Die Erlebnisse des Prädikanten Gottfried Zurbrügg bei einem Einsatz im Havelland:

Rund um Potsdam für den Schiffsführer, Wein für die Ticktack-Oma und Petri Heil

Bei seinen Einsätzen in Kirchengemeinden in Mitteldeutschland lernt Gottfried Zurbrügg immer jede Menge interessante Menschen kennen. So war es auch bei seinem letzen Vertretungsdienst, der ihn in die Nähe von Berlin führte.

Ich war für fast vier Wochen Pfarrer in Caputh. Keine leichte Aufgabe so eine Vertretung zu übernehmen, auch nicht, wenn man im Auftrag der Zehntgemeinschaft Jerichow schon oft unterwegs war. Bei meinem ersten Gottesdienst sagte ich zu den Besuchern ein Wort von Einstein, um mich vorzustellen (Einstein hatte ein Sommerhaus in Caputh und wird hier oft genannt). Einstein sagte: Um unter Schafen ein schwarzes Schaf sein zu können, muss man erst einmal ein Schaf sein. Ich ergänzte: »Ich will es versuchen.« »Das schaffen Sie nie«, war die zögernde Antwort. »Das ist mein Auftrag«, antwortete ich, »um meinen Auftrag erfüllen zu können, muss ich zu Ihnen nach ganz hinten in die Gärten kommen, mit Ihnen in der Küche sitzen oder im Wohnzimmer, wo sonst kein Gast hinkommt, mit Ihnen lachen und weinen und Freude haben.«

Zum Glück Hochdeutsch

Mein Auftrag waren vier Gottesdienste und zwei Bestattungen. Das klingt nach wenig, aber es forderte doch eine ganze Menge, denn so leicht war es nicht ein Schaf zu werden. Meine Heimat ist der Schwarzwald. Was freute ich mich, als man mir sagte: »Ihr Hochdeutsch ist aber gut, wir verstehen Sie.« Das war schon viel, aber eigentlich kein Problem, denn ich komme ursprünglich aus Ostwestfalen und dort spricht man Hochdeutsch.

Potsdam, Berlin, die Havel – unbekannt und doch nicht ganz, denn im Havelland war ich schon einige Male. Ein kleines Ferienhaus bekam ich als Quartier und einen ganz lieben Vermieter, der mir sehr geholfen hat. Er war früher Hausmeister in der Friedenskirche zu Potsdam. (Wo bin ich denn hier? Der Superintendent hat sein Büro in den Gebäuden, die zu Sansoussi gehören!)

Die Gottesdienste hatte ich zu Hause sorgfältig vorbereitet und meine etwas anderen Predigten kamen gut an. Selbstverständlich hielt ich die Sprechstunden im Pfarrhaus ein und die Handwerker freuten sich, dass für die bevorstehende Renovierung der Kirche eine Ansprechperson da war. Ich bekam den Kirchenschlüssel, denn die Winterkirche war im Gemeindesaal. Der Unterschied war mir schon bewusst. Natürlich ging ich mit den Handwerkern durch die Kirche und lernte das Gebäude von Seiten kennen, die sonst kaum ein Pfarrer sieht. Ein Schaf, ja, ein schwarzes, aber auf Zeit.

Für den zweiten Gottesdienst brauchte ich Kontakt zu den Organisten. In meinen Dienststunden übten die Flötengruppe und später auch der Organist. Man sagte mir: »Schließen Sie die Türen, dann stören wir Sie nicht.« Ich antwortete: »Ihre Musik ist wunderschön. Ich bedanke mich sehr dafür.« Und ergänzte, als die Zweifel in den Gesichtern doch zu groß waren: »Besser als das Radio mit der ewigen Werbung!« Wir lachten zusammen, denn das verstand jeder. So war es dann auch! Übungsstunde und kein perfekter Vortrag für einen Gast, ein Wanderer hörte zu, wie die Schafsherde miteinander umging. Nein, kein Wanderer, sondern ein Schaf aus einer anderen Herde, das sich sehr freute vertraute Klänge zu hören.

Spurensuche auf der Havel

Die Bestattungen forderten tatsächlich Grenzüberschreitungen. Mit der Familie des alten Schiffsführers, der mit 92 Jahren das Steuer endgültig aus der Hand gegeben hatte, saß ich in der Familienküche. Wir lachten und weinten zusammen, wie die Familie die Todesanzeige überschrieben hatte. Tränen flossen bei Kindern, Enkeln und Urenkeln und ich versuchte zu verstehen, was mir die Familie in Bruchstücken erzählte. Die meisten waren sehr kirchenfern und wir einigten uns auf den Bibelspruch aus Psalm 119, V.19 Ich bin ein Gast auf Erden. »Geht das?«, fragte man mich. »Ja, das geht«, antwortete ich und merkte: das ist Gottes Wort an uns, daraus kann man etwas machen.

