer der Steingutfabrik geschaffen werde, dann müsse auch der Name Burger darauf verewigt sein, meinte ein großer Teil der Bürgerschaft.

Erst als sich Lenz in aller Entschiedenheit ein Denkmal verbat, kehrte wenigstens vorübergehend im Städtle Ruhe in der Denkmalsfrage ein. Doch dies war nur die Ruhe vor dem Sturm. Als Lenz 1828 starb, wurde die Denkmalfrage erneut aufgerollt. In zahlreichen Versammlungen lieferten sich die Lenzianer und Burgianer hitzige Wortgefechte. Doch zu einer Einigung kam es nicht. Im Gegenteil, die Gegensätze wurden immer härter. Viele Zeller verfeindeten sich damals wegen der Denkmalfrage. Der Riss ging sogar durch die Familien.

Aus freiwilligen Beiträgen der Lenzianer wurde doch das Denkmal errichtet. Der Platz in dem oberen von vier Säulen getragenen Raum blieb aber leer, weil das Geld nicht mehr reichte. Hier hätte nach dem Plan der Befürworter die Büste von Lenz stehen sollen. Auch der Name von Burger fehlt – leider.

In seinen Schriften nahm der berühmte Schriftsteller und Dichter Heinrich Hansjakob zur Denkmalfrage Stellung: »In der Denkmalfrage bin ich auf der Seite der Burgianer, denn ohne J.A. Burger wäre Lenz nie nach Zell gekommen.« Dass Hansjakob 62 Jahre nach der Denkmalsetzung den Streit nochmals aufgriff, zeigt, welche tiefe, auch nach so langer Zeit noch nicht verheilten Wunden jene Auseinandersetzung der Streit um die »Ehrensul« hinterlassen hatte.

Schwarzwälder Post – Ihre Druckerei im Mittleren Schwarzwald