Nicht als Diener, vielmehr als Hirte

Über zwanzig Gastdienste als Prädikant hat Gottfried Zurbrügg im Auftrag der Zehntgemeinschaft Jerichow bereits absolviert. Sein nun jüngster vierwöchiger Einsatz in Caputh jedoch war sein schwierigster. Ein Problempunkt: Urnenbestattungen.

Die Zehntgemeinschaft Jerichow hat ihren Sitz im gleichnamigen Kloster. »Das war mal eine wunderschöne romanische Kirche aus der
Zeit um 1200, aus der Zeit Ottos des Großen, dem ersten deutschen Kaiser, der in Eroberungszügen nach Osten ging«, weiß Gottfried Zurbrügg: »Das Kloster Jerichow gehörte einst zu einem rie­sengroßen Garnisons-Stützpunkt, wurde in der DDR-Zeit aber nicht mehr gepflegt.«

Eines Tages dann fand sich jemand, der mit freiwilligen jungen Leuten sowie Hilfe von pensionierten Pfarrern aus dem Westen das Kloster wieder herrichtete, »Das ist dann die Zehntgemeinschaft geworden«. Diese agiert seither gemäß dem biblischen Aufruf »Gebt den Zehnten«: Pfarrer und Pfarrerinnen, die im Ruhestand nicht mehr an ihre jeweilige Landeskirche gebunden sind, geben ihn, eben diesen Zehnten. Nicht in Form von Geld jedoch, sondern in Form von Zeit, etwa vier Wochen im Jahr. Und zwar für bis zu vierwöchige Vertretungsdienste, schwerpunktmäßig in den Gemeinden der Evangelischen Kirche Mitteldeutschland und Berlin-Brandenburg-Oberlausitz.

Gottfried Zurbrügg, Realschullehrer im Ruhestand und seit Jahren als ausgebildeter Prädikant tätig, ist Jahr für Jahr im Auftrag dieser Gemeinschaft unterwegs. Warum jedoch wird diese Hilfe aus dem Westen im Osten benötigt? »Früher hatte jedes Dorf seinen Pfarrer, durch den Strukturwandel sind die Gemeinden im Osten nun aber riesengroß geworden«, erklärt der 72-Jährige: »Auf eine Pfarrstelle müssen – glaube ich – 5.000 Gläubige kommen, und die kriegt man im Osten nur mit zehn oder zwanzig Dörfern zusammen. Die anderen Einwohner sind Atheisten.«

Bis zu 50 auf einen Schlag

Will dort nun ein Pfarrer beispielsweise Urlaub nehmen, wird krank oder es liegt aus sonstigen Gründen eine Vakanz vor, kann nicht der Nachbarpfarrer übernehmen. »Dann hat er vierzig Dörfer, das kann man normalerweise nicht tun«, macht Gottfried Zurbrügg aus eigener Erfahrung heraus deutlich. Doch ein Ruhestands-Pfarrer aus dem Westen, »der hat dann vielleicht Kraft, einige Zeit im Osten zu helfen.«
Eine Kraft, die dem nebenbei als Schriftsteller Tätigen offenbar in Hülle und Fülle zu eigen ist, denn er selbst hat sage und schreibe schon bis zu 50 Gemeinden während eines Gastdienstes betreut. »Ich wusste im Vorhinein, dass das Wahnsinn ist, aber ich hatte einen Auftrag und ich habe es geschafft.«

Im letzten Jahr erst war das gewesen – als seinen anstrengendsten Einsatz allerdings bezeichnet er jenen, von dem er jüngst zurück gekehrt ist. In Caputh. Der Ort liegt im Potsdamer Seen- und Havelland, »am wunderschönen Schwielowsee«, Einstein besaß hier einst ein Sommerhaus. Ungeheuer anspruchsvoll seien Capuths Gemeindemitglieder gewesen, berichtet der Zeller Prädikant, »Bisher waren die Leute mir gegen­über noch nie so misstrauisch gewesen.« Sonst hingegen, vor allem in den Dorfgemeinden, seien sie eher erleichtert darüber gewesen, »dass jemand für sie da war, der ein bisschen Bescheid weiß.«

Problempunkt Urnenbestattungen

In Caputh hingegen habe er als bloßer Diener fungieren sollen. Zur Verrichtung einer von den dortigen Pfarrern ungeliebten Arbeit: der Bestattung von Urnen. »Die Pfarrer haben gesagt – und das ist wirklich wahr – sie kommen sich veralbert vor, hinter einem Haufen Sand herzulaufen«, berichtet Gottfried Zurbrügg. Und fügt erklärend hinzu: Auch für manche Pfarrer im Westen sei das ein Problem, wenn sie praktisch einen Haufen Sand bestatten statt eines Verstor­benen, bei dem man »über Wiederauferstehung und Ähnliches sprechen kann.« Denn der Tote muss laut Gesetz für eine Urnenbestattung so verbrannt werden, dass nichts mehr dem Körper zugeordnet werden kann. »Er ist also voll durch den Schornstein,« lacht der Wahlzeller mit Galgenhumor, »es sind nur noch Mineralien.«

In der Gegend, in der er jüngst tätig war, wird Urnenbestattungen immer mehr der Vorzug gegeben. »Die Friedhöfe sehen nicht mehr so aus und sie haben nicht mehr die gleiche Bedeutung wie früher«, hat er beobachtet: »Früher haben die Leute über Generationen die Gräber gepflegt. Das ist heute in der Gegend fast unüblich geworden: zu viel Arbeit.«

Für Gottfried Zurbrügg ist die Sichtweise der eine Urnenbestattung ablehnenden Pfarrer eine engstirnige, »denn es geht bei einer Bestattung ja auch um die Hinterbliebenen«. Das hat der Witwer vor Kurzem erst am eigenen Leib erlebt. »Der Tod … es muss ein Ende finden«, meint er, »es muss einen Ruheplatz geben, wo man sagen kann, jetzt ist der Weg zu Ende. Dann ist etwas zur Ruhe gekommen. Frieden. Es ist abgeschlossen.«

Unerwartete Ehre

In Caputh hat er nicht nur die Bestattungen vorgenommen, sondern als Hirte in den ihm zur Verfügung stehenden vier Wochen zudem das Vertrauen der Gemeindemitglieder gewonnen, sich einen emotionalen Zugang zu ihnen erarbeitet.

»In meiner ersten Predigt sagte ich ihnen: Ich werde Grenzen überschreiten müssen. Ich werde mit Ihnen – ob Sie es wollen oder nicht – plötzlich am Küchentisch sitzen, wir werden gemeinsam lachen und weinen.« In Gottfried Zurbrüggs letzter Predigt dann bat man ihn, von der Kanzel zu predigen: »Das war eine Ehre, die man nicht vielen zukommen lässt, die dort ihren Gastdienst verbringen«, freut er sich über den unerwarteten Lohn für seinen Einsatz.

Info:

Ein Prädikant wird in den ehrenamtlichen Dienst der Wortverkündung und Sakramentsverwaltung unter Gebet und Handauflegung berufen, nachdem er in einer längeren Ausbildung am Gottesdienstinstitut in Nürnberg Kenntnisse zur Gottesdienstgestaltung erworben hat.

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