Aber wer war dieser Mann, der hier in Caputh ganz bekannt war? Was heißt Schiffsführer? Denn auf der Havel fahren schon lange nur noch Ausflugsboote. An der Havel standen die Angler, denn die Plötze, die Rotaugen, hatten ihre jährliche Wanderung zu den Laichplätzen. Für die Einheimischen ist »Plötze sauer eingelegt« ein Leckerbissen, für die Gäste der aussterbende, geräucherte Aal, früher der Brotfisch hier. Heute werden die jungen Aale, die Glas­aale fast vollständig in Frankreich und in Hamburg abgefischt und landen in den Mästereien. Mit dem Erfolg, dass der Lebenskreislauf Sargassosee – Märkische Seen und zurück(!) unterbrochen wird und der Aal ausstirbt. Ich begrüßte die Angler mit »Petri Heil« und sie antworteten begeistert »Petri Dank!« Petrus an der Havel! Man muss schon ein »Schaf« sein, um zu verstehen, dass der Apostel Petrus hier im Alltag genannt wird. So ein Name und eine Botschaft morgens an der Havel. Ganz unter uns: Petri Dank.

Bei Caputh legt ein Ausflugsschiff an, das rund um die Insel von Potsdam fährt. Ich fuhr mit und sah mit großer Freude im Kanal die großen Schubeinheiten, die im ausgebaggerten Kanal fahren. Mit Herzklopfen fragte ich den Schiffsführer, ob ich auf die Brücke dürfe und nannte mein Anliegen. Man hatte von dem alten, lange pensionierten Schiffsführer gehört und ich durfte neben dem Kapitän stehen und neben uns fuhren die Schubeinheiten zwischen Elbe und Berlin. Unvergesslich – ein Schaf – ein ziemliches, denn von Binnenschifffahrt hatte ich nun wirklich keine Ahnung – aber im Herzen doch dem alten Schiffsführer ganz nahe, denn jetzt verstand ich ihn, den »Gast auf Erden«. Meine Botschaft wird sein: Wir sind Gottes Gäste hier auf Erden! Wir erwarten von unseren Gästen eine ganze Menge. »Ihr seid Gast auf Erden, benehmt euch auch so.« Höflich und bescheiden und auch ordentlich.

Weinbau aus politischen Gründen

Die zweite Aufgabe war eine Ticktack-Oma. Was ist das denn? Die Uroma hatte eine Uhr, die immer laut schlug. Oma kennt jeder, aber Uroma oder meinen die Erwachsenen die »Uhroma«, wie soll man das als Kind auseinanderhalten. Ich habe auch lange gebraucht, das zu verstehen! Nein, es ist nicht einfach, ein Schaf zu sein. »Wenn Ihr nicht werdet wie die Kinder!« Ihr Trauspruch hieß: »Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben (Joh.15, V. 4 und 5).«

Wo bin ich denn hier? Nicht nördlich des Polarkreises des Weinbaus, 51° n.Br.? In Werder, einer bekannten Insel in den Seen, haben die Zisterzienser, die »weißen Männer«, einst Wein angebaut. Friedrich II förderte den Weinbau, auch aus politischen Gründen, denn die Menschen in seinem Land sollten einheimische Produkte essen und trinken. Wie modern! »Mein Land first!« Schutzzölle und Kaffeeschnüffler bis in die Kaffeerunden in den reichen Häusern. Und man trank doch so gerne Kaffee aus Übersee und rauchte gern Tabak von dort!

Also nach Werder und dann zum Weingut Wachtelberg. Ein Erlebnis: Die Weinberge, die abgeschnittenen Reben, die Weinstöcke… wie zuhause. Dafür so weit gefahren? Überall blühen die Obstbäume im Werder Obstland – wunderschön.

Wer Früchte haben will, der muss gärtnern, hegen und pflegen mit viel Liebe und Einsatz. Ich verstehe jetzt den Pfarrer, der dem jungen Paar diesen Bibelspruch mitgab und auch die Ticktack-Oma, die das gelebt hat.

Ein Fremder hält mich für einheimisch? Ein Kompliment! Bin ich schon ein biss­chen Schaf geworden oder ist der Mann hier gar zu fremd. Ich bin Schaf auf Zeit und weiß das. Wenn ich die herrliche Obstblüte sehe, wenn ich die Weinstöcke sehe, dann meldet sich ein klein bisschen das Heimweh.

Aber ich bin mit Auftrag hier und wir haben erst Halbzeit und das ist gut so.

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