»Wie es früher einmal war«

Kurt Ficht sammelt alte Postkarten von seinem Heimatdorf

»Ich bin nicht der einzige in Zell, der alte Postkarten sammelt«, stellt Kurt Ficht klar. Aber nur er sammelt Nordrach, »weil ich von dort herkomme.« Wir sprachen mit ihm über seine emotional behafteten Schätze.

Sachte plätschert der Zimmerbrunnen, durch das Fens­ter des Alkovens blickt man auf den Zeller Storchenturm, auf Straßenleben. Doch wenn Kurt Ficht in seinen fünf mit historischen Ansichtspostkarten gefüllten DIN-A4-Ordnern blättert, ist er ganz woanders: In dem Dorf, in dem er die ersten 25 Jahre seines Lebens verbracht hat – in Nordrach.

Sorgsam nach Themen unterteilt hat der heute 84-Jährige seine nicht minder sorgsam katalogisierte Sammlung: Mit »Nordrach-Dorf«, »Mühlstein« sowie mit »Nordrach-Kolonie« sind die Ordner beschriftet – vor allem an diesem letzten hängt er. »Weil ich dahinten aufgewachsen bin«, erzählt der eins­tige Lager- und Versandleiter, »im allerletzten Haus ganz hinten in Nordrach-Kolonie, noch hinter der Klinik.«

Weder dieses Haus existiert heutzutage noch jenes andere, in der Nähe liegende, in dem er als Hausgeburt das Licht der Welt erblickt hat. Und doch kann er sich beides anschauen, wann immer er möchte. Denn er besitzt eine Ansichtskarte, auf der die
beiden Gebäude in ihrer damaligen Umgebung abgebildet sind.

Das Hauptmotiv dieser Karte ist freilich ein anderes – die ehemalige Otto-Walther-Klinik für Tuberkulosekranke nämlich, die um die Jahrhundertwende Nordrachs Ruf als »Schwarzwald-Davos« begründete und heutzutage als Rehaklinik der Landesversicherungsanstalt Baden fungiert.

»Heiligtum«

In besagter Klinik, im weit abgelegenen hinteren Teil des Nordrachtales, arbeitete dereinst Kurt Fichts Mutter. Schon die hatte einen Faible dafür, »alte Bildkarten – sprich Fotos in Postkartengröße – sowie Postkarten aufzubewahren«, erinnert sich der Sohn, »die Alben waren ihr Heiligtum.« Als die Stadt Zell am Harmersbach 1989 das 850-jährige Bestehen feierte und man alte Ansichten suchte – Bilder davon, wie es früher einmal war – griff man unter anderem auf diese Alben zurück.

Womit für Kurt Ficht der Startschuss fiel, sich selbst dem Sammeln von Bildpostkarten zu widmen. Wenngleich er schon vorher gesammelt hatte, Briefmarken allerdings, als Elfjähriger bereits. Da dieses Hobby für ihn jedoch an Attraktivität verloren hatte, »vor allem durch die heutigen Großauflagen«, verkaufte er seine umfangreiche Sammlung irgendwann, um ausschließlich seinem neuen Steckenpferd zu frönen.

»Wie es früher mal in Nordrach ausgesehen hat und wie es heute nicht mehr ist, das fasziniert mich einfach«, erklärt der Rentner dazu, denn der Wandel der Zeit hat auch vor dem heutigen 2000-Seelen-Ort nicht halt gemacht. Beileibe nicht.

450 dies bezeugende Schätze hat Kurt Ficht gesammelt. Dass es so viele sind, liegt insbesondere daran, dass ein und dasselbe Motiv teils aus zig unterschiedlichen Perspektiven gezeigt wird. Neben der Klinik in der Kolonie betrifft dies vor allem die Winkelwaldklinik, früher »Entenloch« genannt, sowie das ehemalige Kurhaus Linde. Oder aber ein Motiv liegt sowohl in schwarzweiß als auch in kolorierter Ausführung vor.

Gelaufen oder nicht?

Ein wichtiges Merkmal ist dabei unter anderem, ob die jeweilige Karte gelaufen – sprich per Post unterwegs gewesen – ist oder nicht. Und von wo nach wo. Ob es sich um Lithografien, also Steindrucke handelt, um Prägekarten, oder beispielsweise um Leporello-Postkarten. Zwei jener Besonderheiten, bei denen aus einer Lasche eine auseinanderfaltbare Bildergalerie hervorgezogen werden kann, besitzt der Senior.

Eine dieser Karten zeigt in der Hauptabbildung einen für den Schwarzwald einstmals typischen Uhrenverkäufer mit einer Rückentrage. »Als Bub habe ich gesehen, wie die Bergbauern bei uns hinten in der Kolonie in solchen Tragen den stinkenden Mist zu den Feldern die Hänge raufgetragen haben«, hat Kurt Ficht nur zu gut in seiner Erinnerung parat.

Objekt von 1896

Besonderheiten können auch die Poststempel aufweisen. Wie die sogenannten »Kolonie-Stempel«, denn die Kolonie-Klinik besaß aufgrund ihrer Abgelegenheit ein eigenes Postamt. Und es gab den Bahnpoststempel. Wozu der Sammler erklärt: »Wenn’s richtig pressiert hat, dann hat man die Post am Bähnle von Biberach nach Oberharmersbach abgegeben und der Schaffner hat sie abgestempelt.«

Seine älteste Karte stammt aus dem Jahr 1896. Was umso beeindruckender ist, wenn man weiß, dass bloß drei Dekaden früher – sprich anno 1866 – die erste bebilderte deutsche Karte ohne Umschlag verschickt wurde.

Über Haushaltsauflösungen, Verwandte, Bekannte oder regionale respektive Internethändler kommt der generell historisch Interessierte an seine Sammlerobjekte, von denen viele vor über einem Jahrhundert europaweit und gar bis in die USA unterwegs gewesen waren: »Und jetzt landen die Karten wieder hier – das ist einfach faszinierend.«

Historie

Bereits 1777 soll ein französischer Kupferstecher möglicherweise bebilderte Karten mit offen lesbaren Mitteilungen in Umlauf gebracht haben, die durch die Post befördert wurden. Belegexemplare existieren keine mehr. Jedoch nachweislich anno 1840 wurde eine per Hand bebilderte Postkarte in England verschickt – in dem Jahr, als dort die Briefmarken erstmals eingeführt wurden.

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