»Früher haben die Leute gelacht«

Ein außergewöhnliches Leben in Alaska – Sepp Herrmann veröffentlicht sein Buch – Drei Buchvorstellungen am 5., 12. und 16. März 2017

Sepp Herrmann, der vielen bekannte Unterharmersbacher, führt seit 40 Jahren ein alternatives Leben als Selbstversorger in Alaskas Wildnis, überlebte eine Grizzly-Attacke und nahm am Yukon Quest teil, dem härtesten Schlittenhunderennen der Welt. Darüber hat er nun ein Buch geschrieben.

Gerade einmal 16 Jahre alt war Sepp Herrmann, »da bin ich hier los«, erzählt der heute 61-Jährige. Zwar hatte er eine im Nordrachtal abgeschlossene Ausbildung zum Industriemechaniker in der Tasche. »Aber ich hatte mir geschworen, dass ich nie wieder zurück in eine Fabrik gehe, das war für mich einfach unmenschlich, man hat nur ein Leben.«
Stattdessen trampte er durch Spanien und Marokko. »Mit 18 bin ich dann das erste Mal nach Skandinavien«, erinnert sich der Mann, der so ruhig und doch voller Leben wirkt, »da war mir klar: Im Süden hatte ich meine Zeit vergeudet, der Norden war’s einfach für mich.« Der Einsamkeit und des Klimas wegen.

1978 zog es ihn noch weiter fort, über den großen Teich. Dort »verknallte« er sich rettungslos in Alaska, als er elf Tage durch dessen nördlichstes Gebirge – die Brooks Range – wanderte. »Die letzten elf Tage haben mehr für mich mehr bedeutet als mein ganzes Leben zuvor«, schrieb er damals in sein Tagebuch. »Ich war so fasziniert, dass ich wusste: Ich habe gefunden, wonach ich die ganze Zeit gesucht hatte«, sagt er heute.
In den drei folgenden Sommern unternahm er jeweils »riesige Wanderungen« in dieser Gegend – jeweils bis zu sechs Wochen lang, »wo ich mich auch in der Wildnis entwickelt habe.« Erst alleine und dann mit einem großen Husky als Pack- und als Wachhund. »Du schläfst besser, wenn ein Hund dabei ist«, konstatiert der Mann, der von sich sagt, damals ziemlich grün gewesen zu sein: »Ich hatte keine Ahnung.« Von der Gefahr durch Grizzlys nämlich.
In den letzten Jahren seien viele dieser Bären durch Trophäenjäger abgeschlachtet worden, beklagt er. Damals dagegen habe es noch »jede Menge Grizzlys« gegeben, »ich habe praktisch täglich einen getroffen.« Ohne einen blassen Schimmer allerdings, wie man sich gegen die durchaus auch aggressiven Tiere verteidigt.

»Heute denke ich ,Mensch, du warst da nicht ganz sauber im Kopf’«, lacht Sepp Herrmann. Aber es ist ein unfrohes Lachen. Denn einige Jahre später wurde zunächst seine damalige Frau von einem Grizzly angefallen und schwer verletzt, später er selbst.

Doch zurück zu seinen anfänglichen Wanderungen durch die Brooks Range. Viel von selbst geangeltem Fisch ernährte er sich in dieser Zeit. Und auch das Jagen lernte er. Denn das Essen für eine so lange Zeit komplett außerhalb der Zivilisation mitzuschleppen, »das kriegen die meisten Leute ja nicht mal mit einem Pferd hin.«

Geliebte Einsamkeit

Schließlich – im Jahre 1982 – baute er sich in dieser Gegend die erste Hütte, aus Baumstämmen und Moos. Hier, 500 Kilometer von der nächsten Einkaufsmöglichkeit entfernt, verbringt er regelmäßig den langen und gänzlich sonnenlosen Winter als Jäger und Fallensteller, vier bis fünf Monate völlig allein mit seinen Hunden. Und mit seinen Büchern, seinem Tagebuch. Gegen die Wände seiner Behausung schaufelt er dann, zum Schutz vor der bitteren Kälte, jenen Schnee, der in dieser sehr trockenen Region nicht höher als einen halben Meter liegt. Falls überhaupt. Bei 40 bis 50 Minusgraden.

