Was im Leben wirklich wichtig ist

Gedanken von Gottfried Zurbrügg zu Tagebüchern und Kalendern

Was im Leben wirklich wichtig ist, steht nicht in einem Terminkalender. Leider, möchte man sagen, wie folgende Episode zeigt.

Frau A. schenkte dem Historischen Verein einen großen Kasten mit Terminkalendern. »Mein Mann hat seit 1964 Tagebuch geführt«, sagte sie, »da muss Zeller Stadtgeschichte erzählt worden sein. Die Notizen sind vielleicht von größter Wichtigkeit.«

Natürlich könnte das sein. Aber bei der Durchsicht der Kalender zeigte sich, dass Herr A. kein Tagebuch geführt, sondern seine Terminkalender aufgehoben hatte. Es ist richtig, dass darin ein Stück Lebensgeschichte von Herrn A. stand, aber es war nicht sein Tagebuch. Nur ein solches wäre für die Geschichte der Stadt wichtig und bewahrenswert. Trotzdem gilt Frau A. ganz großer Dank, dass sie daran gedacht hat.

Ich habe auch solche Terminkalender aufgehoben und muss zugeben: Für mich sind das auch Tagebücher. In Notizen und Terminen ist mein Leben festgehalten. An viele Termine erinnere ich mich noch genau und es ist hilfreich, zu wissen, wann ich bei dem Arzt oder der Besprechung im Kirchengemeinderat gewesen bin.

Der Alltag ist wie eine glatte Oberfläche. Es geschieht selten etwas Dramatisches und es ist gut, dass nicht jede Woche ein Roman wird. Das würden wir wohl gar nicht aushalten. Nein, es ist gut, dass der graue Alltag so grau ist. Grau ist eine neutrale Farbe oder gar eigentlich gar keine Farbe. »Wie war es heute bei der Arbeit?« Fragte man das nicht höflich, wenn der Mann nach Hause kommt? »Wie soll es gewesen sein?«, ist meist die Antwort, die einfach nichts sagt. Dabei ist viel geschehen. Herr A. war bei einer Baumschule tätig und dort wurden zum Beispiel an einem Tag Tausende von Baumsamen ausgestreut. Das war Routine. Niemand hat daran gedacht, dass Wald gesät wurde, dass die Samen aufgehen und in achtzig Jahren irgendwo ein schlagreifer Wald steht.

So weit denkt man nicht. Das tun wir alle nicht. Ins Tagebuch würde man vielleicht solche Gedanken schreiben. »Liebes Tagebuch, heute habe ich einen ganzen Wald am Berghang in Zell gesät. In einigen Jahren werden die Setzlinge verkauft und irgendwo entsteht ein neuer Wald. Ich durfte säen und in achtzig Jahren werden Menschen nach mir ernten. Wir haben sogar Überstunden machen müssen. Aber ich bin stolz, denn ich durfte an einer ganz großen Sache mitarbeiten.« Im Terminkalender steht nur: Heute wieder Überstunden! Nichts von Begeisterung, nichts von den schönen Gefühlen beim Säen der Tannen und auch nichts von dem Traum, mit daran zuarbeiten, dass einmal ein Wald entsteht.

Auf der glatten Oberfläche des Alltags waren die Überstunden ein kleiner Kratzer, den die Hand spürt, die darüber geht. Überstunden? Da war doch etwas und wieder kommen die Bilder und Gefühle zurück. Für einen Augenblick wird aus dem Terminkalender ein Tagebuch. Aber nur für den, der den Kalender geführt hat. Es ist sein Alltag gewesen, es waren seine Kratzer, seine Flecken, seine Spuren. Spuren, die nur er deuten kann.

Ja, es sind Tagebücher, die ich durchgeblättert habe, aber sie sind unverständlich, denn mir fehlen Hinweise auf besondere Erlebnisse.
Das sind die Probleme, die die Historiker haben. Meist werden Dinge aufgehoben und festgehalten, die eigentlich gar nicht so wichtig sind.
In Babylon wurden Tontäfelchen aus längst vergangener Zeit gefunden. Man vermutete wichtige Dokumente, Briefe und Erzählungen aus vergangenen Tagen und bemühte sich Jahre lang um die Entzifferung. Wie groß war die Enttäuschung als nur von Geschäftsberichten, Aufzählungen von Handelswaren oder Kriegsgerät zu lesen war. Es waren Aufzeichnungen wie unsere Terminkalender. Menschen haben wichtige Dokumente aufgehoben, aber nur den Alltag und nicht ihre Gefühle und Gedanken.

Ereignisse, die die Menschen beschäftigten, die wurden nicht aufgeschrieben. Die waren so wichtig, dass sie erzählt werden mussten. Abends saß man zusammen und dann wurden die Geschichten erzählt. Im Erzählen wurden die Taten und Erlebnisse lebendig. Sprache will gesprochen sein, dann erst wird die Schilderung farbig und spannend. Man erlebt den Menschen, der erzählt, in Sprache und Bild. Manche Geschichten wurden immer wieder erzählt. Sie wurden zu Legenden, Sagen und Märchen und erst viel später aufgeschrieben, als die mündliche Überlieferung abbrach.
Vielleicht schreibt man in einem persönlichen Brief oder in einer E-Mail etwas von dem Erleben oder erzählt in einem Telefonanruf darüber. Es ist für die Historiker ein ganz großer Glücksfall, wenn wirklich einmal ein Tagebuch auftaucht. So etwas ist eine Kostbarkeit und oft genug verschlossen oder geheim.

Aber ein Terminkalender? Ja, es ist ein Zeitspeicher. Alles, was darin steht ist in Zell geschehen, aber es sind nur ganz private Informationen, die für die Stadt Zell und den historischen Verein wertlos sind. Es ist schön, so etwas einmal in der Hand zu halten und zu erleben, wie ähnlich der Alltag doch abläuft.

Es ist leider unmöglich, diesen Zeitspeicher zu lesen. Wirklich wichtig im Leben sind Ereignisse und mehr noch Erzählungen, Erlebnisse und Gefühle. Aber das interessiert meinen Terminkalender nicht.

 

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