Der Oehler Beck war für seine Brezeln berühmt

Frühere Zeller Bäckerei wird derzeit aufwendig saniert

In der Hinteren Kirchstraße fällt dem Passanten ein
großes Fachwerkgebäude ins Auge. Ein auswärtiger Inves­tor hat es in dankenswerter Weise unternommen, das Haus zu modernisieren.
Das Gebäude wurde 1803 errichtet, wie eine in Stein gehauene Jahreszahl am Kellereingang rechts verrät.

1904 stellte Josef Oehler einen Bauantrag zum Bau einer Bäckerei. Oehler stammte von der gleich­namigen Bäckerei am Ortseingang von Nordrach (heute Café und Bäckerei Geiges). Das Fachwerkgebäude sollte als Wohnhaus und für den Laden genutzt werden. Das Backhaus musste hinter dem Fachwerkhaus neu errichtet werden. Die Offenburger Baubehörde verlangte, dass der Back-Raum eine lichte Höhe von mindestens 2,50 m aufweist. Für den Kamin wurde ein verstärktes Fundament gefordert, damit im Fall einer nachbarschaftlichen Beschwerde über den Rauch das Kamin erhöht werden konnte.
Im Obergeschoss des Backhauses wurde das Mehl gelagert. In der Folge war es eine schweißtreibende Arbeit, wenn die zentnerschweren Mehl-Säcke die Treppe hinauf getragen werden mussten. Neben der Mehlkammer war noch ein Zimmer für einen Knecht vorgesehen.
Die ältere Generation erinnert sich noch an Ludwig Oehler, der nach seinem Vater Josef die Bäckerei übernommen hatte. Er war verheiratet mit Amalie Welle einer Tochter des Welle-Beck in der Oberstadt.
Die Frau wusste, was in einer Bäckerei auf sie zukam. Als Hilfe holte sie ihre ledige Schwester »Luis« Welle ins Geschäft.

Leckere Linzertorten

Die Backwaren vom Oehler-Beck erfreuten sich großer Beliebtheit. Begehrt waren die Weckle, legendär die Brezeln. Treibmittel und Back­mischungen waren dazumal noch Fremdwörter. Ein besonderer Genuss waren die Linzertorten (ohne Beimengung von Kakaopulver), die es in zwei Größen gab. Von einem Metzger, der unweit der Bäckerei in der Metzgerei Meier beschäftigt war, wird erzählt, er habe eine unbändige Vorliebe für diese Köstlichkeit entwickelt. Er kaufte sich regelmäßig eine halbe Linzertorte auf die Hand. Wenn er nach Verlassen des Ladens auf der untersten Stufe der Treppe angekommen war, war vom Kuchen schon nichts mehr zu sehen.

1911 kamen eine kleine Landwirtschaft mit Stallung, Heubühne und Holzschuppen hinzu. Im Stall standen fortan zwei bis drei Kühe. Hinzu kamen ein bis zwei Schweine. Das Gras für die Kühe wurde im Ottersgraben gemäht. Es gehörte zu den Aufgaben von Knecht »Wilhelm« in der Frühe das Futter zu schneiden. Er lud es auf einen zweirädrigen Handkarren. Um das Gefährt mit beachtlicher Ladung die Kirchstraße hinunter abzubremsen, ließ er den Karren nach hinten auf die Standhaken kippen und über das Pflaster schleifen. Im Sommer wurde selbstverständlich Heu gemacht. Ein ehemaliges Nachbarkind erinnert sich noch an das begeisternde »Heihopse«.

Die Vielseitigkeit des Oehler-Beck zeigte sich nicht nur in der Verbindung von Bäckerei und Landwirtschaft. Er handelte auch mit Kohlen, obwohl er den Backofen mit Holz heizte. Der linke der beiden Kellereingänge auf der Frontseite des Hauses führte zum Kohlenkeller. Manche Zeller witzelten, Oehler backe zuerst das Weißbrot, danach verkaufe er Kohlen, um danach das Schwarzbrot zu backen. So erzählt es »Kleebad-Wirt« Hans Heitzmann, ein Neffe des Oehler-Beck. Das Weißbrot hatte übrigens eine ovale Form mit zwei spitzen knusprigen Enden. Die Laibe wurden merkwürdiger Weise »Lochen« (Grenzsteine) genannt; vielleicht wegen der rascheren Austrocknung dieser Brotsorte.

