»Versöhnungsgottesdienst« am 31. Oktober

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Als jemand, der mit der reformatorischen Idee notgedrungen befasst war und jemand, der sich mit Martin Luther nicht nur notgedrungen beschäftigte, möchte ich ein paar Sätze zu dem geplanten Gottesdienst am Reformationsfest schreiben.

Persönlich halte ich einen so aufgezogenen Gottesdienst dem Ereignis für nicht recht angemessen. Mich erinnert das an die Lutherfeiern des 19. Jahrhunderts. Unsere Kirche ist immer in der Gefahr, sich zu verfehlen. Einmal, indem sie sich kleiner macht als sie ist, das andere Mal, indem sie sich aufpustet. Weshalb bescheidet sich die evangelische Kirchengemeinde nicht mit dem, was sie sonst auch anbietet, mit einer Einladung zu einem Gottesdienst, in dem ein Bibeltext ausgelegt wird. Martin Luthers Bedeutung besteht doch darin, dass er von der Not »in die Bibel getrieben worden ist« und von daher redete, lebte und webte. Wer bezweifelt, dass wir schon lange in Nöten leben?

Verwirrt bin ich seit langem vom Titel des Ereignisses. »Versöhnungsgottesdienst«.
Mit wem soll ich mich versöhnen? Klar, mit jedem Menschen, immer wieder. Damit habe ich wahrlich genug zu tun. Diese Versöhnung nun soll es wohl zwischen katholisch und evangelisch geben. Haben Sie, liebe Leser, den Eindruck, wir seien unversöhnt oder bisher unversöhnlich? Wieder als Betroffener, als ehemaliger Pfarrer, kann ich feststellen, dass ich mich, zumindest in der Pater-Norbert-Ära bei den Katholen ebenso wohl wie bei den Evangelen fühlte. Und nun soll ich mich versöhnen mit Leuten, die mir zum großen Teil mit Haut und Haar, Leib und Seele, ihrem Glauben und Unglauben gefallen? Ich muss gestehen, dass ich das nur als Versöhnungsgetue verstehen kann. Wenn unser »Papst« aus München den Kardinal küsst, überkommt mich ein Gefühl, als hätte ich zu viele Süßes gegessen.

Ich wünsche mir weiter ein freundliches, auch lustiges und ernsthaftes Miteinander. Vor allem Freude an der Verschiedenheit. Interesse an theologischen Denkwegen. Nein, versöhnen muss ich mich mit keiner Katholikin. Ich bin versöhnt mit ihm, durch und in Jesus Christus. Ein Grund zu feiern. Unsere Versöhnung.

Martin Brunnemann,
Zell a. H.

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