Gottfried Zurbrügg berichtet aus Jerichow (Teil 2):

Verschwunden hinter Klostermauern

Heute Morgen habe ich mit meinem großen Schlüssel die Kirche aufgeschlossen. Es war Morgenandacht, die hier von einem sehr netten Ehepaar gehalten wird. Die ganze Woche sind sie jeden Morgen um acht Uhr in der Kirche und dann fahren sie mit dem Rad nach Hause und beginnen den arbeitsreichen Tag.

Für mich schlossen sich die schweren Türen und ich war allein, allein im Kloster. Besucher mussten jetzt 6 Euro bezahlen, um das Kloster, den großen Garten und die Museen zu sehen. Zahlreiche Gruppen hatten sich angemeldet, um das Kloster zu besichtigen, aber nicht zum Gottesdienst. Die Führungen übernahmen einheimische Kirchenführer in mittelalterlichen Kostümen. Sie waren wunderschön anzusehen, aber Museumsführer. Ich nahm an meinem Tisch Platz, stellte gregorianische Musik ganz leise an und vertiefte mich in die Bibel. Ach, was tut das gut, einmal die Ruhe und gute Akustik zu genießen. Der Alltag war einfach draußen geblieben. Ich hatte gefürchtet, mir würde die Zeit lang und die Mauern würden mir immer näherkommen. Ein Museumswächter an den Särgen der Württemberger Herrscher in der Gruft im Alten Schloss in Stuttgart begrüßt die Verstorbenen jeden Morgen wie alte Freunde und er gestand mir, dass er auch mit ihnen redet, wenn niemand kommt. Würde es mir genauso gehen?

Es war ganz anders. Die Ruhe, die leise Musik und der hohe Raum öffneten die Sinne und die Hektik des Tages fiel ganz von mir ab. Ich habe lange dort gesessen und bin schier aufgeschreckt, als mich jemand ansprach. Eine Familie mit erwachsenen Kindern stellte viele Fragen zum Kloster und ich erzählte von der Zehntgemeinschaft, meinem Dienst und der wunderbaren Erfahrung, wie die Mauern die Musik aufnehmen und wiedergeben. »Man merkt, dass hier ein heiliger Raum ist«, sagten meine Gäste. »Museumsmauern sind kalt und berichten allenfalls noch Informationen, aber diese Mauern sprechen, sie leben, sie antworten.«

»Deshalb bin ich hier«, gestand ich. »Wir verlieren viel Menschliches und Göttliches, wenn wir keinen Sinn mehr dafür haben.«
Gegen 18 Uhr wurde es leise. Keine Gruppen gingen mehr durch die Räume und flüsterten. Eine Abendandacht war angeboten, aber ich merkte, dass niemand kommen würde. So stellte ich um 18 Uhr die Musik aus, ging zur Pforte, öffnete die Tür und trat in den Abend hinaus. Sofort umgab mich die Hitze des Tages. Vom Parkplatz fuhren die letzten Busse nach Hause. Eine verspätete Wanderin bat mich um Wasser. Die arme Frau war mit nur einem viertel Liter Wasser losgezogen und hatte keine offene Gaststätte angetroffen. Ich hatte Wasser dabei und gab es ihr. »Wasser ist Leben«, sagte ich. »Das merke ich«, sagte sie, als das Zittern der Hände nachließ. »Wasser ist eine ganz große Kostbarkeit«, fuhr ich fort. »Ich verstehe, was Sie meinen«, sagte sie. »Wasser ist Leben. Danke dafür!«