Brezeln für den Stammtisch

Das Brennholz für den Backofen wurde im Alten Wald geschlagen. Der schmale Waldstreifen, den der Oehler-Beck sein Eigen nannte, lag östlich von einem Bombentrichter. In den letzten Kriegstagen hatten hier die Alliierten ein Brennstofflager bombardiert. Der eine oder andere Metallsplitter verfing sich im Holz der Bäume und wuchs ein. Bei der Aufbereitung zu Brennholz sollte es so manches Sägeblatt kosten.
Es war bekannt, dass es beim Oehler-Beck am Samstagnachmittag um 2 Uhr immer noch eine frische »Bachete« mit Brezeln gab. Gerne deckten sich damit die Gaststätten ein. Gegen 17 Uhr kamen die Handwerker zum Feierabend an den Stammtisch. Da durfte das duftende Backwerk nicht fehlen. Manche konnten sich gar nicht bremsen. So verzehrte ein Zeller zu einem einzigen Glas Bier gleich 5 Brezeln, worauf die Wirtin schnippisch meinte: »Wenn wieder Mal Hunger hesch, gehsch gleich zum Ritter-Beck.«

Samstagnachmittag machte sich auch die Bedienstete Luis mit einem Fahrradanhänger auf den Weg. Sie hatte ihn mit allerlei Backwaren beladen. Neben Schwarz- und Weißbrot waren Brezeln und viergeteilte »Batzen«-Weckle im Angebot; auch Schneckennudeln und mit Marmelade gefüllte Teigtaschen. Damit fuhr sie in die Nordracher Straße. Dort warteten schon die Anwohner auf die fahrende Verkäuferin. Wenn trotz des breiten Sortiments ein Backwerk ausging, rannte das Mädchen, das Luis begleitete, zur Bäckerei zurück, um Nachschub zu holen.

Die Verkaufstour endete in Neuhausen an der Sägerei Riehle. Nicht immer trat Luis nach getaner Arbeit sogleich den Heimweg an. Sie unterhielt sich gern mit den Leuten, die ihre Neuigkeiten schätzten. Mittwochs führte die Verkaufstour nach Unterentersbach. Die Bewegung scheint der Frau gut getan zu haben. Sie wurde über 100 Jahre alt.

Einkauf nach dem Gottesdienst

Am Sonntagmorgen nach dem Hauptgottesdienst öffneten Oehlers den Laden. Besonders gerne deckten sich nach dem Gottesdienst die Bauersleute aus dem Umkreis ein. Kuchen, der am Ende liegen zu bleiben drohte, wurde an Kinder verbilligt abgegeben.

Sicherlich hat der Oehler-Beck am Sonntag das ihm eigene Fluchen unterlassen. Wenn ihn nämlich im Alltag etwas fuchste, war er bei dieser Unsitte nur schwer zu bremsen. Der Reihe nach machte er die Heiligen für sein Missgeschick verantwortlich. Vorwurfsvoll bemerkte dann seine Schwägerin Luis: »Hasch jetzt bald alle Heilige runder g’macht?« Ansonsten war er gutmütig. Das Ehepaar Ludwig und Amalie Oehler war kinderlos. Die Kinder der Nachbarschaft wurden für ihre kleinen Botengänge immer großzügig belohnt.

Im kleinen Nebengebäude versorgte Rosa Motz, eine Schwester des Oehler-Beck, das Blumengeschäft der Gärtnerei Josef Lang. Die Frau von Gärtnermeister Josef Lang war gleichfalls eine Schwester des Oehler-Beck.

Anfang der Sechziger Jahre haben die Oehlers ihre Bäckerei aufgegeben. Der »Ritter-Beck« (heute Marie-Beck) in der Hauptstraße nutzte die Gelegenheit, seine Produktion vorübergehend in die Hintere Kirchstraße zu verlegen, um die eigene Backstube auszubauen.

Nach dem Krieg hatte es in Zell noch sechs Bäckereien gegeben. Verschwunden sind inzwischen neben besagtem Oehler-Beck, der Hirsch-Beck in der Hauptstraße (heute Haus Grass), der Welle-Beck in der Oberstadt und die Bäckerei von Karl Gißler in der Fabrikstraße. Geblieben sind der erwähnte Marie-Beck und die Bäckerei Lehmann in der Oberstadt. Neu hinzugekommen ist im Städtle die Filiale der Bäckerei Dreher von Gengenbach.

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