Die forderte von dem damals noch Unerfahrenen in dessen erstem Winter prompt Tribut. Als Sepp Herrmann die 100 Kilometer lange Strecke von der Straße bis zur Hütte in Schneeschuhen zurücklegte, nasse Füße bekam und fünfmal im Freien übernachten musste. Aber dort, wo es über den Pass geht, gibt es weder Baum noch Strauch, somit kein Holz und kein Lagerfeuer mehr, »da ist mir das dann mit dem Erfrieren der Füße passiert und ich habe einen Zeh verloren.«
Im Jahr darauf baute er eine zweite kleine Blockhütte, die er auf dem Weg zur »Haupthütte« in zwei Tagesmärschen erreicht. Hier kann er seine Sachen trocknen und sich vor der nächsten Etappe ausruhen. »So mache ich das auch heute noch«, erzählt der moderne Trapper, der die übrige Zeit des Jahres mit seinen wenigen Sommermonaten in der Nähe von Fairbanks lebt.

Hier gehört ihm ein ebenfalls – jedoch nicht ganz so sehr – abgelegenes Stück Land mit einer ebenfalls stromlosen Blockhütte. Hier zieht er für den Eigenbedarf Gemüse und Salat, und hier lebt, in einer eigenen Hütte, der Sohn Atigun. »Er ist der beste Jagdpartner, den ich je gehabt habe«, ist der Auswanderer dankbar für das innige Verhältnis zu dem 25-Jährigen, »anders kann man es nicht sagen.«

Geld nur für die Huskys

Wirklich Geld braucht der Selbstversorger nur für seine Hunde, die Huskys. Geld, das er hauptsächlich durch das Hunderte-von-Kilo-weise Sammeln und Verkaufen von Heidelbeeren und Cranberries verdient. Und von Morcheln, die im Anschluss an die häufigen Waldbrände sprießen. Bis zu 16 Hunde besaß er einmal, »die habe ich selbst gezüchtet« – zu Zeiten, als er Schlittenhunderennen fuhr.

»Darum geht es in meinem Buch«, erzählt Sepp Herrmann, dem der Grizzly, der ihn während des Trainings für den Yukon Quest – für das Rennen aller Rennen – überraschte, das gesamte Huskyteam »zerfetzt hat, nur ein Hund hat überlebt.« Dass das Geschehen ein Unfall gewesen sei, betont der moderne Trapper, um jeglicher Dämonisierung der mächtigen, doch inzwischen stark dezimierten Geschöpfe entgegenzuwirken.

Für einige Wochen nun weilt der gebürtige Unterharmersbacher in seiner ursprünglichen Heimat. Durch fesselnde Dia-Vorträge ist er hier bekannt geworden, in der näheren wie auch weiteren Region. »Früher haben die Leute gelacht«, blickt er zurück in die Zeiten seines Durch-die-Welt-Trampens. Zeiten, in denen er zwischendurch stets in der Heimat Station machte, um mit der Arbeit in einem Sägewerk seinen leeren Geldbeutel zu bestücken – zumindest ein wenig. »Dann aber habe ich meine Bilder gezeigt und die Leute haben gesehen, was ich mache«, erzählt Sepp Herrmann, »und immer mehr Leute haben sich dafür interessiert.«

Also legte er sich eine »gute Kamera zu«. Und doch sind die Gelegenheiten rar, etwas über sein Leben zu erfahren. Vor fünf Jahren hat er seine letzte Vortragsreihe gehalten, zuvor waren zehn Jahre ins Land gegangen.
Zehn Jahre auch hat es gedauert, bis nun sein Buch mit dem Titel »Ch´atth´an – einer jagt, wenn andere schlafen«, herausbringen konnte. Faszinierend bebildert, erscheint es in einer Auflage von 1.500 Stück im Gutacher Drey-Verlag. Für circa 20 Euro wird es ab dem 4. März überall im Buchhandel erhältlich sein.

Buch-Vorstellungen

Buch-Vorstellungen mit Sepp Herrmann finden wie folgt statt: In Zell am Harmersbach am Sonntag,
5. März, um 19 Uhr, im Katholischen Pfarrheim. In Oberharmersbach am Sonntag, 12. März, um 19 Uhr im Stubensaal des Hotel »Bären«. In Nordrach am Donnerstag, 16. März, um 20 Uhr im Pfarr­heim »St. Marien«.